Digitalisierung
Die Neuinterpretation des Banking

Branchen wie die Musik- und Medienindustrie oder auch der Einzelhandel haben den Wandel schon hinter sich: Die Digitalisierung erfasst sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche – in einem rasanten Tempo. So avancierte PayPal in weniger als drei Jahren zu einer mächtigen Bezahloption im Netz. Allein in Deutschland hat das Unternehmen mehr als 12 Millionen aktive Nutzer. Und mit Apple Pay, Alipay oder der Google Wallet stehen die nächsten branchenfremden Player mit ihren digitalen Bezahllösungen schon in den Startlöchern. „2015 erwarten wir bei Mobile Payment den Durchbruch“, so Digitalisierungsexperte Bernd-Josef Kohl von GFT Germany im Rahmen einer Expertenrunde auf der CeBIT in Hannover. Auch andere Marktteilnehmer versprühen Optimismus, denn im europäischen Vergleich wird deutlich, dass Länder wie Spanien, Italien, Schweden oder Norwegen Deutschland in Sachen Digitalisierung des Finanzsektors um einige Jahre voraus sind. Banken und Sparkassen stehen im „Land der Lastschrift“ erst am Anfang, meint Mobile Payment-Expertin Marina Walser (Foto unten links). Tatsächlich hat der technologische Fortschritt in den letzten Jahren zahlreiche neue Trends im Bezahlbereich hervorgebracht. Die Branche passt sich fortlaufend an, um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. „2014 war bereits eine zunehmende Bewegung hin zu einer bargeldlosen Gesellschaft zu beobachten. Ich bin überzeugt, dass sich der Rückgang des konventionellen Privatkundengeschäfts von Banken 2015 weiter fortsetzen wird“, glaubt auch Tobias Schreyer, Chief Commercial Officer bei der PPRO Group. Digitale Dienstleistungen wie E-Geld-Konten einschließlich der damit verknüpften Debit- und Prepaid-Karten werden als Alternativen zum traditionellen Bankwesen immer beliebter, und zwar überall auf der Welt. 2015 wird es nach Prognosen von PPRO einen beschleunigten Trend zum E-Geld-Konto geben, durch den sich die aktuell bevorzugten Online-Bezahlmethoden wie Debit- und Kreditkarte sowie PayPal innerhalb einer größeren Vielfalt an Online- und mobilen Zahloptionen neu positionieren werden. „Diese neuen Zahlverfahren tragen nicht nur den Veränderungen im deutschen Bankenmarkt Rechnung, sondern kommen auch den Zahlungsvorlieben von Kunden entgegen“, sagt Schreyer.

Die Realität sieht indes anders aus: Payment-Applikationen (PayApps) haben sich in Deutschland bislang weitaus weniger schnell verbreitet als erwartet oder werden überhaupt nicht genutzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine PwC-Analyse, die den Markt für mobile Bezahlsysteme in Deutschland untersucht hat. Dabei beschränkt sich die Analyse nicht nur auf die PayApps für Endverbraucher (Business-to-Consumer, B2C), sondern analysiert auch die mobilen Bezahlsysteme für Geschäftskunden (Business-to-Business, B2B). Aktuell ist der B2B-Markt praktisch kaum existent. Wenig bis gar keine Aussicht auf Erfolg haben offenbar auf QR-Code basierende Payment-Technologien. Hier fehlt die flächendeckende Akzeptanz.

Im Jahr 2014 lag die Kundenbasis für mobile Bezahlsysteme in Deutschland bei etwa 176.000 Nutzern, die von über 80 Lösungsanbietern für Payment-Applikationen bedient werden. Eine Konsolidierung in diesem Segment scheint also unausweichlich. Die große Frage lautet: Wie reagieren die Banken auf das veränderte Marktumfeld und wo lässt sich mit digitaler Technik das Serviceerlebnis für den Kunden verbessern? „Wichtig ist die Etablierung einer kundenorientierten Bankenlandschaft“, meint Frank Schwab (Foto unten rechts), CEO der Fidor TecS AG, einer Tochter der Fidor Bank, die keine Filialen hat, und bei der alles online zu erledigen ist. Fidor TecS wiederum macht standardisierte IT für alles, was online gefragt ist: Social Media und Finanzanwendungen für Banken, Online-Einzelhändler oder Spieleanbieter im Internet. Der Schlüssel ist ein offenes System mit Schnittstellen, über die weitere Anwendungen andocken können. Die Fidor Bank ist das Paradebeispiel für die digitale Bank der Zukunft, das meiste Geld verdient sie allerdings mit traditionellen Bankdienstleistungen. Für eine digitale Zielgruppe versucht sie mit einem entsprechenden Angebot Nachfrage beim Kunden zu produzieren. Schwab und die Fidor Bank sind somit selbst Treiber der digitalen Transformation. Ziel ist, mit einer „Neuinterpretation des Banking“ die Innovationsgeschwindigkeit zu fördern. Deshalb pflegt die Bank auch eine besondere Nähe zu FinTechs.

Die Organisationsstrukturen in den Kreditinstituten sind komplex und auf Produktentwicklung ausgerichtet. Dass ein Umdenken in Richtung Kundenzentrierung wichtige Punkte im harten Wettbewerb bringt, kann man nicht oft genug betonen. „Gerade junge Leute haben längst einen digitalen Tagesablauf, aber die meisten Banken denken immer noch analog“, sagt Payment-Expertin Walser. Banken kommen deshalb nicht drum herum, sich in den Alltag des Kunden zu integrieren – und dieser ist mehr und mehr digital. Das bedeutet, ohne komplette Integration der analogen und digitalen Kanäle und die Präsenz im Lebensalltag der Kunden geht es nicht. Der Kunde steht somit im Mittelpunkt, nicht das Produkt. Für diesen Sinneswandel haben FinTechs oft die passenden Ideen, Banken das Geld – Kooperationen mit jungen Ideenschmieden ohne Denkverbote könnten in den Instituten als Katalysator für Innovationen wirken. Schwieriger ist allerdings, den passenden Partner zu finden und diesen in die IT-Strukturen einer Bank zu integrieren. Für Deutschland rechnet Fidor-Chef Schwab mit etwa 400 FinTech-Unternehmen – nur ein Bruchteil davon dürfte jedoch auf absehbare Zeit auch Teil der deutschen Kreditwirtschaft werden.

Sind das nun bloße Schlaglichter oder eine treffende Beschreibung der Gesamtsituation? Um diese Frage zu klären, hat GFT eine internationale Studie unter Top-Entscheidern und Banking-Experten gestartet. Die Expertenbefragung läuft noch bis zum 6. April: www.gft.com/digitalbanking

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
25.03.2015
Quelle(n):
Bildquelle: © Tyler Olson - Fotolia.com, Fidor
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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