Länderrisiken
Stabilität durch europaweite Wirtschafts- und Finanzpolitik
 

Europa ist schwach, Amerika ist stark. Das signalisieren die Märkte und auch die Windrichtung der wichtigsten geopolitischen Impulse kommt derzeit einmal mehr aus den USA.

In Europa dagegen finden die dringend erforderlichen Reformen in den zentralen Ländern Italien und Frankreich nur sehr verhalten statt. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Defizite in der Infrastruktur und erhebliche Negativeffekte – vor allem in der Agrar- und Lebensmittelindustrie – durch die selbst verschuldeten Russland-Sanktionen belasten die Konjunktur und sorgen für steigende Länderrisiken. Vor allem der Ukraine-Konflikt lastet schwer und droht längerfristige Krisenfolgen nach sich zu ziehen. Die Sanktionen der westlichen Konfliktparteien wirken negativ auf die internationale Wirtschaft und die Finanzmärkten. Ob sie als Erfolg zu werten sind, ist fraglich. Sie sind ein dienliches Instrument, wenn es darum geht, der russischen Wirtschaft Kosten aufzuerlegen und sie damit zu schwächen. Ihre politische Wirkung in der Beeinflussung der russischen Außenpolitik sowie als Beitrag zur Lösung des Ukraine-Konflikts scheinen nicht gesichert. Gemäß einer Marktstudie der Erste Asset Management (Erste AM) ist die längerfristige Perspektive für Investoren noch wichtiger als die unmittelbaren Krisenfolgen. Es sei nicht davon auszugehen, dass sich die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen den Konfliktparteien, vor allem zwischen Europa und Russland, in absehbarer Zukunft normalisieren, schreiben die Analysten. Europäische Unternehmen und Investoren werden zurückhaltender sein als zuvor. Gleichzeitig dürften durch den Konflikt und die Sanktionen die antiliberalen Kräfte in Russland, die für mehr Staatseinfluss und mehr Autarkie eintreten, weiter Auftrieb bekommen. Die Folge ist ein mittelfristig gedämpftes Wirtschaftswachstum, da ausländische Direktinvestitionen fehlen. Gleichzeitig dürften in Russland die Bemühungen steigen, Wirtschaftsbereiche außerhalb des Rohstoffsektors zu entwickeln und zu stärken. „Europa funktioniert aber nur mit Russland“, sagt Markus Schön (Foto), Geschäftsführer der Deutsche Vorsorge Asset Management (DVAM). Das Land ist mit einem Volumen von 335 Mrd. € drittgrößter Handelspartner für die EU. Jährlich werden Güter und Dienstleistungen von rund 120 Mrd. € aus Europa nach Russland exportiert. Eine Verständigung und Lösung der derzeitigen Spannungen werde allerdings durch die politischen Interessen der USA erschwert, so Schön vor Mitgliedern des Düsseldorfer Finanz Forums (DFF). Die Einschätzung traf nicht auf ungeteilte Zustimmung der anwesenden Finanzmarktexperten, zumal die Vereinigten Staaten erkannt haben, dass eine Lösung der geopolitischen Probleme im Iran nicht ohne Russland zu bewerkstelligen sein wird. Gleichwohl stehen mögliche Änderungen im Sanktionsregime derzeit kaum zu erwarten. Die Parlamentswahlen vom 26. Oktober haben sich als ein massives politisches Problem erwiesen, denn ein Wahlergebnis, das nicht von allen involvierten Konfliktparteien anerkannt wird, liefert keinen positiven Lösungsbeitrag. Unklar ist zudem, in welchem Forum die zuletzt mehrfach – auch vom US-Präsidenten – eingeforderte diplomatische Lösung des Konflikts angegangen werden soll. Europa müsse sich stärker als wirtschaftliche, aber vor allem kulturelle und soziale Einheit verstehen, meint Schön. Auf dieser Basis sollten verlässliche Leitlinien gesetzt werden, die in Politik und Bevölkerung eine möglichst breite Akzeptanz finden. Ziel sei eine arbeitsteilige europäische Gesellschaft, in der die Staaten zurücktreten und ein übergeordneter Europagedanke reanimiert werde. Hier müsse Deutschland eine Vorreiterrolle übernehmen und beispielhafte Wirtschafts- und Finanzpolitik gestalten, so Schön. Fazit: Dies geht nur mit mehr statt weniger Europa.

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
11.11.2014
Quelle(n):

Fotos: Bernd Schaller (Bank-Verlag)
Düsseldorfer Finanz Forum vom 10.11.2014
Erste AM: Der Ukraine-Konflikt – Eine Zwischenbilanz in zehn Punkten (10/2014)

Autor/in 
Stefan Hirschmann
Dr. Stefan Hirschmann ist  Chefredakteur der Zeitschrift „die bank“
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