Orientierungshilfen
Gut ein Jahr ist es her, dass die damals viertgrößte amerikanische Investmentbank Lehman Brothers nach milliardenschweren Verlusten Gläubigerschutz beantragen musste und die Regierung Bush entschied, das Institut nicht vor einer Insolvenz zu retten. | Inge Niebergall
Gut ein Jahr ist es her, dass die damals viertgrößte amerikanische Investmentbank Lehman Brothers nach milliardenschweren Verlusten Gläubigerschutz beantragen musste und die Regierung Bush entschied, das Institut nicht vor einer Insolvenz zu retten. Ausgelöst durch dieses Ereignis, erreichte die Finanzmarktkrise danach immer neue Eskalationsstufen. Weltweit war akute Krisenbewältigung zunächst oberstes Gebot. Aber neben der Aufarbeitung der Fehler seitens der Banken, der Politik, der Regulierungsbehörden, der Notenbanken sowie der Rating-Agenturen ist auch eine breite gesellschaftspolitische Diskussion über die Ursachen der Krise in Gang gekommen. Ethische Fragen gewinnen an Raum.
Insbesondere die beiden großen christlichen Kirchen haben zuletzt mit ihren Beiträgen beachtliche Akzente gesetzt und klar Stellung bezogen. Sei es Papst Benedikt XVI. in der Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ oder der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der sich zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise unter der Überschrift „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ geäußert hat – ein Text mit kritischem Grundton, dem man wie der Enzyklika viele Leser wünscht. Darin weist die EKD mit bisweilen scharfen Worten auf Fehler der Kreditinstitute hin. Fehler, zu denen sich die privaten Banken wiederholt öffentlich bekannt haben. Doch die EKD spannt den Bogen weiter und betont, dass die Suche nach dem Sündenbock nicht helfe, denn Viele hätten mitgemacht. So werden die Mitverantwortung des Staates, der Finanzaufsicht und der öffentlich-rechtlichen Banken ebenso angesprochen wie die Rolle der Verbraucher. Mit Blick auf die Privatanleger nennt die EKD als eine Ursache der Krise eine „allgemeine Mentalität des schnellen Geldes“. Wörtlich heißt es: „Wie selbstverständlich wurden auch von Verbrauchern kurzfristig hohe Renditen erwartet, ohne sie ins Verhältnis zu den damit verbundenen hohen Risiken zu setzen.“
Die Wirtschafts- und Finanzkrise zeige deutlich, so der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber, in seinem Vorwort, „dass nur verantwortete Freiheit wirkliche Freiheit ist“. Das gelte für Wirtschaft wie Politik ebenso wie für das persönliche Verhalten. Denn, so sein Schluss, „Freiheit ohne Verantwortung verkommt“. Hubers Worte sind eine Einladung an alle Marktakteure, aber auch an eine jede Bank und jeden Banker, in diesem Zusammenhang einmal über das eigene Tun nachzudenken.

