Digitalisierte Kommunalfinanzierung
Online-Kredite für den Kämmerer
 

Bei der Darlehensvergabe an Privatleute und Unternehmen haben sich Online-Plattformen zum Kreditvergleich oder zur Kreditvermittlung längst ihren Platz erobert. Der nächste Schritt ist die digitale Finanzierung von Städten und Gemeinden. Dieser – bisher den Banken und Sparkassen vorbehaltene – Markt steht vor einem strukturellen Wandel.

Die Zeiten für die Finanzierung deutscher Städte und Gemeinden sind schwierig: In der Niedrigzinsphase und auf den mit Liquidität gefluteten Märkten werden vermögende Kommunen für ihre Guthaben mit Negativzinsen bestraft. Gleichzeitig ziehen sich Banken und Sparkassen aus der Kommunalfinanzierung mit ihren traditionell niedrigen Margen zurück. Einer 2016 unter Kämmerern durchgeführten Befragung der Fachzeitschrift „Der Neue Kämmerer“ zufolge gaben im Durchschnitt 37 Prozent der Teilnehmer an, ihr Kreditangebot sei in den vergangenen fünf Jahren rückläufig. Bei den Großstädten hatten dies sogar 56 Prozent zu spüren bekommen.

Damit schwinden die gewachsenen Finanzierungsstrukturen für die öffentliche Hand. Überdies schließen die Banken angesichts der Marktsituation vermehrt Filialen, was das regional geprägte Geschäft mit Kommunalkrediten weiter erschwert. Folge ist, dass Städte und Gemeinden länger nach Kreditgebern suchen müssen. Dabei sind sie attraktive Kreditnehmer für Banken und institutionelle Investoren, denn die circa 12.000 deutschen Kommunen sind per Gesetz nicht insolvenzfähig. Banken können den Kommunalfinanzierungen also ein Risikogewicht von null zuteilen, weshalb jene risikolos und zudem eigenkapitalneutral sind.

Diese Eigenarten als hochgradig sichere Anlageklasse begründen die privilegierte Behandlung von Kommunalfinanzierungen als geeignete Anlageklasse für Pfandbriefe oder Versicherungskapital. Zudem bestehen für Kommunaldarlehen keinen Meldepflichten und Großkreditgrenzen. Zu diesen regulatorischen Privilegien kommt noch hinzu, dass aus ökonomischer Sicht kurz- bis mitttelfristige Kassenkredite für Banken aktuell eine sehr attraktive Alternative zu negativ verzinsten EZB-Einlagen darstellen. Der Kreditmarkt in diesem Bereich ist gewaltig: Inklusive der Kommunalunternehmen umfasst er ein jährliches Volumen von rund 290 Mrd. €. Und potenzielle Finanziers gibt es reichlich: Institutionelle, risiko-averse Investoren wie Versicherungen, Pensionskassen, Rentenfonds und Stiftungen haben schon immer indirekt über Geschäftsbanken in Kommunalfinanzierungen investiert. Zudem dringen Auslandsbanken in den deutschen Kommunalmarkt, vor allem aus Österreich, den Niederlanden und Schweden.

Bislang fehlte in Deutschland jedoch eine Möglichkeit, die Kommunen und ihre potenziellen Kreditgeber direkt zu vernetzen. Seit Anfang 2017 bringt das auf Kommunalkredite spezialisierte und unabhängige Münchener Start-up CommneX kommunale Nachfrager und mögliche Investoren auf einer zentralen, digitalen Ausschreibungs- und Vermittlungsplattform für den öffentlichen Kreditmarkt zusammen. Ziel ist es, sich als zentraler, überregionaler Marktplatz für Kommunalkredite zu etablieren.

Passende Kreditanfragen per E-Mail-Alert
Das Prinzip: Auf der Webseite des Unternehmens kann sich jeder Kämmerer kostenlos registrieren und mit wenigen Klicks seinen Finanzbedarf in jeder Größenordnung ausschreiben. Dazu gibt er die Anschrift, Rechtsaufsicht, zeichnungsberechtigte Vertreter und andere Basisdaten seiner Kommune ein. Zudem lädt der Kämmerer nach Belieben wirtschaftliche Informationen wie Haushalte oder Jahresabschlüsse hoch. Je mehr wirtschaftliche Daten die Kommune zur Verfügung stellt, desto einfacher macht sie potenziellen Investoren die Prüfung und desto attraktiver wird sie für die Geldgeber. Die Plattform fügt außerdem anwendbare landesrechtliche Vorschriften für ortsfremde Kreditgeber hinzu, Musterverträge und Berechnungstools. Registrierte Finanzinstitute und andere Kreditgeber können anschließend die Projekte anonym einsehen und ihre Angebote abgeben. Für Investoren hat CommneX darüber hinaus ein Filtersystem eingerichtet: Sie definieren beispielsweise, an welchen Bundesländern, Laufzeiten oder Kreditvolumina sie interessiert sind, ob sie einen Kassenkredit oder ein Investitionsdarlehen, ob bilateral oder auch als Schuldschein, geben möchten, und werden bei entsprechenden neuen Ausschreibungen über einen E-Mail-Alert benachrichtigt. So erhalten sie passende Projekte direkt in ihr Postfach.

Direkter Zugang zu sicheren Kreditnehmern
Im dritten Schritt vergleicht die Kommune die Kredit-Angebote auf der Plattform miteinander und sucht sich das Beste aus. Die Parteien können danach die Offerte feinjustieren, Dokumente und Verträge austauschen. Nach dem Abschluss erstellt das System automatisch die erforderlichen Dokumentationen für den Gemeinde- oder Stadtrat der Kommune und erleichtert so die Prozesse im kommuneninternen Reporting.

Nicht nur die Kommunen profitieren vom digitalen Marktplatz für den öffentlichen Kreditmarkt, indem sie hier unabhängig von ihren persönlichen Kontakten das beste Angebot finden. Banken, Versicherungen und andere Anleger wiederum erhalten einen direkten Zugang zu sicheren Kreditnehmern. Sie haben die Möglichkeit, ihre Vertriebskosten im margenschwachen Geschäftsfeld der Kommunalfinanzierung radikal zu senken, da sie die Mitarbeiter, die bisher den Kontakt zu den Städten und Gemeinden halten mussten, nun anderweitig in lukrativeren Sektoren einsetzen können. Und sie zahlen auf der Plattform keine Nutzungsgebühren, sondern die Vergütung erfolgt erst bei einer erfolgreich abgeschlossenen Finanzierung. Der nächste Schritt für CommneX ist nun, die Plattform um die Zielgruppe der kommunalen Unternehmen erweitern, die als privatwirtschaftliche Gesellschaften den Kreditgebern höhere Margen ermöglichen. Darüber hinaus sollen auch kommunale Einlagen und Guthaben vermittelt werden.

 

 

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
05.10.2017
Quelle(n):

Artikelbild: ©venemama / iStockphoto

Bild: CommneX GmbH

Autor/in 
Friedrich von Jagow, Carl von Halem
Gründer und Geschäftsführer der CommneX GmbH (Galeriebild)
Weitere interessante Artikel 
Artikel abonnieren 
die bank | Newsfeed
Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv