Fusionen „unter Gleichen“
Mehr Ertrag statt weniger Kosten
 

72 Prozent der Banken streben aktuell eine Fusion an, wenn sich ein betriebswirtschaftlicher Mehrwert realisieren lässt. (Vgl. „Fusionsbarometer 2019“ von Horváth & Partners.) Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass sich die Anzahl der Institute auch in Zukunft weiter reduzieren wird.

Die Anzahl der Kreditinstitute hat sich in den letzten zehn Jahren um 454 Institute reduziert, sodass im Jahr 2017 noch 1.823 Institute in Deutschland aktiv waren. Der Trend zu einer rückläufigen Zahl an Instituten hält bereits seit 1957, als es noch 13.359 Institute gegeben hatte.

Die meisten Fusionen erfolgen im Genossenschaftssektor, gefolgt vom öffentlich-rechtlichen Sektor. In den letzten Jahren trieben zudem Private-Equity-Unternehmen die Konsolidierung voran. Teilweise haben diese Minderheitsbeteiligungen erworben, wie an der Deutschen Bank oder an der Commerzbank, oder auch ganze Institute übernommen, wie die HSH Nordbank oder die Südwestbank.

Als übergreifende Treiber der Konsolidierung können die im internationalen Vergleich bestehenden Überkapazitäten der deutschen Kreditwirtschaft, hohe regulatorische Anforderungen sowie Herausforderungen der Digitalisierung ausgemacht werden. Zusätzlich befindet sich der Bankenmarkt in einer Umbruchphase, da neue Marktteilnehmer – wie Technologiekonzerne, FinTechs und Schattenbanken – in den Markt eintreten. Schlussendlich kann noch die schlechte Ertragslage der Banken genannt werden. Die Erträge der Banken sind unter anderem durch die Niedrigzinsphase seit 1999 um rund 30 Prozent gesunken.

Es stellt sich daher die Frage, ob Fusionen im Bankensektor eine nachweislich sinnvolle Option sind, um auf die geänderten Marktbedingungen zu reagieren, und ob Fusionen positive Auswirkungen auf die Profitabilität der Fusionspartner haben.

Um dieser Frage nachzugehen, erstellt Horváth & Partners regelmäßig ein Fusionsbarometer, in dem mit ausgewählten Vorständen die Erfolgsfaktoren von Fusionen untersucht werden. Zusätzlich wurden als empirische Validierung 20 „Fusionen unter Gleichen“ aus den Jahren 2007 bis 2013 untersucht, um die tatsächlichen Auswirkungen einer Fusion fünf Jahre später zu überprüfen. Als Vergleichsmaßstab wurde die Entwicklung des deutschen Bankenmarkts zugrunde gelegt.

Vergleich der Bilanzsummen

Die Bilanzsumme der deutschen Banken hat sich im Zeitraum von 2007 bis einschließlich 2011 um durchschnittlich insgesamt 11 Prozent erhöht. Demgegenüber haben die fusionierten Banken in den fünf Jahren nach der Fusion ihre Bilanz lediglich um 9 Prozent ausgeweitet. Ein Zehntel der fusionierten Banken hatte sogar einen Rückgang der Bilanzsumme zu verzeichnen. Allerdings sind diese in Regionen mit rückläufiger Wirtschaftsentwicklung zu verorten.

Die Gegenüberstellung mit dem Markt offenbart, dass die fusionierten Banken ein leicht geringeres Bilanzwachstum als der Markt aufweisen. Diese Entwicklung lässt sich auf die fusionierten Banken des öffentlich-rechtlichen Sektors zurückführen. Diese haben ihre Bilanzsumme nur um 2 Prozent ausgeweitet und senken den gesamten Durchschnitt.

Tatsächlich ist es 65 Prozent der fusionierten Banken gelungen, ihre Bilanzsumme stärker als der Markt zu steigern. Letztendlich bleibt die Frage, ob Banken eine Bilanzausweitung als primären Zweck ihrer Fusion angestrebt haben. Es kann davon ausgegangen werden, dass eher Ertrags- und Effizienzziele im Fokus standen.

Fusionierte Banken verbessern ihre Cost Income Ratio

Zur Analyse der Cost Income Ratio wird zunächst auf die Entwicklung der Kosten und sodann auf die der Erträge Bezug genommen. Auf der Kostenseite kann ein Gleichschritt zwischen den fusionierten Banken und der Branche festgestellt werden. Beide Gruppen konnten ihre Kosten um 2 Prozent senken. Die Quellen der Kostensenkungen sind allerdings unterschiedlich.

In der Branche wurden die Personalaufwände um 7 Prozent reduziert, wohingegen die fusionierten Banken ihre Personalaufwände nur um 2 Prozent reduzieren konnten. Als Begründung dafür können redundante Doppelstrukturen, die im Nachgang einer Fusion (noch) nicht abgebaut wurden, genannt werden. Hierfür kann beispielsweise der häufige Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen in den Fusionsverhandlungen verantwortlich sein. Interessant ist, dass die Mitarbeiterkapazitäten stärker als die Personalkosten reduziert wurden – mithin eher Sachbearbeiter oder jüngere Mitarbeiter abgebaut wurden.

Eine gegenläufige Entwicklung konnte bei den Sach- und sonstigen Kosten gemessen werden. In der Branche sind diese Kosten um 4 Prozent angestiegen. Die fusionierten Banken konnten ihre Sach- und sonstigen Kosten hingegen um 2 Prozent reduzieren.

Die landläufige Meinung, dass Fusionen primär kostengetrieben sind, ließ sich also nicht bestätigen.

Fusionierte Banken steigern ihre Erträge überdurchschnittlich

Im Betrachtungszeitraum sind die Erträge der deutschen Banken um 3 Prozent gesunken. Die fusionierten Banken konnten sich diesem Trend entziehen und ihre Erträge um 3 Prozent steigern. Sie haben sich somit deutlich besser als der Markt entwickelt.

Der Zinsüberschuss der deutschen Banken ist im untersuchten Zeitraum um 1 Prozent gesunken. Hingegen ist der Überschuss der fusionierten Banken um 3 Prozent angestiegen. Treiber hinter dieser Entwicklung war das Kreditwachstum, das mit 22 Prozent das moderate Wachstum der Branche (5 Prozent) deutlich übertraf. Fusionen scheinen also geeignet, ambitionierte Wachstumsziele im Kreditgeschäft zu erreichen.

Das Kreditwachstum wurde zudem mit nahezu unveränderten Margen erzielt. Die Kreditmarge der fusionierten Banken liegt mit minus 0,2 Prozent fast gleichauf mit dem Markt, unterscheidet sich kaum zwischen öffentlichen und genossenschaftlichen Banken und kann gegebenenfalls auf großvolumigeres Geschäft im Hinblick auf eine höhere Kreditrisikotragfähigkeit des fusionierten Hauses zurückgeführt werden.   

Auch beim Provisionsüberschuss konnten die fusionierten Banken die Branche übertreffen. Im untersuchten Zeitraum nach der Fusion ist der Provisionsüberschuss um 3 Prozent gestiegen, gegenüber minus 9 Prozent in der Branche. Das stärkere Wachstum der fusionierten Banken lässt sich insbesondere auf die Banken aus dem Genossenschaftssektor zurückführen, die ihren Überschuss sogar um 8 Prozent steigern konnten.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Fusionen die Cost Income Ratio verbessern – resultierend aus überdurchschnittlichen Ertragssteigerungen und nicht aus Kostensenkungen. Während die fusionierten Banken ihre Cost Income Ratio im Nachgang einer Fusion um 3 Prozentpunkte auf 65 Prozent reduzieren könnten, hat sich diese Messgröße in der Branche zeitgleich um einen Prozentpunkt auf 67 Prozent erhöht.

Zu große Kontrollorgane

Eine Fusion wirkt sich auch auf die Struktur und Größe der Organe aus. Aus dem betrachteten Datensatz geht hervor, dass die fusionierten Banken im Nachgang einer Fusion die Anzahl der Vorstände um knapp 25 Prozent reduziert haben. Oftmals werden (bevorstehende) Vorstandswechsel dazu genutzt, eine konkrete Fusion anzubahnen.

Man würde erwarten, dass die Anzahl der Mitglieder im jeweiligen Kontrollorgan (Aufsichts- /Verwaltungsrat) in gleichem Maß reduziert wird. Dies war im Untersuchungszeitraum allerdings nicht der Fall, die Mitgliederzahl im Aufsichtsorgan wurde lediglich um 16 Prozent reduziert. Im Zuge von Fusionen droht also eine Asymmetrie zwischen den beiden Organen zu entstehen, die zudem bei Aufsichtsorganen oftmals langfristig festgeschrieben sind.

Unterschiede in den Bankensektoren

Zwischen den Banken aus dem Genossenschaftsverband sowie dem öffentlich-rechtlichen Sektor kann eine divergente Entwicklung in Bezug auf die finanzielle Performance festgestellt werden. Beide Institutsgruppen haben ihre Cost Income Ratio im Nachgang einer Fusion verbessert und konnten sich durch eine Fusion dem Markttrend einer sich verschlechternden Cost Income Ratio entziehen.

Allerdings sind die Quellen unterschiedlich: Genossenschaftsbanken haben ihre Erträge um 10 Prozent gesteigert, während die öffentlichen Banken 4 Prozent ihrer Erträge verloren haben. Bei der Kostenreduktion führen die öffentlichen Banken (minus 7 Prozent) während die Genossenschaftsbanken ihre Kosten um drei Prozent erhöht haben. In Summe verbessert sich die Cost Income Ratio bei den Genossenschaftsbanken um sieben Prozentpunkte und bei den öffentlichen Banken um drei Prozentpunkte. Somit konnten beide Gruppen ihre Effizienz verbessern und sich dem Markttrend entziehen.

Fazit

Die landläufige Meinung, dass Fusionen primär kostengetrieben sind, lässt sich – bei „Fusionen unter Gleichen“ – empirisch also nicht bestätigen. Fusionen führen zu keinen zusätzlichen Kostensenkungen. Sie sind vielmehr geeignet, ambitionierte Wachstumsziele zu erreichen und sich vom Branchentrend abzusetzen.

Der größte Wachstumsmotor ist das Kreditgeschäft (17 Prozent Überperformance), welches mit nahezu unveränderten Kreditmargen erreicht wird. Auch gelingt es den fusionierten Häusern, die Branche beim Provisionsüberschuss zu übertreffen (12 Prozent Überperformance).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fusionen die Cost Income Ratio verbessern. Zusammenschlüsse sind somit grundsätzlich geeignet, der Ertragsschwäche der Branche zu begegnen. Daher kann auch in Zukunft mit weiteren Fusionen im Bankensektor gerechnet werden.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
10.07.2019
Quelle(n):
Bildquelle: © iStock.com/blackred
Autor/in 
Marcus Dahmen, Steffen Bruch


Dr. Marcus Dahmen, Head of Transformation Excellence bei Horváth & Partners Management Consultants, begleitet Banken und Finanzinstitute bei komplexen Transformationsprojekten. Zuvor war der Branchenexperte 17 Jahre in Führungs- und Organfunktionen bei Banken tätig.





Steffen Bruch fungiert als Consultant im gleichen Unternehmen. Er ist im Business Segment Transformation Banking tätig und konzentriert sich insbesondere auf die Analyse der Erfolgsfaktoren von Fusionen.
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