DLT und Blockchain:
Neue Geschäftsfelder für Banken, Börsen & Co.
 

Blockchain-Transaktionen sind digital, schnell, diskret, sicher und kosteneffizient abzuwickeln: Mit diesen Vorteilen fasziniert die Blockchain-Technologie Investoren, Spekulanten und Kriminelle ebenso wie Aufsichtsbehörden und Finanzämter.

Während Kryptowährungen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen und kontroverse Diskussionen auslösen, investieren Unternehmen global in immer größerem Umfang in die Blockchain-Technologie. Auch wenn die ganz großen Durchbrüche noch auf sich warten lassen, ist das Potenzial dieser Technologie unumstritten. Laut Angaben der International Data Corp. dürften die Gesamtausgaben von Unternehmen und Regierungen für Blockchain im Jahr 2019 auf 2,9 Mrd. US-Dollar steigen, was einem Anstieg von 89 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspräche.

Zunächst widersprüchlich erscheint, dass gerade auch die Intermediäre viel Geld in die Hand nehmen. Tatsächlich eröffnet die Blockchain-Technologie den Banken, Börsen und anderen Akteuren durchaus Chancen, die die Zeichen der Zeit erkennen, sich an die Spitzen der Innovation begeben und die Ökosysteme der Zukunft mitgestalten.

Forbes identifizierte die Großunternehmen, die derzeit bei der Implementierung der Distributed Ledger Technology (DLT) führend sind. In dieser Top 50-Liste sind auch Schwergewichte der Finanzbranche vertreten, wie BNP Paribas, BBVA, Citigroup, Fidelity, Goldman, ING, UBS und andere. In Deutschland verproben die Allianz, Commerzbank, die Deutsche Bank und die Deutsche Börse seit einigen Jahren Anwendungsfälle mit Blockchain-Prototypen. Die LBBW hat sich bei der Blockchain-basierten Verarbeitung von Schuldscheindarlehen hervorgetan.

Dies lässt darauf schließen, dass Finanzintermediäre der „alten Schule“ den Kampf um die digitale Zukunft gegen die GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple & Co.) und umtriebige FinTech-Start-ups noch nicht verloren geben.

Blockchain: Dezentral und verschlüsselt

Bei diesem 2008 zum ersten Mal beschriebenen System werden alle Transaktionen dezentral in verteilten Kassenbüchern (Distributed Ledger) verbucht und in einer Kette Infoblock für Infoblock fortgeschrieben. Dabei können unterschiedlichste Token zum Einsatz kommen. Diese sind zum Schutz vor Hackern und Fälschern verschlüsselt. Gerade mit Blick auf die zunehmende Bedeutung vernetzter Maschinen spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle, dass über Blockchains zahlreiche Transaktionsarten automatisiert abgewickelt werden können.

Festzustellen ist, dass Banken, Börsen und Co. sich vornehmlich für private und zugangsgeschränkte Blockchains entscheiden. Dies widerspricht zwar dem ursprünglichen Gedanken, ein frei zugängliches und transparentes Netzwerk zu schaffen, jedoch legen insbesondere Diskretion, Datenschutz und Performance die Nutzung dieser Variante nahe. Dadurch, dass die Teilnehmerzahl kontrolliert wird, verspricht das Netzwerk eine höhere Effizienz. Transaktionen werden schneller und kostengünstiger ausgeführt. Als der Bitcoin auf seinem Höchstwert und das Netzwerk mit dem Andrang völlig überfordert war, zeigte sich das Skalierungsproblem in Form von hohen Gebühren und langen Bearbeitungszeiten in seiner ganzen Form. Außerdem machen sensible Daten eine öffentliche Blockchain für Banken quasi nicht nutzbar.

Ganzheitliche Ökosysteme auf Blockchain-Basis

Im Fokus der Blockchain-Anwendungsfälle in der Finanzindustrie stehen die Absicherung kritischer Infrastrukturen und die automatisierte digitale Verarbeitung von Transaktionen. Hier müssen die Mitarbeiter heute Dokumente einzeln prüfen und verbuchen; das Risiko individueller Fehler ist hoch, die manuellen Abläufe kosten viel Zeit und Geld. Die bisherigen Prototypen und ersten Go Lives fokussieren sich in der Finanzbranche auf internationale Zahlungen, Vertragsablage und -abwicklung, aber auch auf Handelsplattformen und End-to-End-Abwicklung von Schuldscheinen und anderen Kapitalmarktprodukten sowie auf das Onboarding von Kunden einschließlich ID-Check, KYC und Bonitätsscheck.

Neben diesen recht „schmalen“ Anwendungsfällen gibt es jedoch auch innovative Entwürfe ganzheitlicher Blockchain-basierter Ökosysteme, auf der z. B. Mittelständler einen „Rundum-Service“ erhalten: Sie können über eine Plattform digital und kosteneffizient ihre Zahlungen in Fiat- und Kryptowährungen abwickeln, können ihre Konten und ihre Liquidität managen, situationsabhängig Factoring und andere Finanzierungsmodelle wählen oder Versicherungen abschließen. Geschäftsanbahnung und Bonitätscheck erfolgen auf der Plattform schneller und der Marktplatz bietet Transparenz.

Vor allzu großem Enthusiasmus muss allerdings gewarnt werden. So nutzen Kryptowährungsbörsen zurzeit aus Performancegründen in der Regel keine dezentralen Blockchain-Infrastrukturen, und die traditionellen Börsen haben digitale, hochperformante Infrastrukturen auch ohne Blockchain aufbauen können. Welche der digitalen Endlos-Ketten, die von unterschiedlichen internationalen Konsortien entwickelt worden sind, die größte Wirtschaftlichkeit bietet, hängt in höchstem Maß vom konkreten Anwendungsfall und vom jeweiligen Geschäftsmodell der Teilnehmer ab.
Grundsätzlich lassen sich alle Blockchain-Typen in drei Gruppen einteilen: privat, öffentlich und eine hybride Mischform. Dabei erweisen sich die privaten Blockchains, bei denen nur ein exklusiver, namentlich identifizierbarer und folglich diskreter Kreis als geschlossene Benutzergruppe Zugang zum digitalen Kassenbuch hat, als erheblich leistungsstärker als die öffentlichen Modelle. Der Vorteil der öffentlichen Blockchains (beispielsweise Bitcoin) hingegen liegt in ihrer allgemeinen Zugänglichkeit. Sie stehen als niedrigschwelliges System jedem Anwender anonym offen und sind deshalb vor allem für öffentliche Geschäftsmodelle geeignet.

Technologien speziell für den Finanzsektor

Optimal für die Anforderungen von Banken und Finanzdienstleistern sind Blockchains wie Hyperledger Fabric, Quorum, Ripple und insbesondere R3 Corda. Dieses wurde 2015 von Banken aus aller Welt als Plattform speziell für die Bedürfnisse des Finanzsektors gegründet. Heute gehören R3 mehr als 300 Mitglieder und Partner aus diversen Branchen an. Zu den namhaftesten Bündnissen zählen die Ethereum Enterprise Alliance (EEA), der 2018 fast 400 Firmen angehörten, darunter J. P. Morgan und Microsoft.

DLT ermöglicht erheblich schlankere und effizientere Prozesse und Infrastrukturen. Das zeigt auch ein Blick auf die technologische Entwicklung von klassischen Finanztransaktionen. Aus den früher üblichen zentralisierten Systemen entstanden zunächst dezentrale Strukturen, die sich im nächsten Schritt zu komplexen Netzwerken (distributed technologies) verbanden. Als Mitglieder eines solchen digitalen Netzwerks können Bank (Anbieter) und Kunde (Käufer) in fast jedem Abschnitt der Transaktion gleichzeitig auf die identische Information zugreifen.

Vor der Einführung des Internets lief eine Finanztransaktion in aufeinanderfolgenden Schritten ab. Der Kunde wurde aktiv, erfasste den gewünschten Vorgang, kommunizierte alles per Post oder Telekommunikation mit der Bank. Erst jetzt wurden die relevanten Informationen ausgetauscht, die die Bank dann in ihrem System bearbeiten und erfassen musste, bevor der Auftrag schließlich umgesetzt werden konnte. Online gestaltet sich heute zumindest der Austausch der Informationen effizienter. Erfassung und Bearbeitung müssen jedoch nach wie vor jeweils zeitversetzt von Kunde und Bank getrennt erledigt werden.

Mit DLT hingegen teilen beide Vertragspartner dank der gemeinsamen digitalen Plattform bereits im Stadium der Erfassung alle relevanten Informationen. Erfassung, Bearbeitung und Abschluss erfolgen zeitgleich via DLT.

Trotz Investitionsrisiken: Der Einsatz lohnt sich

Es bleiben allerdings Risiken, wie z. B. die schwer vorhersehbare Dynamik in diesem Bereich. Pioniere der Krypto-Ökonomie müssen erheblich investieren, und viele Investoren beklagen ein Übermaß an Unsicherheit. Ein Grund dafür ist das Fehlen klarer rechtlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen. Die dezentrale Natur der Blockchains erschweren die Definition rechtlicher Rahmenbedingungen.

Die in Deutschland gegründete International Token Standardization Association (ITSA) leistet aktuell einen wichtigen Beitrag zur Standardisierung und klassifiziert Tokens und Kryptowährungen mit der Vergabe einer Token Identification Number (ITIN). Die ITSA unterscheidet nach dem ökonomischen Zweck und Nutzen zwischen Payment Token, Utility Token und Investment Token, sie stellt aber auch eine Klassifizierung nach dem technologischen Setup und dem jeweiligen Rechtsanspruch zur Verfügung.

Mittelfristig dürfte sich die Blockchain-Technologie als schlankes, annähernd fälschungssicheres und hocheffizientes Verfahren durchsetzen. Sie macht wesentliche Geschäftsfelder und -abläufe transparenter und einfacher. Darüber hinaus punktet sie mit einem Plus an Skalierbarkeit und Effizienz und entlastet so die Bilanzen. Zum Dritten erhöht sie die Sicherheit von Transaktionen: Die verbesserte Identitätsprüfung senkt das Fälschungsrisiko signifikant. Das gilt in besonderem Maße für die geschlossenen privaten Blockchains.

Nicht zuletzt können Banken sich über DLT mit der jungen, digital-affinen Generation neue Kundenkreise erschließen. Auch die Bundesregierung hat nun den ersten Entwurf einer Blockchain-Strategie vorgelegt. In ihrem Papier fordern die Experten des FinTechRats beim Finanzministerium zum einen die Präzisierung des Token-Konzepts, zum anderen eine schnelle, technologieneutrale Regelung auf europäischer Ebene, um Rechtssicherheit für die Unternehmen zu gewährleisten.

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Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
10.05.2019
Quelle(n):
Bildquelle: ©NickS | istockphoto.com
Autor/in 
Frank Thole


ist Partner bei der WEPEX Unternehmensberatung, Frankfurt am Main.
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