Die Geschichte der Staatsanleihe
Moderne Staaten finanzieren sich einerseits über Steuern und andererseits über Staatsanleihen. Bereits im Spätmittelalter begaben die italienischen Stadtstaaten Anleihen, um ihren steigenden Finanzbedarf zu decken. Wer als Geldanleger eine solche Anleihe erwarb, erhielt eine Urkunde, auf welcher der Nominalwert und ein Rentenanspruch eingetragen waren. Der Begriff Rente bezeichnet in diesem Sinne ein Einkommen, welches ohne Gegenleistung bezogen wird. Die Anleihe ist somit ein Papier mit Nominalwert und Rentenanspruch. Von daher rühren die ebenfalls üblichen Bezeichnungen (verzinsliches) Wertpapier sowie Rentenpapier.
Die Staatsanleihe: ein frühes Kind des modernen Finanzsystems
Im Gegensatz zu heute bestand die Rente einer Staatsanleihe im Mittelalter nicht aus Zinsen. Seit dem 13. Jahrhundert bestand im christlichen Europa das Zinsverbot. Nach dem Alten Testament und dem Koran war es verboten, Zinsen auf geliehenes Geld zu verlangen. Erst im 16. Jahrhundert hob das weltliche Recht das Verbot zunehmend auf. Bis dahin übertrugen die italienischen Städte den Gläubigern ihrer Staatsanleihen statt Zinsen andere Einnahmequellen, zum Beispiel das Recht auf zukünftige Steuern oder Pachteinnahmen. Die Anleihen der italienischen Stadtstaaten hießen ursprünglich Montes, lateinisch für Berge, also im übertragenen Sinne eine Ansammlung von Geld. Die veräußerbaren Anteile an den Montes waren die Vorläufer der börsengehandelten Aktien. Im Jahre 1156 schlossen sich in Venedig die Gläubiger zusammen, bei denen die durch Kriege ruinierte venezianische Republik in der Kreide stand. Mit dem Monte Vecchio, so der Name der Vereinigung der Staatsgläubiger, entstand die erste europäische Bank im modernen Sinne.
Weniger konservativ, als gedacht
Anleihen von Staaten wie Deutschland oder den USA gelten heute als sichere Investitionen. In der Geschichte hatten Staatsanleihen jedoch immer wieder Vertrauensprobleme: Beispielsweise hatte das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg überwiegend mit Anleihen finanziert. Nach dem Krieg blieb ein gewaltiger Schuldenberg, den der Staat durch Anwerfen der Notenpresse abtragen wollte. Die Folge war die Große Inflation der 1920er Jahre, die Staatsanleihen in kurzer Zeit wertlos werden ließ. 1998 bzw. 2002 standen Russland und Argentinien kurz vor dem Staatsbankrott. Im Zuge der Finanzkrise war 2008 Island de facto zahlungsunfähig.
Staatsanleihen werden also nicht immer ihrem konservativen Ruf gerecht. Im Jahr 1989 startete André Kostolany eine seiner berühmtesten Spekulationen: ausgerechnet mit Staatsanleihen. Kostolany kaufte in großen Mengen russische Anleihen aus der Zarenzeit. Die Papiere waren großteils älter als Kostolany selbst, der Preis der Anleihen war bis auf 0,25 % des Nominalwertes abgerutscht. Kostolany spekulierte darauf, dass Russland auf lange Sicht diese Anleihen bedienen muss, um das Vertrauen bei den westlichen Geldgebern nicht endgültig zu verlieren. Zudem war er sich sicher, dass Russland, reich an Rohstoffen, die Schulden auch begleichen konnte. Als Russland 1996 eine 2 Mrd US-$ schwere Anleihe am Eurobondmarkt platzieren wollte, verlangte vor allem Frankreich nach einer Regelung für die alten Zarenanleihen. Man einigte sich auf Entschädigungszahlungen. Für Kostolany bedeutete dies einen Gewinn von fast 6.000 % – keine schlechte Entschädigung.
Aktuell rücken Staatsanleihen wieder vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit: Die Regierungen weiten das Angebot an Anleihen aus, um die Konjunkturpakete im Zuge der Finanzkrise zu finanzieren. Anleger flüchten aus den unsicheren Aktienmärkten in verzinsliche Wertpapiere mit geringem Ausfallrisiko. Einige Experten spekulieren jedoch bereits über die Zahlungsunfähigkeit diverser Staaten. Die Geschichte der Staatsanleihen bleibt spannend.
Quelle: DAB Bank.

