Der politische Einfluss von Rating-Agenturen
Die jüngste Finanzmarktkrise hat erneut gezeigt, dass Ratingagenturen auf Grund ihres umfangreichen Einsatzes zu Regulierungszwecken und ihres Einflusses auf die Finanzierungskosten von Unternehmen und Staaten zu äußerst wichtigen Akteuren der globalen Finanzmärkte gehören. Am Beispiel der USA und Deutschlands analysiert der Autor anschaulich die politische und wissenschaftliche Debatte über Ratingagenturen und entwickelt ein neues politikwissenschaftliches Modell, um den nicht legitimierten politischen Einfluss dieser Finanzmarktakteure erklären zu können.
Die Arbeit, zugleich die an der Universität Trier angenommene Dissertationsschrift Rosenbaums, betrachtet Ratings nicht isoliert von dem strategischen Verhalten der Regierungen und integriert gleichzeitig relevante Charakteristika des politischen Systems sowie ökonomische und gesellschaftliche Rahmendaten. Das Vorgehen anhand eines neuen politikwissenschaftlichen Modells knüpft explizit an die Tradition der Neuen Politischen Ökonomie an und orientiert sich vor allem an der "Ökonomische Theorie der Demokratie" von Anthony Downs, ergänzt um Überlegungen von Philipp Herder-Dorneich und Manfred Groser.
Die Grundidee unterstellt Regierungen und Wählern ein eigennutzorientiertes Handeln und geht davon aus, dass Politiker Programme nur aufstellen, um wiedergewählt zu werden. Sie erstellen ein "optimales Budget", das ihre Wahlchancen maximiert. Dieses Budget beschreibt den Punkt, an dem die Staatsausgaben den maximalen politischen Ertrag liefern, ohne dass die politischen Kosten diesen Ertrag zu sehr übersteigen. Die Ratingagenturen spielen in diesem Modell insofern eine Rolle, als durch eine Herabstufung des Staates die Regierung ihr optimales Budget nicht mehr umsetzen kann, weil zum Beispiel die Zinsen der Staatsanleihen und damit die Finanzierungskosten steigen.
Rosenbaum geht auch der Frage nach, in wieweit Länder, die sich über Emissionen am Kapitalmarkt finanzieren, selbst vom Bonitätsurteil der Ratinganalysten abhängen und daher ihre Politik an deren Meinungen und Einschätzungen ausrichten. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Ratings wesentliche Rahmendaten des "Stimmenmaximierungskalküls" der Regierung verändern und dadurch auf Umfang und Struktur des Staatshaushalts einwirken, ohne dabei in irgendeiner Weise den Regierungen konkrete Vorschriften zu machen. Das Buch bereichert die bisherige Ratingliteratur mit der Berücksichtigung polit-ökonomischer Zusammenhänge und geht über das eigentliche Forschungsobjekt "Ratingagentur" zum Teil weit hinaus. Lesern, die an der wissenschaftlichen Durchdringung des behandelten Themas interessiert sind, kann das Buch zur Lektüre empfohlen werden.
Dr. Stefan Hirschmann
Rosenbaum, Jens: Der politische Einfluss von Rating-Agenturen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 244 S., 24,90 €, ISBN 978-3-531-16491-5

