50 Jahre Privatkundengeschäft
Früher vornehmlich Finanziers der Unternehmen, vergaben die Großbanken vor 50 Jahren erstmals Kleinkredite an Verbraucher. Die neue Sparte hat sich bis heute dynamisch entwickelt. Parallel dazu gewannen die privaten Haushalte auch im Anlagebereich deutlich an Gewicht. Das Privatkundengeschäft hat die Bilanzstruktur der führenden Filialbanken nachhaltig verändert.
Am 2. Mai 1959 erlebten die drei Frankfurter Großbanken einen ungeahnten Run auf die Schalter. Der Grund: Die Spitzeninstitute umwarben die Konsumenten mit einem völlig neuen Angebot: dem ungesicherten Kleinkredit bis 2.000 DM. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit und auch in den Banken selbst blieben freilich lange Zeit geteilt. Neben Zustimmung gab es viel Skepsis. Beleg ist ein Fernschreiben, das der Filialleiter einer Großbank am 2. Mai an die Zentrale abschickte: „Die Massen stürmen unsere Schalter, bitte um Anweisung, ob wir schließen sollen.“
Kredite: Billionen-Grenze überschritten
Was klein begann, hat längst volkswirtschaftliche Dimensionen erreicht. Startete das Geschäft 1959 praktisch bei null, so haben die Kredite der deutschen Kreditwirtschaft an Privatpersonen inzwischen mit rund 1.011 Mrd € (224 Mrd € für Konsumzwecke, 787 Mrd € für den Wohnungsbau) die Billionen-Grenze überschritten. Vom gesamten inländischen Kreditgeschäft der Branche entfallen mittlerweile rund 37 % auf Privatdarlehen. Diese Entwicklung war dank deutlich gestiegener Arbeitnehmereinkommen und damit verbesserter Bonität möglich.
Das Wohlstandswachstum der vergangenen Jahrzehnte wirkte nicht nur positiv auf die Kreditwürdigkeit. Vielmehr war es auch die Grundlage für ein beachtliches Sparpotenzial. So dürfte das private Geldvermögen Anfang 2009 rund 4.490 Mrd € erreicht haben. Die privaten Haushalte spielen bei der Kapitalversorgung der Volkswirtschaft längst die bedeutendste Rolle. Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis ging in den vergangenen Jahrzehnten weit überwiegend auf ihr Konto. In manchen Jahren erreichte der Anteil der privaten Ersparnis sogar 100 %.
Die Geburt des Gehaltskontos
Um als große Universalbanken in die kräftig steigenden Kapitalströme eingeschaltet zu bleiben, schufen die Geldinstitute als Instrument der Kundenbindung in den 1960er Jahren das Lohn- und Gehaltskonto, das die Lohntüte ablöste. Zur Erinnerung: Damals ließ die gewerkschaftsnahe Bank für Gemeinwirtschaft ihre Kontoeröffnungsanträge durch Betriebsräte in den Unternehmen verteilen, um möglichst viele Arbeitnehmerkonten auf sich zu konzentrieren. Die daraus resultierenden Spargelder wollte man bei der eilends gegründeten Bank für Spareinlagen und Vermögensbildung (BSV) zentralisieren.
Auch die Frankfurter Großbanken unternahmen besondere Anstrengungen im Wettbewerb um diese millionen Konten und waren damit letztlich erfolgreich. Die Kundenzahl stieg dynamisch. Waren es 1959 erst einige hunderttausend Kunden (hauptsächlich Firmeninhaber, deren Witwen und dieser oder jener Prokurist), so haben Deutsche Bank und Commerzbank / Dresdner Bank heute weit über 20 Mio Retail-Banking-Kunden. Werden in der Gruppe der Großbanken entsprechend der Bundesbankstatistik auch die HypoVereinsbank und die Deutsche Postbank erfasst, liegt die Kundenzahl noch wesentlich höher. Der Anteil der Einlagen von Privatpersonen an der aggregierten Bilanzsumme der genannten Finanzkonzerne erreicht mittlerweile 13 %.
Die aktuelle Finanzkrise hat die Position der privaten Banken, zu denen neben den Großbanken die Regionalbanken, Privatbankiers und Zweigstellen ausländischer Banken gehören, keineswegs geschwächt. Im Gegenteil: Die Einlagen inländischer Privatpersonen sind bei dieser Bankengruppe binnen Jahresfrist per Ende Februar 2009 um 16,4 % gestiegen. Bei den Kreditgenossenschaften erreichte der Zuwachs 5,9 % und bei den Sparkassen 4,1 %.
Meilenstein Wiedervereinigung
Ein Meilenstein war für die privaten Banken die Wiedervereinigung. Das Geschäft in den östlichen Bundesländern musste damals völlig neu aufgebaut werden. Zu DDR-Zeiten war die Geldanlage auf Sparkonten mit einheitlicher Verzinsung bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken beschränkt. Private Banken gab es im Sozialismus nicht. Sie eroberten im Einlagengeschäft rasch Marktanteile, doch noch dynamischer entwickelte sich die Vergabe von Krediten an Privatpersonen, die in Ostdeutschland (ohne Berlin) aktuell ein Volumen von insgesamt rund 50,5 Mrd € erreicht haben. Die privaten Banken sind hier mit Abstand Marktführer vor den Sparkassen und den Genossenschaftsbanken.
Sogar noch stärker ist die Position der privaten Banken im Bereich der Unternehmenskredite. Die Marktanteile bei einem Gesamtvolumen von 42,5 Mrd € per Ende 2008: Private Banken 53 %, Sparkassen 20 %, Genossenschaftsbanken 8 %.

