Kosten senken, Stellen abbauen und neue Kultur etablieren
Eine neue Deutsche Bank
 

Der gestrige Sonntag hielt für die Mitarbeiter der Deutschen Bank zahlreiche Nachrichten zum großen Rundumschlag bereit – teilweise war auch von einer „Notoperation“ zu hören, die Vorstandsvorsitzender Christian Sewing gestartet habe.

Das traurigste Detail in diesem Zusammenhang: 18.000 Mitarbeiter werden in den kommenden drei Jahren ihren Arbeitsplatz verlieren. Für sie ist es wohl wenig Trost, dass auch im Vorstand umgebaut wird, weil, so Sewing: „Wenn wir eine neue Deutsche Bank schaffen wollen, dann muss der Wandel ganz oben beginnen. Das hat mit Struktur zu tun, aber auch mit den einzelnen Teammitgliedern.“ 

Werfen wir also zunächst einen Blick auf die personellen Auswirkungen. An der Spitze der Deutschen Bank wird es künftig nur noch Vorstände für die zentralen und regionalen Funktionen geben, sie verantworten die Gesamtstrategie der Bank. Darunter agiert das neue Group Management Committee (GMC), worin die Vorstandsmitglieder eng vernetzt mit den Leitern der operativen Geschäftsbereiche zusammenarbeiten. Das GMC soll Entscheidungsprozesse beschleunigen und den Unternehmergeist in den jeweiligen Geschäftsbereichen stärken.

Im Vorstand verantwortlich sind Vorsitzender Christian Sewing und Stellvertreter Karl von Rohr. Neu hinzu kommen nun Christiana Riley, Stefan Simon und Bernd Leukert, die jedoch allesamt noch ihre regulatorische Freigabe absolvieren müssen. Die Amerikanerin Christiana Riley übernimmt ab sofort die regionale Verantwortung für das Geschäft in Nord- und Südamerika. Sie ist seit 2006 bei der Bank, zuletzt als Finanzchefin der Unternehmens- und Investmentbank. Bis zur regulatorischen Freigabe als Vorstandsmitglied wird sie an Christian Sewing berichten. Bernd Leukert, bis Februar noch Technikvorstand bei SAP, stößt zum 1. September als Vorstand für Digitalisierung, Daten und Innovation zur Deutschen Bank. Er berichtet vorerst an COO Frank Kuhnke. Stefan Simon schließlich wird neuer Chief Administrative Officer (CAO) und als solcher für die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden und die Rechtsabteilung verantwortlich sein. Er war seit August 2016 Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank und leitete dessen Integritätsausschuss. Simon ist Anwalt und Steuerberater, Experte für Governance, Compliance und Unternehmensrecht, Honorarprofessor an der Universität Köln und war als Partner bei Flick Gocke Schaumburg tätig. Er wird bis zum regulatorischen Plazet an Karl von Rohr berichten.

Bereits am Freitagmittag hatte die Deutsche Bank den Abschied von Garth Ritchie, dem Leiter der Unternehmens- und Investmentbank, verkündet. Trennen wird sich die Bank nun auch von Chief Regulatory Officer Sylvie Matherat und dem Leiter der Privat- und Firmenkundenbank, Frank Strauß. 

Die Geschäftsverteilung der bisherigen Vorstandsmitglieder ändert sich dadurch wie folgt: Christian Sewing übernimmt nun auch die Verantwortung für die neu geschaffene Unternehmensbank sowie für die Investmentbank. Karl von Rohr wird zuständig sein für die Privatkundenbank und die Vermögensverwaltung, zudem behält er die regionale Verantwortung für Deutschland und bleibt Arbeitsdirektor. Chief Operating Officer Frank Kuhnke wird zusätzlich für die Abbaueinheit (Capital Release Unit) sowie für die Region Europa, Naher Osten und Afrika (EMEA) verantwortlich sein. Risikovorstand Stuart Lewis wird künftig auch den Bereich Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität übernehmen, zusätzlich auch die Verantwortung für die Region Großbritannien und Irland. Unverändert bleiben die Verantwortungsbereiche von Finanzvorstand James von Moltke sowie von Werner Steinmüller, der weiterhin die Region Asien/Pazifik leitet.

„Mit dieser neuen Struktur entbinden wir die operativen Leiter der Geschäftsbereiche ganz bewusst von den Vorstandsaufgaben, die viel Zeit und Aufmerksamkeit erfordern. Stattdessen sollen die Verantwortlichen für die Geschäftsbereiche wie Unternehmer innerhalb unserer Bank arbeiten können – mit voller Konzentration auf ihre Kunden und das, was wir ihnen bieten können“, sagte Sewing. Von jedem Mitglied des Führungsteams werde erwartet, intern wie extern Vorbild zu sein. Und dafür stünden die Kollegen, die in das neu gegründete Group Management Committee berufen wurden: Stefan Hoops als Leiter der Unternehmensbank, Mark Fedorcik als Leiter der Investmentbank und Ram Nayak als Verantwortlicher für das Anleihen- und Währungsgeschäft sowie Manfred Knof als Leiter der Privatkundenbank in Deutschland. Ashok Aram wird das internationale Privatkundengeschäft (einschließlich der dortigen Firmenkunden) leiten, Fabrizio Campelli das Wealth Management. Asoka Wöhrmann bleibt an der Spitze des Vermögensverwalters DWS. Die neue Abbaueinheit (Capital Release Unit) leiten Louise Kitchen und Ashley Wilson. Unterstützt wird dieses neue Gremium von einem 13-köpfigen Senior Leadership Team, dem erweiterten Führungskreis. „Um die vor uns liegenden Herausforderungen zu bewältigen, bedarf es eines Vorstandsteams, das einerseits die angekündigte Restrukturierung konsequent umsetzt und andererseits in der Lage ist, Wachstumschancen unternehmerisch aber verantwortungsvoll wahrzunehmen“, begründete Aufsichtsratschef Paul Achleitner die Veränderung der Führungsstruktur. 

 

Umfassende Transformation – „Neustart“

„Heute haben wir die umfassendste Transformation der Deutschen Bank seit Jahrzehnten vorgestellt. Wir packen all das an, was notwendig ist, um das volle Potenzial unserer Bank zu entfalten: unser Geschäftsmodell, unsere Kosten, unser Kapital und unser Führungsteam“, so Bankchef Sewing. Das Institut kehre zu seinen Wurzeln zurück. Die Bank soll durch die Transformation wieder profitabler werden, eine bessere Rendite aufweisen und auf lange Sicht wieder wachsen. Dazu sollen die Gesamtkosten in den nächsten drei Jahren um mehr als ein Viertel gesenkt und vor allem die Investmentbank verkleinert werden. 

In einem neuen Geschäftsbereich namens Unternehmensbank werden die Transaktionsbank und das deutsche Geschäft mit Firmenkunden der Deutschen Bank und der Postbank gebündelt. Die Investmentbank  soll sich künftig auf ihre „traditionellen Stärken“ im Finanzierungs-, Beratungs- und Zins- und Währungsgeschäft konzentrieren und dabei z. B. die Bereiche Kredit- und Devisenprodukte ausbauen. Aus dem Aktienhandelsgeschäft wird sich die Bank zurückziehen, aber ein fokussiertes Aktienemissionsgeschäft (Equity Capital Markets) fortführen. Mit BNP Paribas wurde eine vorläufige Einigung erzielt, um Kunden in den Bereichen Prime Finance und Electronic Equities weiter zu bedienen. Die Systeme und Mitarbeiter sollen später an die Franzosen übergeben werden, wenn die notwendigen Genehmigungen vorliegen. Darüber hinaus plant die Bank, ihr Handelsgeschäft, insbesondere den Handel mit Zinsprodukten (Rates), anzupassen und den Abbau ihres Portfolios an nichtstrategischen Aktiva zu beschleunigen. Die risikogewichteten Aktiva sollen um etwa 40 Prozent reduziert werden. Die Privatkundenbank wird Privatkunden in allen Segmenten sowie kleinere Geschäftskunden betreuen. Ziel sei es, die Position als Marktführer in Deutschland, als fokussierte Bank in Europa und als globaler Vermögensverwalter auszubauen – auch durch eine Beschleunigung der Integration der Postbank. In der Privatkundenbank sollen die Kosten bis zum Jahr 2022 um weitere 1,4 Mrd. Euro gesenkt werden, zusätzlich zu den für 2019 erwarteten 200 Mio. Euro.

Investieren will die DB-Privatkundenbank hingegen verstärkt in die Digitalisierung und die Entwicklung von Plattformen. Und vor allem für den wachsenden Markt der hoch vermögenden Kunden im asiatischen Raum sollen mehr Kundenberater eingestellt werden. Die DWS bleibt auch in der neuen Strategie eine der tragenden Säulen und strebt eine Platzierung unter den Top10 der globalen Vermögensverwalter an. Ihre Rendite soll von derzeit 18 auf über 20 Prozent (2022) steigen.

Insgesamt zielt die Deutsche Bank mit ihrer Neuausrichtung auf höhere und weniger schwankungsanfällige Ergebnisse. Die Erträge, die zuletzt in der Kernbank bei 22,8 Mrd. Euro lagen, sollen bis 2022 auf rund 25 Mrd. Euro steigen.

 

Finanzierung des Umbaus

Im Rahmen der Transformation werden ertragsschwache oder nichtstrategische Vermögenswerte in die Abbaueinheit Capital Release Unit (CRU) eingebracht; geplant sei der Übertrag von rund 74 Mrd. Euro an risikogewichteten Aktiva (RWA), von denen etwa 38 Mrd. Euro auf markt- und kreditrisikobezogene RWA entfallen, teilte die Bank mit. Bis 2021 sollen diese RWA auf unter 10 Mrd. Euro schrumpfen. Die Gesamtverschuldung (Leverage Exposure) i.H.v. 288 Mrd. Euro soll bis 2022 größtenteils abgebaut sein, die Verschuldungsquote bei etwa 5 Prozent und die harte Kernkapitalquote (CET 1 Target Ratio) bei mindestens 12,5 Prozent liegen.  Den Begriff „Bad Bank“ will Sewing für diese Abbaueinheit nicht gelten lassen, er sei irreführend. „Angesichts der hohen Qualität und der oft kurzen Laufzeit der Bilanzpositionen rechnen wir mit einem raschen Abbau, durch den wir in erheblichem Umfang Kapital freisetzen können.“ 

Sparen kann erst einmal teuer sein, und natürlich kostet auch diese Transformation viel Geld. Das soll aber aus eigenen Quellen kommen. Deshalb dürfen die Aktionäre in den Jahren 2019 und 2020 keine Dividende erwarten. Insgesamt werde der Umbau bis 2022 voraussichtlich einmalige Belastungen und Kosten aus Wertminderungen, Restrukturierungskosten und Abfindungen in Höhe von 7,4 Mrd. Euro erfordern, wovon zwei Drittel noch in diesem Jahr verbucht werden sollen. Davon ausgehend erwartet die Bank für das zweite Quartal 2019 einen Verlust von etwa 500 Mio. Euro vor Steuern. Durch den Stellenabbau um rund 18.000 auf etwa 74.000 Vollzeitstellen bis 2022 will die Bank ihre bereinigten Kosten um rund 6 auf 17 Mrd. Euro im Jahr 2022 senken.

 

Mehr Innovation und bessere Kontrollen

Bis zum Jahr 2022 will die Deutsche Bank weitere 4 Mrd. Euro in verbesserte Kontrollen investieren. Sie wird ihre Bereiche Risiko, Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität bündeln, um Prozesse und interne Kontrollen zu stärken und die Effizienz zu steigern. Für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit sollen auch die Infrastrukturfunktionen umgebaut werden, d. h. die Systeme und Prozesse, die alle Geschäftsbereiche unterstützen, sollen schlanker, innovativer und digitaler werden.Um einerseits die Innovationskraft zu stärken und andererseits die internen Kontrollen weiter zu verbessern, investiert die Bank gezielt in Technologien und Innovationen, und hat dazu ein Budget in Höhe von 13 Mrd. Euro für die nächsten drei Jahre veranschlagt. 

 

Persönliche Ansprache

Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner bezeichnete die Transformation als „die richtige Antwort auf die massiven Veränderungen und Herausforderungen in der Finanzindustrie“. Die Deutsche Bank habe in den letzten zehn Jahren eine schwierige Zeit durchlaufen. Mit der neuen Strategie aber gebe es „allen Grund, zuversichtlich und selbstsicher nach vorne zu blicken“.

Vorstandschef Christian Sewing wandte sich in einer persönlichen Nachricht an die Mitarbeiter. „Mir ist sehr bewusst, dass dieser Umbau harte Einschnitte mit sich bringt“, schrieb er. Im Sinne der Bank gebe es aber keine andere Wahl. Die Transformation führe die Bank wieder stärker an ihre DNS heran: So werde die neue Unternehmensbank, wie schon die Deutsche Bank bei ihrem Beginn vor fast 150 Jahren, deutsche und europäische Unternehmen weltweit begleiten, ein globales Netzwerk bereitstellen und ausländische Unternehmen nach Europa bringen. 

Die Maßnahmen schüfen „eine neue, eine bessere Deutsche Bank“, erforderten aber auch unangenehme Entscheidungen wie den umfangreichen Stellenabbau. „Meine Kollegen und ich wissen, dass dahinter Menschen und Schicksale stehen. Auch deshalb werden wir alles dafür tun, die Einschnitte so verantwortungsbewusst wie möglich umzusetzen.“ Wie der Stellenabbau vonstattengehen soll, wird noch mit den Arbeitnehmervertretern beraten.

„Es geht darum, neu zu denken. Es geht um eine neue Kultur. Eine Kultur, die ermöglicht statt verhindert. Eine Kultur, die die Bank und ihre Kunden immer über die Interessen des einzelnen stellt. Eine Kultur, in der Integrität und Teamarbeit Grundwerte sind. Eine Kultur, die unsere Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft ernst nimmt. Eine Kultur, in der zu arbeiten wir alle wieder stolz sind– und in der die großen Talente arbeiten wollen“, so Sewing am Sonntag gegenüber den Mitarbeitern.  (kra) 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
08.07.2019
Quelle(n):
Bildquelle: Deutsche Bank AG
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Redaktion die bank
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