Zahlungsverkehr
Mobile Payment nimmt Fahrt auf
 

Apple, Facebook, Google & Co. heizen mit ihrer Marktmacht die Veränderung bei den Bezahlsystemen nachhaltig an. Zudem drohen kleinere branchenfremde Player den Finanzinstituten das Wasser abzugraben.

Deutsche Banken und Sparkassen waren sich in der Vergangenheit selten einig. Die Folge sind viele Insellösungen statt einheitlicher Ansätze etwa bei zukunftsweisenden Bezahlsystemen – zum Nachteil der Kunden. „Und letztlich auch zum eigenen Nachteil, denn aktuell werden sie nicht nur beim Thema Mobile Payment rechts und links überholt“, sagt Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter GFT Group. Für ihn ist keine Frage, ob sich das kontaktlose Bezahlen auch in Deutschland durchsetzen wird, sondern nur wie schnell dies geschieht. Noch sei es für Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht zu spät: Sie müssen sich jetzt als starke Einheit aufstellen und so die weitere Entwicklung als Partner von Apple und Co. mitgestalten. „Mit Einzellösungen haben sie gegen die Marktmacht von Apple und Google keine Chance“, so Dietz, der allerdings eine ganze Reihe von Handlungsoptionen der deutschen Kreditwirtschaft sieht, denn mit der Markteinführung des iPhone 6 und Apple Pay muss die gesamte Branche ihre Positionen zu Mobile Payment überdenken und sich entscheiden, ob sie Apple und Google als Konkurrenten auf dem Markt für mobile Zahlungssysteme sieht oder auch Kooperationen als möglich erachtet. In den USA geht der Trend klar in Richtung Kooperation. Neben den großen Kreditkartenunternehmen sind auch JP Morgan Chase, Citigroup, Capital One und Bank of America sowie verschiedene große Handelsketten bei der Apple-Lösung mit an Bord, weitere werden bald folgen. Schon zur Einführung kann Apple Pay an 220.000 Akzeptanzstellen genutzt werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es aktuell gerade einmal 40.000 NFC-fähige Point of Sales (PoS). Für die deutsche Kreditwirtschaft öffnet sich jetzt ein Zeitfenster, das Girokartensystem als Basis für deutsches Mobile Payment in Kooperation mit Apple, Google und anderen zu platzieren. Apple hat sich nicht dazu geäußert, wann Apple Pay in Deutschland verfügbar sein wird. Das Unternehmen wird die Zeit aber nutzen, um auch hierzulande starke Partner zu gewinnen.

Eine solche Kooperation setzt nach Meinung von GFT-Chef Dietz ein gemeinsames Vorgehen der gesamten deutschen Kreditwirtschaft voraus. Geschäftsbanken, Sparkassen oder Genossenschaftsbanken sind mit ihren Insellösungen allein für Apple und Google nicht attraktiv genug. Eine Kooperation muss keineswegs bedeuten, dass die deutschen Banken eigene Entwicklungen für Mobile Payment einstellen. Aber auch hier muss ein gemeinsamer Standard für die gesamte deutsche Kreditwirtschaft das Ziel sein. Insbesondere die Verbünde haben den Vorteil, nah am Kunden zu sein. „Sie können ihre starke Position nutzen, den Kunden die Schwellenangst nehmen und Mobile Payments beispielsweise in bestehende Konten integrieren. Außerdem könnten die gut vernetzten Regionalbanken ihre Kräfte leicht bündeln und gemeinsam stärker auftreten – beste Chancen, um endlich einen Mobile Payment-Standard zu setzen und den Markt als Vorreiter mitzugestalten“, sagt Bankenberater Jens Baumgarten von Simon-Kucher & Partners. Neben einer Lösung für den Massenmarkt kann sich die deutsche Kreditwirtschaft beispielsweise mit Speziallösungen für besondere Sicherheitsbedürfnisse positionieren. Wird etwa die NFC-Smartphone-Lösung mit einem separaten TAN-Generator gekoppelt, sind Man-in-the-Middle-Attacken ausgeschlossen.

Selbstbewusstsein gegenüber Apple & Co. ist also durchaus angebracht, zumal die großen US-Konzerne bei deutschen Nutzern vor allem ein Vertrauensproblem haben. „Ein Bezahldienst von Facebook birgt natürlich enormes Erfolgspotenzial, wenn man allein die Verbreitung des Netzwerks betrachtet: 1,3 Milliarden Menschen nutzen Facebook pro Monat aktiv, darunter 945 Millionen über die mobile App. Ob die Nutzer Facebook allerdings vertrauen, wenn es um den Versand von Geld geht, muss sich erst noch zeigen“, meint Philipp Nieland, Mitgründer und CEO des auf internationale Bezahlprozesse spezialisierten Payment-Dienstleisters PPRO Group. Gerade in Sachen Datenschutz wird sich ein Teil der Kunden gut überlegen, ob sie tatsächlich bereit sind, Facebook ihre Kreditkarten- oder Kontodaten zu geben. Außerdem ist die Kreditkarte als Zahlungsmittel nur in den USA und Großbritannien populär – andere Länder haben andere Zahlgewohnheiten und häufig auch eigene, länderspezifische Zahlarten, die sich im Zahlprozess deutlich von der Kreditkarte unterscheiden. „Auch nicht zu vergessen ist das Thema Regulierung. Eine Website weltweit zur Verfügung zu stellen, ist etwas anderes, als ein Geldtransfergeschäft global auszurollen“, sagt Nieland. Schließlich gelten auch in jedem Land unterschiedliche Gesetze und Regulierungsvorschriften für den Finanzmarkt. Zudem sei es eher fraglich, ob das Facebook-Wallet auch am Point of Sale ankommt. „Die besseren Chancen hat hier ApplePay: Apple setzt mit seinem Bezahldienst direkt auf den POS und verfügt über eine ähnlich hohe Marktpräsenz wie Facebook“, so Nieland. Für die deutsche Kreditwirtschaft ist der Zug in Sachen Mobile Payment somit noch lange nicht abgefahren – er kommt aber erkennbar ins Rollen.

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
20.10.2014
Quelle(n):

Textquelle: Simon-Kucher & Partners, GFT Technologies, PPRO Group

Bildquelle: © Artem Furman - Fotolia.com

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Redaktion die bank
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