Spanischer Bankenmarkt
Kreditausfälle belasten
 

Die geplatzte Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt hat die spanische Wirtschaft in eine tiefe Rezession gerissen. Steuerausfälle und Sozialtransfers infolge der Rekordarbeitslosigkeit vergrößern die Löcher in den Staatsfinanzen. Das Negativszenario belastet die Banken. So sind die Kreditausfälle enorm angestiegen. Besonders im Sparkassensektor befinden sich viele Institute in Existenznot. Die Großbanken haben immerhin den Vorteil der geografischen Diversifikation.

Das spanische Jahrzehnt ist mit einem lauten Knall zu Ende gegangen. Seit der Einführung des Euro hatte das Land lange auf allen Feldern brilliert. Die Wirtschaft legte im Anschluss über zehn Jahre hinweg um durchschnittlich 3,7 % zu. Die Arbeitslosigkeit konnte mehr als halbiert werden und erreichte vor zwei Jahren ihren Tiefpunkt bei rund 8 %. Alljährliche Haushaltsüberschüsse rundeten das Bild ab. Nicht wenige Experten prophezeiten gar, dass Spanien binnen weniger Jahre Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen überrunden würde.

Schlusslicht bei der Erholung
Heute ist die Welt eine andere. Der europäische Musterschüler Spanien hat sich mittlerweile zum Problemkind gewandelt. Die Wirtschaft ist in 2009 um 3,6 % geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit hat sich auf 19 % mehr als verdoppelt. Die Zentralbank Banco de España erwartet bis Ende 2011 sogar einen weiteren Anstieg auf knapp 20 %. Das wiederum trifft die Säule der spanischen Wirtschaft, den privaten Konsum. Um 5 % ist er in 2009 eingebrochen. Im laufenden Jahr soll es mit 0,5 % erneut einen Rückgang geben.

Die Konsensschätzungen gehen auch
für 2010 von einer weiteren Abwärtsentwicklung der spanischen Wirtschaftsleistung um 0,5 % aus. Das Land wird die Rezession als eines der letzten industrialisierten Länder verlassen. Die Rückkehr zu früheren Wachstumsraten wird Experten zufolge sehr lange dauern. Spanien leidet unter strukturellen Schwächen, einer kaum diversifizierten Wirtschaft und einem rigiden Arbeitsmarkt. Hinzu kommt die in den Boomjahren im internationalen Vergleich drastisch gesunkene Wettbewerbsfähigkeit.

Staatsfinanzen in der Klemme
Die einst grundsoliden Staatsfinanzen sind ebenfalls Vergangenheit. Massive Steuerausfälle und stark gestiegene Sozialtransfers reißen tiefe Löcher. Den in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch ausgeglichenen Staatshaushalten steht eine Neuverschuldung in 2009 von 11,2 % des BIP gegenüber. Binnen kürzester Zeit hat sich das Land damit vom Vorbild zum Problemfall entwickelt. Nur Irland, Griechenland und Großbritannien stehen in dieser Disziplin noch schlechter da.

Der Blick auf die Gesamtverschuldung gibt nur kurz Entspannung. Sie liegt in 2009 mit 53,2 % des BIP auf noch niedrigem Niveau. Der europäische Durchschnitt liegt laut Eurostat bei 78,7 %. Anlass zur Sorge gibt bei Spanien allerdings das hohe Anstiegstempo. In den beiden vergangenen Jahren hat sich die Quote ausgehend von sehr niedrigen 39,7 % drastisch erhöht. Bis 2011 wird die Gesamtverschuldung der Banco de España zufolge weiter auf 75 % steigen.

Bei der Diskussion um die Solvenz der so genannten PIIGS-Staaten gilt es nach Moody’s dennoch zu unterscheiden. „Spanien, Portugal und Griechenland mögen die gleiche Währung haben, ihr Kreditprofil ist jedoch verschieden“, erklärt die Ratingagentur. „Wir gehen weiter davon aus, dass Spanien beim Sovereign Rating trotz der bedeutenden Herausforderungen ein AAA verdient“, hieß es Anfang Mai. Die Herkulesaufgabe liegt in der gleichzeitigen Senkung des Verschuldungsniveaus der öffentlichen und der privaten Haushalte. Standard & Poor’s und Fitch sehen die Situation kritischer und haben ihre Ratings aktuell auf AA bzw. AA+ gesenkt.

Zentralbank kritisiert Reformstau
Die Ursache der wirtschaftlichen Talfahrt liegt im Platzen der Immobilienblase im Frühjahr 2008. Der boomende Bau- und Immobiliensektor war der zentrale Wachstumsmotor der Wirtschaft. Rund ein Drittel  aller in Europa jährlich neu gebauten Wohnungen entfielen auf dem Höhepunkt auf Spanien. Angefacht durch das für Spanien aufgrund der Euro-Einführung historisch niedrige Zinsniveau entwickelte sich über Jahre eine enorme Spekulationsblase. Der Export wurde in dieser Zeit wegen des im Heimatmarkt schnell zu verdienenden Geldes vernachlässigt.

Notwendige Reformen standen in den Boomjahren nicht auf der Tagesordnung. Auch jetzt werfen viele der Regierung des linksgerichteten Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero Untätigkeit auf den entscheidenden Problemfeldern vor. Dazu zählt neben einer noch deutlich ambitionierteren Kürzung der aufgeblähten Staatsausgaben eine Reform des kollabierenden Arbeitsmarkts. Er entwickelt sich zur wirtschaftlichen und sozialen Zeitbombe. Selbst die Banco de España hat jüngst in selten gesehener Deutlichkeit eine Reform angemahnt und einen Vorschlag gemacht. Regierung und Gewerkschaften haben ihn unisono abgelehnt.

Gewinnrückgänge auf breiter Front
Bei den spanischen Banken und Sparkassen hinterlassen die negativen Rahmenbedingungen mittlerweile deutliche Spuren. In den Boomjahren hatten sie bei hohen Wachstumsraten außerordentlich gut verdient. Selbst im Jahr des Platzens der Immobilienblase und der internationalen Finanzkrise 2008 ging der aggregierte Gewinn der fünf führenden Institute nur um moderate 19 % zurück. Im operativen Ergebnis ohne Einmaleffekte stand sogar ein Zuwachs zu Buche.

Doch die kollektive Outperformance ist mittlerweile passé, denn in 2009 schneiden sie schlechter ab. Während die Bankengewinne international zulegten, ist der Gewinn der spanischen Top Five um knapp 11 % zurückgegangen. Bemerkenswert bleibt allerdings, dass die spanischen Institute im Gegensatz zu vielen ihrer internationalen Wettbewerber auch im dritten Jahr seit dem Ausbruch der Finanzkrise nicht in die roten Zahlen gerutscht sind.

Der Fels in der Brandung unter den spanischen Topinstituten bleibt der Branchenprimus Banco Santander. Sie konnte ihren Gewinn in 2009 leicht um 0,7 % auf knapp 9 Mrd € ausbauen. Die Verfolger mussten dagegen durchweg Federn lassen. Die Gewinnrückgänge bewegten sich im zweistelligen Prozentbereich. Am schwersten getroffen hat es die viertplatzierte Caja Madrid. Bei der Großsparkasse brach der Überschuss um über zwei Drittel ein.

Problemkredite steigen rasant
Die Institute leiden dabei neben den weltweiten Problemfaktoren vor allem unter den Auswirkungen des zusammengebrochenen Häusermarkts und der Rekordarbeitslosigkeit. Angesichts der für 2010 befürchteten Kreditausfälle haben sie nicht nur die obligatorischen, sondern auch die freiwilligen Rückstellungen massiv erhöht. Letztere sind um über 5 Mrd € gestiegen. Den höchsten relativen Zuwachs (Bezugsgröße Gewinn) verzeichnete die Caja Madrid und die Bankengruppe Banco Popular.

Die durchschnittliche Kreditausfallrate der spanischen Top Five ist in 2009 deutlich von 2,9 auf 4,2 % gestiegen. Vorne liegt auch hier die Caja Madrid, die mit 5,4 % als einziges Institut über der Marke von 5 % rangiert. Über dem Durchschnitt liegen zudem die Banco Popular und die Nummer zwei des Markts BBVA. Am besten schneidet mit 3,2 % wiederum die Banco Santander ab. Nur wenig schlechter sind die Ausfallraten bei der größten Sparkassengruppe des Landes und der Nummer drei im Gesamtmarkt La Caixa.

Die in Barcelona beheimatete La Caixa ist auch bei der Kapitalausstattung hervorragend positioniert. Mit einer Kernkapitalquote von 8,7 % ist die Sparkasse unter den führenden Instituten knapp vor der Banco Popular und der Banco Santander die Nummer eins. Schlusslicht ist die Caja Madrid. Mit 6,8 % rangiert sie als einziges Institut unter der Marke von 8 %. An der Spitze der in Madrid beheimateten Sparkassengruppe steht seit kurzem der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds Rodrigo Rato.

Brasiliengeschäft beflügelt
Führende spanische KreditinstituteDie Banco Santander profitiert wie die BBVA von ihrer geographischen Diversifikation und den niedrigen Kosten. Brasilien lieferte 2009 bei Santander mit 2,2 Mrd € (+22,5 %) den mittlerweile höchsten Gewinnbeitrag in der Gruppe von rund einem Viertel. Damit hat die Geschäftseinheit Spanien mit 2 Mrd € (+5 %) erstmals ihre Führungsrolle beim Gewinn an das Brasiliengeschäft abgeben müssen. In Großbritannien stieg der Gewinn um 38,5 % auf 1,7 Mrd €. In China sucht Santander eine strategische Allianz mit der China Construction Bank, um in ländlichen Gebieten ihr erfolgreiches Retail Banking umzusetzen.

Die Kreditausfälle hinterlassen aber auch bei Santander sichtbare Spuren. Im vergangenen Jahr sind sie auf Gruppenebene auf 3,24 % gestiegen. Zur Vorsorge floss nahezu der gesamte außerordentliche Gewinn von rund 2,5 Mrd € in diesbezügliche Rückstellungen. Im Heimatmarkt Spanien ist die Entwicklung erwartungsgemäß am schwächsten. Die Kreditausfälle erreichen hier 4,4 %. Damit liegen sie allerdings noch immer unterhalb des Marktdurchschnitts.

Auf die unterdurchschnittliche Entwicklung im spanischen Heimatmarkt hat die Banco Santander gerade offensiv reagiert. Mit einer Reorganisation des Retailgeschäfts will sie vor allem den in der Krise befindlichen Sparkassen Kunden abjagen. Der Vertrieb wurde durch die Schaffung von zwei neuen Einheiten gestärkt. Mit Angeboten für Termineinlagen von 4 % geht das im nordspanischen Santander beheimatete Institut gerade aggressiv auf Kundenfang.

Preisverfall auf dem Immobilienmarkt
Die Situation auf dem Häusermarkt hat sich nach dem Platzen der Spekulationsblase vor rund zwei Jahren noch immer nicht stabilisiert. Während des Immobilienbooms von 1998 bis Anfang 2008 hatten sich die Preise verdreifacht. In 2009 sind sie nach dem spanischen Wohnungsbauministerium Ministerio de Vivienda im freien Wohnungsbau um 6,8 % zurückgegangen. Im ersten Quartal 2010 hat sich der Trend mit einem Rückgang um 4,7 % fortgesetzt.

Im vergangenen Jahr sind die Neubaubeginne um 56 % auf rund 158.000 eingebrochen. Das ist gerade einmal ein Fünftel des Niveaus aus 2006 und der tiefste Stand seit 1960. Der Bestand an leer stehenden Neubauten beläuft sich Schätzungen zufolge auf rund 1 Mio. Eine Studie der Business School IPE hält bis 2012 einen weiteren Anstieg der unverkauften Wohnungen auf bis zu 1,2 Mio für möglich. Spanier wollen eigentlich in den eigenen vier Wänden wohnen. Die Eigentumsquote liegt traditionell bei über 80 %. Momentan fehlt ihnen jedoch wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der knappen Kredite das Geld.

Die Banco de España sieht deshalb auch kein rasches Ende des Preisverfalls. „Für den Prognosezeitraum bis 2011 erwarten wir eine Fortsetzung des Preisrückgangs“, heißt es. Eine Studie von S&P kommt zum gleichen Schluss. Sie prognostiziert ebenfalls einen Rückgang, der sich bis 2012 fortsetzen soll. In 2010 sollen die Preise um 10 % sinken, in 2011 um weitere 5 %. Der bislang noch moderate Preisrückgang hat auch mit der Geschäftspolitik der Kreditwirtschaft zu tun. Die Institute bringen die von ihren zahlungsunfähigen Schuldnern übernommenen Immobilien momentan nur sehr zurückhaltend auf den Markt.

Die spanischen Institute profitieren angesichts der schweren Wirtschaftskrise noch immer von ihrer traditionell hohen Effizienz. Im von der spanischen Wirtschaftszeitung „Expansión“ veröffentlichten Ranking der 100 führenden Kreditinstitute nach diesem Parameter rangieren fünf spanische Institute unter den Top 25. Bester Vertreter ist dort die Banco Popular. Der langjährige Branchenprimus in dieser Disziplin liegt in der weltweiten Bestenliste auf Rang fünf. Die weiteren spanischen Vertreter sind Caja Madrid (8.), BBVA (15.), Banesto (20.), Banco Santander (22.) und die Banco Sabadell (23.)

Die in Spanien durch die Wirtschaftskrise und die Rekordarbeitslosigkeit verlorengegangene Wachstumsdynamik wirkt sich mittlerweile auch massiv auf die Zahl der Zweigstellen aus. Über zehn Jahre hinweg hatten die Institute angesichts der boomenden Wirtschaft und der Fokussierung auf das Retail Banking das Vertriebsnetz bis 2008 kontinuierlich auf 45.662 Filialen ausgebaut. Die höchste Zweigstellendichte Europas war das Ergebnis. Die Sparkassen haben hier mit rund 24.000 Filialen die Nase vorn. Die 14.840 Zweigstellen der Banken folgen mit deutlichem Abstand. Der Rest gehört den Genossenschaftsinstituten.

Nun ist die große Schließungswelle angelaufen. Die geringere Geschäftsaktivität und der Zwang zu Effizienzsteigerungen sind die Antriebsfedern. In 2009 fielen insgesamt 3,5 % oder 1.533 Filialen dem Rotstift zum Opfer. Die Banken haben auf das Krisenszenario bisher besonders entschieden reagiert. Bei ihnen hat sich die Zweigstellenzahl um 4,8 % oder 740 Filialen reduziert. Die Sparkassen waren bei diesem unausweichlichen Prozess hingegen mit einem Abbau um 3,1 % oder 783 Zweigstellen deutlich weniger offensiv.

Nach Meinung der Banco de España ist die Reduktion des Zweigstellennetzes angesichts des Risikos zu erwartender Gewinnrückgänge aber immer noch nicht ausreichend. Gleichzeitig hält es die spanische Bankenaufsicht aber für durchaus vertretbar, dass die heimische Kreditwirtschaft bei der Zweigstellendichte auch in Zukunft über dem europäischen Niveau liegt. Die Zentralbanker begründen dies mit dem vorherrschenden Geschäftsmodell der spanischen Institute, das auf dem Retail Banking und der Nähe zum Kunden basiert.

Konsolidierungsprozess im Sparkassensektor

Ein Gefahrenherd für das Gleichgewicht der spanischen Kreditwirtschaft und auch der Staatsfinanzen liegt im Sparkassensektor. Die spanischen Sparkassen haben in den vergangenen Jahren eine spektakuläre Entwicklung genommen. Ihr Marktanteil ist kontinuierlich gestiegen und liegt mittlerweile bei über 50 %. Das Zweigstellennetz haben die 45 Institute massiv auf rund 25.000 Filialen ausgebaut. Das Geschäftsmodell basierte zu Zeiten des Wirtschaftsbooms in starkem Maße auf dem hohen Kreditwachstum. Das wird ihnen nun zum Verhängnis.

Die Problemkredite werden jetzt neben den stark rückläufigen Einnahmen zur größten Herausforderung. Der aggregierte Gewinn des Sparkassensektors ist in 2009 im Vergleich zu den Banken überproportional um 34 % eingebrochen. Die Kreditausfallrate der Sparkassen hat sich in den beiden vergangenen Jahren von 0,98 % auf 4,86 % fast verfünffacht. Die Institute erhöhen massiv die freiwillige Risikovorsorge, worauf der Großteil des Gewinnrückgangs zurückzuführen ist.

Mehr als die Hälfte der spanischen Sparkassen befindet sich mittlerweile in Existenznot. Die Banco de España und die Regierung drängen die Institute seit Monaten zu einer Konsolidierung des Sektors. Nur dann können die Sparkassen auf Mittel aus dem eigens dafür geschaffenen Fonds zur geordneten Konsolidierung der Kreditwirtschaft Fondo de Reestructuración Ordenada Bancaria (FROB) hoffen. Doch bislang sind nur wenige Fusionsvorhaben im fortgeschrittenen Stadium. Der hohe Politisierungsgrad in den Entscheidungsgremien ist das größte Hindernis. Interessenkonflikte blockieren insbesondere die angemahnten überregionalen Fusionen.

Der Geduldsfaden der Banco de España scheint nun jedoch zu reißen. „Eine Minderheit der Sparkassen verzögert den Konsolidierungsprozess entweder aus eigenen Interessen oder aufgrund der Einflussnahme der Regionalregierungen“, wurde ihr Gouverneur Miguel Ángel Fernández Ordóñez kürzlich ungewöhnlich deutlich. Die Zentralbank habe die geeigneten Mittel zur Intervention, sofern dies notwendig werde, so Ordóñez weiter.

Rolf Engelhardt ist Wirtschaftsjournalist in Madrid.

 

 

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Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
19.07.2010
Erschienen in Ausgabe:
07/2010
Autor/in 
Rolf Engelhardt
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