Zinslos glücklich
Geldpolitik dient Krisen- und Deflationsbekämpfung
 

Der Preisauftrieb im Euroraum wird nach Einschätzung von Ökonomen auf Jahre gering bleiben und noch schwächer ausfallen als bislang angenommen. Banken und Investoren in Europa müssen sich somit noch etliche Jahre auf eine historische Niedrigzinsphase einstellen.

Die Aussichten auf eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in der Eurozone haben sich in den letzten Monaten weiter eingetrübt. Insofern ist kein Inflationsdruck zu erkennen, der die EZB zum Handeln zwingen würde. „Unter normalen Umständen ist bis Herbst 2018 nicht mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) zu rechnen“, so Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der Dekabank, im Rahmen einer Investorenkonferenz der Stadtsparkasse Düsseldorf. Schuld daran sind vor allem hohe geopolitische Risiken, die als extrem belastende und verunsichernde Faktoren wirken, sowie eine schwache Nachfrage auf den heimischen Märkten. Der Ukraine-Konflikt wiegt schwer und droht längerfristige Krisenfolgen nach sich zu ziehen. Die Sanktionen der westlichen Konfliktparteien wirken negativ auf die internationale Wirtschaft und die Finanzmärkte. „Der geopolitische Stress hält uns in Atem“, so Wirtschaftsforscher Bahr. Die expansive Geldpolitik der Zentralbanken sieht er als aktive Krisen- und Deflationsbekämpfung. „Das Risiko des Nichtstuns ist für die EZB weit höher als den Leitzins längerfristig auf dem niedrigen Niveau von 0,05 Prozent zu belassen“, meint Bahr. Trotz sehr niedriger Refinanzierungsmöglichkeiten für die europäischen Banken werden immer noch zu wenig neue Kredite an Unternehmen vergeben, die zu einem Wachstumsimpuls führen könnten. Nach Einschätzung der Dr. Klein & Co. AG ist davon auszugehen, dass die EZB neben dem angekündigten Programm für den Ankauf von Staatsanleihen oder bestehenden Krediten von Banken weitere Maßnahmen ergreifen und den Finanzinstituten noch mehr günstige Mittel zur Kreditvergabe zur Verfügung stellen wird. In einer aktuellen Umfrage der EZB senkten die 61 befragten Ökonomen ihre Prognosen für die Teuerung. In Deutschland verharrte das Niveau der Verbraucherpreise im Oktober mit 0,8 Prozent im vierten Monat in Folge auf seinem Jahrestief und dem niedrigsten Stand seit Februar 2010. Grund ist vor allem der starke Rückgang der Preise für Heizöl und Sprit auf Jahressicht. Die EZB bekräftigte in ihrem Monatsbericht die Bereitschaft, im Kampf gegen die für die Konjunktur gefährlich niedrige Inflation weitere unkonventionelle Maßnahmen einzusetzen.

Während die Experten in Europa angesichts der anhaltenden Wirtschaftsschwäche auf kurz- und mittelfristige Sicht von unverändert niedrigen Zinsen ausgehen, wird für die Vereinigten Staaten bald die erste Zinserhöhung erwartet. Begründet werden diese Erwartungen mit dem stabilen Wirtschaftswachstum im Jahr 2014 und einer Normalisierung der Konjunktur. Der starke Arbeitsmarkt, das wachsende Verbrauchervertrauen und die sinkenden Gas- und Benzinpreise beflügeln das BIP-Wachstum. Die Dekabank rechnet spätestens in der ersten Jahreshälfte 2015 in den USA mit Zinserhöhungen durch die Fed. Dies dürfte dazu führen, dass vermehrt Kapital in die USA fließen wird und somit aus anderen Regionen, etwa der Eurozone, abgezogen wird. Das wirtschaftliche Umfeld in Euroland dürfte den Preisauftrieb noch für einige Zeit dämpfen. Gleichwohl werden auch in Europa erste Reformerfolge sichtbar. Frühindikatoren wie Einkaufsmanager- und Geschäftsklimaindizes signalisieren bereits für das vierte Quartal 2014 Verbesserungen. Dabei dürfte vor allem der Konsum eine treibende Rolle spielen. Positiv überrascht hat zudem die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Das Gewinnwachstum war mit 5 Prozent in den USA beziehungsweise 4,5 Prozent in Europa besser als erwartet und der Umsatz aller Unternehmen in beiden Regionen höher als gedacht. Die Unternehmensgewinne könnten in Zukunft zur marktbestimmenden Größe werden. Das wiederum verschafft den Aktien als Anlageklasse zusätzlichen Auftrieb. Sinnvolle Alternativen zu Aktien, die Dekabank-Volkswirt Bahr als „Produktivgold“ bezeichnet, sind bislang kaum zu erkennen.

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
19.11.2014
Quelle(n):

Foto (oben): Eurologo vor der EZB in Frankfurt am Main (Bilderbox.biz)
Foto (unten): Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der Dekabank

Autor/in 
Stefan Hirschmann
Dr. Stefan Hirschmann ist Chefredakteur der Zeitschrift „die bank“
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