Bankenreform in Großbritannien
Krisenschutz für Kernbereiche
 

Als Folge aus der seit 2007 grassierenden Finanzkrise stehen Großbritanniens Banken tiefgreifende Reformen bevor. Die britische Regierung hat eine Experten­kommission zur Ausarbeitung von Reformvorschlägen für die Branche eingesetzt. Die Kommission empfiehlt schärfere Kapitalanforderungen und eine Trennung des Retailgeschäfts vom Investment Banking. Die Pläne finden in der Bankenbranche kritische Resonanz.

Die führende Banken GrossbritanniensDie kurz nach der Wahl von der Regierung im Juni 2010 einberufene unabhängige Bankenkommission ICB (Independent Commission on Banking) präsentierte am 12. September dieses Jahres ihre Vorschläge. Danach soll die Branche grundlegend neue Unternehmensstrukturen einführen, um den Finanzsektor langfristig zu stabilisieren. Ziel ist es, die britischen Banken und Steuerzahler künftig vor weiteren Krisen zu schützen und den Wettbewerb im Bankensektor zu stärken. Die britische Regierung will den Vorschlägen weitgehend folgen. Das Gesetzgebungsverfahren soll so bald wie möglich beginnen. Der britische Schatzkanzler George Osborne will das dafür notwendige Gesetz bis Ende dieses Jahres auf den Weg bringen.


Nach den Vorschlägen der ICB soll die Umsetzung bis Anfang 2019 erfolgen und damit zeitgleich wie die verschärften internationalen Baseler Eigenkapitalstandards (Basel III) in Kraft treten. Infolge der Staatsschuldenkrise und globalen Wirtschaftsschwäche stünden die Banken weiter unter Druck, erläuterte der Kommissionsvorsitzende Sir John Vickers bei der Vorlage des 358 Seiten starken Abschlussberichts zur Banken­reform in London. „Die Dinge müssen sich ändern.“


Die Kosten für die bisher weitreichendste Bankenreform in Europa veranschlagt die fünfköpfige Kommission auf jährlich

4 Mrd bis 7 Mrd £ (4,6 Mrd bis 8,1 Mrd €) vor Steuern. Das entspricht rund einem Drittel des aktuellen jährlichen Vorsteuergewinns im Bankensektor. Durch die Übergangszeit sollen vor allem negative Effekte auf die Konjunktur und das Kreditangebot vermieden werden. Den Empfehlungen zufolge, die die Expertenrunde unter dem Ökonomen Vickers 15 Monate lang ausgearbeitet hat, sollen die Institute nun rund sieben Jahre Zeit haben, ihre Unternehmensstruktur zu ändern und ihre Kapitalbasis zu stärken.


Banken sollen Trennwände einziehen

Die Kommission schlägt vor, einen hohen, teilweise aber auch flexiblen Schutzwall um das volkswirtschaftlich wichtige Kreditgeschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen zu errichten, um diese Einheit vom riskanteren Investment Banking abzuschirmen. Beide Bereiche sollen unter einem Konzerndach eigenständig organisiert und verwaltet werden. Innerhalb der geschützten Einheit soll das traditionelle Geschäft mit Kleinkunden und das Kreditgeschäft für den Mittelstand sowie der Zahlungsverkehr angesiedelt werden. Durch die Trennung, die den Bankteilen innerhalb des Schutzwalls riskante Handelsaktivitäten verbietet, soll gewährleistet werden, dass mit britischen Kundeneinlagen von derzeit 1 Bio £ nur die Kreditvergabe an Privathaushalte und Unternehmen in Großbritannien refinanziert wird.


Das Investment Banking und globale Industriekundengeschäft soll bis auf einfache Standardgeschäfte weitgehend ausgeklammert werden. Die Banken sollen selbst entscheiden dürfen, ob sie ihre Kreditvergabe an Großunternehmen außerhalb des Finanzsektors im geschützten oder im ungeschützten Bereich platzieren. Im Falle einer Krise und eines Zusammenbruchs des Investment Banking soll eine Abwicklung dieses Bereichs ohne Rückkoppelung auf das Retailgeschäft möglich werden. Die geschützte Bankeinheit bliebe mit ihrem Einlagengeschäft und Zahlungsverkehr unberührt. Damit wäre eine Staatsgarantie auf die für die Volkswirtschaft notwendigen Bankdienstleistungen beschränkt.


Für das Kleinkundengeschäft sollen eigene Kapital-, Liquiditäts- und Finanzierungsvorschriften gelten. Die ICB schlägt für Großbanken als Kapitalquote mindestens 10 % der risikogewichteten Aktiva vor, was über den bald international geltenden ­Baseler Eigenkapitalstandards von mindestens 7 % liegt. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht fordert für systemrelevante Banken zudem ab 2019 eine Kernkapitalquote von bis zu 9,5 %. Britische Banken verfügen bereits über eine von Investoren geforderte Kernkapitalquote von rund 10 %.


Im Krisenfall sollen die britischen Großbanken laut den Reformvorschlägen der ICB für alle Bereiche ein Eigenkapitalpolster von mindestens 17 bis 20 % der Risikoaktiva vorhalten. Dazu zählen nach den Vorstellungen der Kommission Schuldverschreibungen, die im Krisenfall wandelbar sind (Bail-in Bonds). Ein mögliches Instrument sind auch so genannte Contingent Convertible Bonds (CoCo-Bonds), welche aber nicht zwingend vorgeschrieben werden. Der Puffer des verlusttragenden Kapitals bei der geschützten Retailbank soll 17 % der Risikoaktiva betragen und bei der Investment Bank außerhalb des Schutzzauns bei 20 % der Risikoaktiva liegen. Die Differenz von 3 % gilt als Puffer für Investmentbanken, die sich im Insolvenzfall wegen ihrer komplexen Struktur als schwierig abwickelbar oder sanierbar herausstellen. Ähnlich hohe Kapitalanforderungen gelten bislang nur für Institute in der Schweiz.


Laut Vickers bleiben die britischen Banken damit aber auch international wettbewerbsfähig. Die Bilanzsumme der britischen Banken liegt laut ICB mit mehr als 6 Bio £ viermal so hoch wie die jährliche britische Wirtschaftsleistung. Abgeschirmt werden sollen mit der Reform ein Sechstel bis ein Drittel der Bilanzsumme. Allerdings erhöhen sich durch den Wegfall der impliziten Staatsgarantien auch die Refinanzierungskosten für das Investment Banking außerhalb des Schutzwalls. Laut Vickers ist dieser Effekt erwünscht, da die Risiken nun dort anfielen, wo sie hingehörten und Steuerzahler und Investoren damit nicht mehr belastet würden.


Geteiltes Echo bei den Banken

Bei Vertretern der britischen Banken rufen die Reformpläne unterschiedliche Reaktionen hervor. Sie befürchten zu hohe Kosten und Wettbewerbsnachteile, loben gleichzeitig aber die lange Übergangszeit bis 2019. HSBC droht mit einer Verlagerung ihres Hauptsitzes ins Ausland. Der Chief Executive von Barclays, Bob Diamond, bekannte sich hingegen nach Veröffentlichung der Empfehlungen bei einer Anhörung zur Reform im House of Lords zum Standort Großbritannien. Es sei allerdings wichtig, dass durch die Reform keine Wettbewerbsnachteile für die britischen Banken entstünden. Barclays dürfte am härtesten von den Reformen getroffen werden, da ein Großteil der Geschäftsbereiche außerhalb des Schutzwalls angesiedelt sein dürften. Der Chief Executive der seit der Finanzkrise zu 83 % verstaatlichten Royal Bank of Scotland (RBS), Stephen Hester, warnte vor Systemrisiken beim Errichten von Trennwänden. RBS zählt zu den größten Verlierern der Finanzkrise und musste 2008 mit Kapitalhilfen von rund 45 Mrd £ vor dem Kollaps bewahrt werden. Die Lloyds Banking Group, an der der Staat 41 % hält, dürfte wegen ihres vergleichsweise kleinen Investment-Banking-Bereichs nur marginal von den Reformplänen betroffen sein. Lloyds entstand nach staatlichen Milliardenhilfen Anfang 2009 aus der Zwangsfusion der größten britischen Privatkundenbank Lloyds TSB und des fast kollabierten Hypothekenfinanzierers Halifax Bank of Scotland (HBOS). Der einflussreiche britische Bankenverband BBA (British Bankers' Association) pocht ebenfalls darauf, dass die Reformmaßnahmen vor einer Einführung sorgfältig analysiert und mit internationalen Regelungen verglichen werden müssten, damit den britischen Instituten keine Wettbewerbsnachsteile entstehen. Der letztendliche Verlauf der Trennlinien und deren Auswirkungen auf die Bereiche der Banken dürften erst nach einer Konkretisierung der Reformpläne und deren Einmündung in ein Gesetz absehbar sein.


Geringe Zündkraft für Europa

Schon lange im Vorfeld der Veröffentlichung waren die Pläne der ICB unter Bankern heftig umstritten. Die Branche befürchtete zunächst eine komplette Aufspaltung der Institute und die Einführung eines Trennbankensystems ähnlich wie in den USA unter dem Glass-Steagall Act zwischen 1933 und 1999. Nach dem Betrugsfall bei der Schweizer Großbank UBS flammen in Europa wieder Diskussionen um schärfere Kontrollen bis hin zur Abspaltung des Investment Banking auf. UBS hatte im ­September wegen nicht genehmigter Geschäfte eines Händ­lers ihrer Investment-Banking-Abteilung einen Verlust von ­2,3 Mrd US-$ erlitten. Allerdings hat bislang kein anderer EU-Staat die Isolierung des Retailbankengeschäfts erwogen.


Durch die Reform wird der Ratingdruck auf die Banken steigen. Die Ratingagentur Moody's hat in Reaktion auf die Empfehlungen die Kreditwürdigkeit von zwölf britischen Banken Anfang Oktober herabgestuft. Betroffen davon sind unter anderem Lloyds und RBS. Moody's begründete ihre Ratingänderung damit, dass die Institute bei künftigen Notlagen weniger Hilfen der Regierung erwarten könnten. Fitch stufte RBS und Lloyds  ebenfalls herab. Vickers, früherer Chefökonom der Bank of England, betonte im Finanzausschuss des Parlaments dazu, zwar verteuerten sich durch den Wegfall der impliziten Staatsgarantien die Refinanzierungskosten, doch bleibe London weiter ein sehr attraktives Zentrum für die internationalen Einheiten von britischen Banken. Standard & Poor's behielt ihre Ratings der Branche bei. Die Agentur kündigte aber an, dass die Empfehlungen, falls sie in der vorliegenden Form vollständig in ein Gesetz einfließen würden, möglicherweise zu niedrigeren Bonitätsnoten für Bankeinheiten außerhalb des Schutzwalls und ­Anleihegläubiger führen könnten.


Nächste Schritte der Reform

Bevor die Empfehlungen in Gesetzesform gegossen werden können, müssen sie noch einige Hürden überwinden. Derzeit wird das Reformpaket noch in verschiedenen Gremien des britischen Unter- und Oberhauses diskutiert. Osborne hat aber bereits angekündigt, dass die Regierung den Vorschlägen weitgehend folgen und noch vor der nächsten Wahl 2015 ein entsprechendes Gesetz erlassen will. Auch die Labour-Partei hat ihre Zustimmung signalisiert. Bis zum Jahresende will die Regierung eine Entscheidung treffen und sich über ihr weiteres Vorgehen äußern. Die Stellungnahme des Schatzkanzlers wird in der City mit Spannung erwartet.

 

Frances Palgrave ist Finanzjournalistin in London.

 

 

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Artikel veröffentlicht am:
30.11.2011
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