Krise - Gefahr und Chance zugleich
Weltweit klingen die Meldungen zur wirtschaftlichen Lage beunruhigend: In Deutschland brach im Januar der Export um 20,7 % gegenüber dem Vorjahr ein - so stark wie seit 1993 nicht mehr; die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten stieg auf den höchsten Stand seit einem Vierteljahrhundert, und der japanische Nikkei-Index lag Anfang März so niedrig wie zuletzt 1982. | Inge Niebergall
Diese Negativmeldungen verdeutlichen einerseits, dass wir es mit einer internationalen Krise zu tun haben. Einer bislang so noch nicht erlebten Krise, die ein international koordiniertes Vorgehen notwendig macht. Aber genau hierin liegt andererseits auch die Chance der Krise, nämlich nun gemeinsam die Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte neu zu gestalten.
Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen. Das eine Zeichen bedeutet Gefahr, das andere steht für Chance oder Gelegenheit. Treffender kann man die zwei Seiten der Krise kaum charakterisieren. Denn bei aller akuten Krisenbekämpfung kommt es jetzt darauf an, die Chance zu nutzen und international abgestimmte Regeln einzuführen. In diesem Sinne haben sich im Vorfeld des G20-Treffens in London Bundeskanzlerin Merkel und Bundesfinanzminister Steinbrück wiederholt geäußert. Und auch US-Präsident Obamabetonte vor dem Gipfel seine Entschlossenheit, „diese Gelegenheit zu ergreifen, um weitreichende Reformen unseres regulatorischen und aufsichtsrechtlichen Rahmenwerks voranzubringen“.
Sicherlich trägt die Schärfe der Krise dazu bei, dass wir erstmals wirklich die Chance haben, zu international tragfähigen Vereinbarungen zu kommen. Denn bei der globalen Krisenprävention und beim Krisenmanagement ist ein abgestimmtes Vorgehen vonnöten. Konkret heißt das: Schließung von Transparenz- und Regulierungslücken im heutigen System der Finanzaufsicht und engere Verzahnung von Institutsaufsicht und makroökonomischer Stabilitätsanalyse. Eine zentrale Lehre aus der Finanzmarktkrise muss sein, dass künftig kein Markt, kein Marktteilnehmer und auch kein Produkt mehr ohne angemessene staatliche Aufsicht und Regulierung bleiben kann. Dies unterstrich auch Kanzlerin Merkel in ihrer Rede anlässlich des Präsidentenwechsels beim Bankenverband: „Die Überwachung bedarf auch global agierender Akteure. Das ist ein Prozess, mit dem sich viele Länder sehr, sehr schwer tun, weil man ein Stück Souveränität aus der Hand gibt. (…) Aber globales Wirtschaften wird auch dies erfordern.“ Der Londoner Gipfel hat hier deutliche Fortschritte gebracht.

