CeBIT-Nachlese
Schöne, neue, vernetzte Welt!?
 

Hawaii oder Rügen – welchen Urlaub lässt das Konto in diesem Sommer zu? In Zukunft könnte ein Banking Programm diese Frage für uns beantworten – völlig objektiv und nach rein pekuniären Gesichtspunkten entschieden. Was auch immer bezahlt werden muss: Das Programm scannt Rechnungen, bereitet die Überweisung vor und kennt so alle Ausgaben.

Natürlich ermittelt die Software auf die entsprechende Frage hin auch alle relevanten Flug- und Hotelpreise. Kombiniert mit den regelmäßigen Einnahmen berechnet das schlaue Stückchen Programm dann exakt, ob der Kontobesitzer sich einen kostpieligen Urlaub leisten kann, oder ob er vielleicht doch besser daheim bleiben sollte. Zukunftsmusik? Ja, aber vieles davon ist bereits Realität. Zumindest in den USA. Eine virtuelle Reise in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten unternahm Zukunftsforscher Nick Sohnemann mit seinen Zuhörern auf der CeBIT. Die App von GoBank war da nur der Startpunkt.

Nicht jedem mag die Vorstellung zusagen, dass intelligente Programme nicht nur eine Fülle von Daten über uns sammeln, sondern diese vielmehr auch dazu nutzen, uns zu steuern – und sei es nur bei der Urlaubsplanung. Glaubt man den Trendforschern, ist das erst der Anfang. Was sich zunehmend als digitale Transformation auch in Deutschland seinen Weg bahnt, wird künftig unter dem Schlagwort „d!conomy“ alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche erfassen und unser Leben neu ordnen und bestimmen. Ein riesiges Konglomerat aus Cloudtechnologie, Big Data und Industrie 4.0 bricht über uns herein. Zögern oder widersetzen scheint unmöglich, will man nicht vollends den Anschluss verpassen.

Das Internet der Dinge kommt

Wo die physische Welt sich mit der virtuellen vernetzt, spricht man vom Internet der Dinge (Internet of Things, IoT). Was Sohnemann in Hannover mitreißend als Next Technology Wave beschrieb, war eine neue Welt, die so manchen an die TV-Serien seiner Kindheit erinnert haben dürfte. Das Auto kommt auf Zuruf, ganz wie der K.I.T.T. beim „Knight Rider“. Das Auto fährt natürlich, wie könnte es anders sein, autonom. Der Begriff „Auto-mobil“, dieses griechisch-lateinische Mixword, das man mit selbstständiger Bewegung unzureichend übersetzen könnte, wird seiner tatsächlichen Bedeutung dadurch gerechter. Das Auto der Zukunft navigiert selbstständig, lenkt, beschleunigt und hält rundherum korrekte Sicherheitsabstände ein. Zukunftsvisionen? Vielleicht, aber gar nicht mehr so weit entfernt. Auch deutsche Autobauer haben schon entsprechende Entwürfe in der Pipeline. Bislang müssen sie zum Testen solcher Entwicklungen in die USA reisen. Ihre Beschwerden über diesen vermeintlichen Standortnachteil haben dazu geführt, dass das Bundesverkehrsministerium demnächst einen Abschnitt der A9 als Teststrecke für die führerlosen Fahrzeuge bereitstellen will. Wenn´s funktioniert, wird der Fahrer bald zum Passagier im Individualverkehr und nutzt seine Zeit für andere Tätigkeiten: Er kann im Auto auf Displays in Desktop-Größe diverse Arbeiten erledigen oder, ganz simpel, das Essen für den Abend vorwählen.

Die Tür zu seinem intelligenten, vernetzten Zuhause öffnet der Besitzer natürlich ohne Schlüssel; er tippt einfach einen Code in sein Smartphone ein. Das reicht, um eine ganze Reihe von Systemen hochlaufen zu lassen. Sie schalten Musik oder das Licht an ausgewählten Stellen der Wohnung ein, beamen das Lieblingsprogramm auf den wandgroßen Flatscreen im Wohnzimmer und und lassen das Essen auf dem Herd warm werden. Samsung beispielsweise demonstriert mit seinem System Smart Home, was alles möglich ist. Ein Video zeigt die Hausbesitzer in der Küche, aber nicht etwa beim Kochen, sondern am riesigen Display des Kühlschranks, von dem aus sich nicht nur die Heizanlage des Hauses steuern lässt, sondern auch Telefonate entgegengenommen werden können. Gleichzeitig ist die Steuerung natürlich so intelligent, den aktuellen Stromverbrauch mit der letzten Stromabrechnung in Verbindung zu bringen. Drohen Mehrausgaben, wird im menschenleeren Flur kurzerhand die Beleuchtung ausgeschaltet.

Im Büro fährt der Roboter für uns zum Kopierer oder zum Kaffeeautomaten. Im Baumarkt muss man nicht mehr endlose Gänge nach einem verfügbaren Mitarbeiter absuchen. Statt dessen wartet am Eingang ein Roboter, der die mitgebrachte Schraube scannt, erkennt und vorweg fährt auf dem Weg zum richtigen Regal. Der Clou: ein geeigneter Algorhythmus hat blitzschnell erkannt, was der Kunde sonst noch brauchen könnte, und auf seinem Weg zu den Schrauben sieht der Kunde auf einem Bildschirm im Rücken des Roboters einen Werbespot für den passenden Schraubensicherungslack.

Daheim können Roboter nicht nur simple Arbeiten übernehmen, wie die schon heute in vielen privaten Haushalten zu findenden automatischen Staubsauger oder Rasenmäher. In der Welt des IoT bieten sich sogenannte Cognitoys wie der Roboter von Jibo als Unterhalter an, sie können teilweise sogar schon Stimmungen ihrer Besitzer einfangen und kleine Gespräche führen oder abends den Kindern interaktive Geschichten erzählen. Ob man das mag oder gut findet, sei dahin gestellt. Faszinierend ist die Vielfalt der Möglichkeiten allemal.

Für Unternehmen bedeutet der digitale Wandel vor allem eins: „Change Your Business“, also einen Wandel des Geschäftsmodells. Wer sich diesem Wandel widersetzt oder auch, wer ihn nur halbherzig vollzieht, läuft Gefahr, nicht nur den Anschluss, sondern sein komplettes Geschäftsmodell zu verlieren. „Transform or die“, nannte es Nick Sohnemann und appellierte gleichzeitig an die Zuhörer, neuen Ideen eine Chance zu geben: „Macht es einfach!“ In Deutschland hält man seiner Ansicht nach noch viel zu sehr an Prinzipien fest und verschenkt dadurch viele Chancen. Amerikanische Unternehmen hätten eher die Mentalität, einfach loszulegen und den eigenen Ideen zu vertrauen.

Allerdings trauen sich auch hierzulande zahlreiche Start-ups durchaus – und berechtigt – etwas zu. Die Sonderschau Code_n im Rahmen der CeBIT zeigte zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten und innovative Branchenlösungen aus den Bereichen Gesundheit, Finanzen, Transport, Herstellung, Verkauf und Energie. Ursprünglich hatten 400 Start-ups ihre Ideen in den Bereichen Industry 4.0, Future Mobility, Smart City und Digital Life eingereicht. Darunter war etwa ein Analysetool zur Bekämpfung von Energieverschwendung, ein Verkehrsmanagementsystem zur Stauvermeidung sowie mehrere prädiktive Analyseverfahren, mit denen sich zum Beispiel Markttrends frühzeitig erkennen und beeinflussen lassen. Auch der Gesundheitsbereich bietet vielfältige Chancen für Start-ups: Apps übertragen gesundheitlich relevante Daten direkt an den Rechner des behandelnden Arztes und lassen so schnellere Diagnosen zu. Eine andere Idee beschäftigte sich mit der temperaturkritischen Lagerung des von Diabetikern benötigten Insulins; und wer möchte, kann seine Aktivitätsdaten künftig direkt von einer schlauen Einlegesohle in den Sportschuhen zur Auswertung des Bewegungsprofils an den Rechner übertragen lassen.

Den Wettbewerb der 50 Code_n-Finalisten gewann schließlich Relayr. Das Berliner Unternehmen ebnet App-Entwicklern den Weg ins IoT. Sein Vorzeigeprodukt „WunderBar“ heißt wie ein existierender Karamellriegel, sieht aber aus wie eine Tafel Schokolade und beinhaltet modernste Technik mit vielerlei Sensoren. Einzelne Stücke der Tafel können abgebrochen und an physischen Gegenständen angebracht werden. Softwareentwickler sind so in der Lage, ohne Kenntnisse von Elektrotechnik Anwendungen für Smartphones zu entwickeln, die auf Messdaten zugreifen und diese analysieren; etwa eine App, die die Temperatur im Weinkeller kontrolliert oder das Feuchtigkeitsniveau im heimischen Gewächshaus.

Die Kasse muss stimmen

Für Unternehmen ist es wichtig, neue Produkte zu entwickeln. Noch wichtiger ist aber: Sie müssen Geld verdienen. Das geht natürlich nur, wenn genügend Kunden die Produkte kaufen. Also müsse am Anfang aller Überlegungen die Frage stehen: „Was will der Kunde?“, brachte es Unternehmensberater Alexander Menke (A. T. Kearney) auf den Punkt.  Unternehmen sollten sich die Sichtweise der Kunden zu eigen machen, aus Use Cases disruptive Geschäftsmodelle entwickeln und zum Leben erwecken.

Ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Branche komplett wandeln muss, ist die Zeitungslandschaft. Wer heute einfach nur Buchstaben und Fotos auf Papier druckt, muss sich nicht wundern, wenn die Kunden, sprich Abonennten, davonlaufen. Der Leser erwartet mehr von „seiner“ Zeitung – und bekommt das in meisten Fällen auch. Die Webseiten der Verlage bieten zu den Fachbeiträgen ergänzende Interviews oder Hintergrundwissen an, zeigen im Netz komplette Fotostrecken oder Videomaterial, das alles ansprechend umgesetzt und jederzeit und überall abrufbar. Umfragen beweisen, dass die Leser durchaus bereit sind, für gut aufbereiteten journalistischen Content auch Geld zu zahlen.

Kodak hingegen gilt bei vielen als Beispiel dafür, wie mangelnde Bereitschaft zum Wandel oder die nicht passende Umsetzung der Erkenntnisse ein Unternehmen in die zeitweilige Insolvenz treiben kann. Während alle Welt längst digitale Fotografien auf den heimischen Rechnern speicherte, setzten die Amerikaner immer noch auf die analoge Fotografie und hinkten mit den spät entwickelten eigenen Digitalkameras dem Markt hinterher. Heute tut sich der ehemalige Traditionskonzern sehr schwer und kämpft etwa mit spezialisierten Druckern in Drogeriemärkten ums Überleben.

Wie schon Sohnemann, so bezeichnet auch Menke die USA in Sachen Entwicklung als Vorbild. In Deutschland folge die Produktentwicklung vorab definierten Standards – in den Staaten sei dies genau umgekehrt. Doch auch in Deutschland haben viele Unternehmen bereits ihre „Labs“ eingerichtet, in denen Digital Natives völlig unbelastet von Vorgaben neue Dinge entwickeln können und sich dabei auf der Spielwiese ihres oft gigantischen Ideenreichtums austoben dürfen. Was von traditionell ausgebildeten Entwicklern gern als „Spielplatz“ betrachtet wird, bringt jedoch im besten Fall innovative Geschäftsmodelle hervor, die einen positiven Einfluss auf das Gesamtgeschäft haben.

Totale Vernetzung

In Zukunft wird jeder und alles immer und überall mit jedem und allem vernetzt sein. Auch auf dem Land geht bald nichts mehr ohne d!conomy. Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern forscht unter anderem über über Automatisierung und Anlagenbau, Energiemanagement und Informationssysteme. Auf der CeBIT stellten die Forscher Lösungen aus der Initiative Smart Rural Areas vor. Kernthema: Wie können aus intelligenten Informations- und Kommunikationstechnologien auch für kleine Städte und Dörfer neue Zukunftsperspektiven erwachsen?

Ein Projekt „Digitale Dörfer“ steht kurz vor dem Start. Angedacht sind Testregionen in Rheinland-Pfalz, in denen unter realen Bedingungen, aber auch virtuell in einem Living Lab am Institut, neue Geschäftsmodelle und Technologien für das Land von morgen entwickelt und erprobt werden. An einem interaktiven Multimedia-Tisch konnten die Besucher einen Kurztrip in die Zukunft unternehmen und ausprobieren, wie durch eine intelligente Infrastruktur für die zentralen Lebensbereiche der Landflucht entgegengewirkt werden kann. Dazu gehören nicht nur Grundbedürfnisse wie medizinische Versorgung, Energie oder Mobilität.

Die Probleme verbergen sich oft an ganz unvermuteten Stellen. Natürlich kaufen auch auf den Land die Menschen viel und oft online ein. Das größte Problem der Logistiker, die berühmte letzte Meile bis zum Kunden, stellt die Lieferanten aber hier vor größere Herausforderungen als in dichtbesiedelten Städten, wo die Paketempfänger nicht so weit voneinander weg wohnen. Umdenken ist gefragt. Warum also soll der Büroangestellte, der abends aus der Stadt heimwärts in sein Dorf fährt, nicht gleich ein Paket für einen Nachbarn mitnehmen? Mit einer vernetzten Logistikstruktur ist das kein Problem. Und wer für seinen Dienst mit kleinen Anreizen belohnt wird, beispielsweise Creditpoints für eigene Paketsendungen erhält, nimmt die kleine Mühe sicher gern auf sich.

Selbst auf dem Bauernhof geht nichts mehr ohne komplette Vernetzung. Der moderne Landwirt weiß, in welcher Gemarkung der Maschinenring aktuell den Weizen für ihn drischt. Die GPS-Daten des Mähdreschers kann er daheim am PC verfolgen. Das ist schon lange Realität. Spinnt man den Gedanken nur ein wenig weiter, kommt man zu selbstständig fahrenden Schleppern und Erntefahrzeugen, ähnlich wie die autonomen Fahrzeuge für den Personenverkehr. Die Steuerung des Mähdreschers weiß natürlich, wann der Auffangbehälter geleert werden muss und steuert selbstständig das parallel fahrende Traktorgespann an. Beide Maschinen „unterhalten“ sich, stimmen ihre Geschwindigkeiten aufeinander ab, das Umladen funktioniert tadellos. Smarte Kommunikation nennt sich das dann neudeutsch.

Was aber, wenn das Prozedere nicht problemlos verläuft? Wenn die Vielzahl der Daten, die auf- und miteinander abgeglichen werden müssen, nicht zueinanderpasst, nicht harmoniert, sich nicht versteht? Wer trägt die Schuld, wenn der Traktor den Mähdrescher rammt? Der Programmierer der Traktorsteuerung, oder derjenige, der den Mähdrescher verantwortet hat? Programme brauchen ständig Updates oder Patches, zertifiziert ist meist aber nur die Ursprungsversion des Programms. Wer ist also für die aktuell genutzte Version verantwortlich?

Grundvoraussetzung für Smart Communication ist die Sammlung von Big Data, unvorstellbar großen Datenmengen, die jedes Fitzelchen an Information über alles und jeden speichern. Aber: Wo viele Daten im virtuellen Raum schwirren, gibt es viele Einfallstore für Angreifer. Das Risiko auf dem Weizenfeld ist überschaubar, aber vergleichbare Szenarien im Flugbetrieb mit hunderten Passagieren hätten katastrophale Auswirkungen. Gar nicht erst vorstellen mag man sich terroristische Angriffe auf die Datenströme.

Nicht nur der Schutz der Daten ist wichtig, vielmehr nimmt die Frage der Kontrolle über die Daten einen immer breiteren Raum ein. Diese Nutzungskontrolle über die Datenvielfalt wirft derzeit noch mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sie zu bändigen, dürfte eins der größten Probleme unserer näheren Zukunft werden – damit man die schöne, neue, vernetzte Welt auch wirklich sorglos genießen kann.

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Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
20.03.2015
Erschienen in Ausgabe:

Quelle(n):

Bildquelle: © Harvepino / iStockphoto

Autor/in 
Anja U. Kraus
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