Monetarisierung digitaler Angebote
Die Milliardenwette
 

PSD2 tritt zum Zeitpunkt niedriger Margen und hohem regulativen Drucks in der Finanzindustrie in Kraft und wirkt als Katalysator für die digitale Transformation der Banken. Diese investieren derzeit Milliarden in die Digitalisierung ihrer Strukturen, Prozesse und Angebote. Eins der Hauptziele: höhere Erträge. Allerdings werden fast alle in den vergangenen Monaten neu eingeführten digitalen Services kostenlos angeboten. Die Banken müssen dringend Strategien zur Monetarisierung ihrer digitalen Angebote entwickeln, damit die Milliardenwette am Ende nicht verloren wird.

Für Banken steht aktuell nicht weniger als ihre Zukunft auf dem Spiel. Die Margen im Retail Banking sind wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase, regulatorischem Druck und Niedrigpreiswettbewerbern so eng wie nie zuvor. Laut unserer Global Pricing Study von 2016   gaben über 40 Prozent der Befragten aus der Bank- und Finanzindustrie eine Verschlechterung der Margen im Vergleich zum Jahr 2014 an. Gleichzeitig ändern sich durch die Digitalisierung Kundenverhalten und Wettbewerbsumfeld drastisch. Kunden erwarten von ihren Finanzdienstleistern eine ähnliche digitale Finesse, wie sie es von Amazon und Co. gewohnt sind. Parallel entstehen fast wöchentlich neue FinTechs, die versuchen, sich immer mehr Rosinen aus dem Geschäft der Banken herauszupicken.

Mit der Umsetzung der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 sind Banken ab 2018 verpflichtet, nach Einwilligung der Kunden dritten Parteien den Zugang zu Zahlungsverkehrsdaten über standardisierte Schnittstellen (APIs) sowie die Verarbeitung von Zahlungsaufträgen kostenfrei zu ermöglichen. Bisher bestand für Banken eine „Monopolsituation“ hinsichtlich der Kundendaten. Mit PSD2 tritt nun eine neue Situation ein – ein Grund für die „disruptive“ Wahrnehmung dieser anstehenden Veränderungen. PSD2 hat das Potenzial eine noch stärkere Wettbewerbsdynamik zu entfachen und als Katalysator für die digitale Transformation der Finanzindustrie zu wirken.

Milliarden für die Digitalisierung
Die meisten Großbanken begegnen diesen Herausforderungen mit einer „Flucht nach vorn“: Einerseits werden milliardenschwere Investitionsbudgets bereitstellt, andererseits Innovations- und Produktionsprozesse schrittweise gegenüber Drittanbietern geöffnet. Was bedeutet das im Detail? Zunächst einmal steigende, milliardenschwere Investitionsbudgets für Digitalisierung. Unsere Analyse von zwölf internationalen Banken zeigt: Allein diese haben für die nächsten drei bis fünf Jahre Budgets in Höhe von insgesamt mehr als 16 Mrd. € für die Digitalisierung bereitgestellt. Hier einige Beispiele:

  • Die Deutsche Bank plant für die nächsten drei bis fünf Jahre rund 1 Mrd. € für die Digitalisierung ein, wovon allein 600 Mio. € in den Bereich Retail Banking fließen sollen.
  • Das britische Bankhaus Lloyds investiert in den nächsten drei Jahren 1,2 Mrd. € in die Digitalisierung.
  • Am deutlichsten wird JP Morgan Chase – die Bank, die sich mittlerweile selbst als „Technology Company“ bezeichnet – auf die Milliardenwette eingehen: Hier steht ein Budget von 8,5 Mrd. € bereit.

Ein Großteil dieser Investitionen ist bisher für die Erneuerung der IT-Infrastruktur vorgesehen. Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, „offline Leistungen“ in digitale Angebote zu überführen und darüber hinaus an Agilität und Innovationskraft im Innovationsprozess zu gewinnen.

Open Banking und Plattformökonomie
Open Innovation bzw. Open Banking ist ein weiterer Bestandteil der Digitalisierungsstrategie vieler Banken. So haben mittlerweile viele Banken Inkubatoren und Accelerator-Programme für Start-ups aus der Finanzbranche aufgebaut, bei denen FinTechs von Banken monetär und durch Beratung unterstützt werden. Das Ziel ist, neue Angebote schneller und kostengünstiger zu entwickeln. So zum Beispiel die Deutsche Bank, die sich zum Ziel gesetzt hat, über 500 Start-up-Ideen pro Jahr zu evaluieren, die BNP Paribas, die im Rahmen ihrer Accelerator-Programme Start-ups in der Regel drei bis sechs Monate intensiv betreut, oder die HSBC, die bisher 289 Mio. US-$ allein in chinesische Start-ups investierte.

All diesen Programmen liegt die Philosophie des Open Banking zugrunde, bei dem Banken ihre Infrastruktur über ein standardisiertes Interface (API) für Drittanbieter zur Verfügung stellen. PSD2 wird Banken nun dazu verpflichten, einen Teil dieser Infrastruktur kostenfrei offenzulegen. Viele Banken sind allerdings schon jetzt deutlich weiter und planen die Entwicklung umfangreicher Schnittstellen (z. B. die API Sandbox von BNP Paribas bzw. der Royal Bank of Scotland oder die dbAPI der Deutschen Bank). Ziel ist es, bestimmte Applikationen auf diesem Interface testen zu können. Open Banking wird die Finanzindustrie immer stärker in Richtung der Plattformökonomie rücken, bei der sich die Kunden auf wenige große Anbieter konzentrieren (analog: eBay, Amazon, Google). Andere Retail Banken und FinTechs werden in diesem Szenario entweder ein Teil dieser Ökosysteme sein oder eine Nischenposition einnehmen. Kern der Plattformökonomie sind Netzwerkeffekte, durch die Wert und Attraktivität der Plattform für die einzelnen Nutzer deutlich mit der Anzahl der User wachsen. Banken, die bereits früh robuste Ökosysteme aufbauen, werden durch die Chance auf eine höhere Nutzerzahl einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben.

Wie man die Wette gewinnt: Monetarisierung
Die wichtigste Herausforderung für die Banken im Zuge dieser Entwicklungen ist die Monetarisierung ihrer Investitionen. Genauer die Fragen danach, wie die Geschäftsmodelle und Ertragsquellen von Banken in Zukunft aussehen werden bzw. welche Maßnahmen Banken bereits jetzt ergreifen müssen, um die Milliardeninvestitionen schrittweise zu monetarisieren.

Zukünftige Geschäftsmodelle lassen sich grob in vier Kategorien einteilen.

  1. Eigenentwicklung: Banken entwickeln und vertreiben Dienstleistungen und Produkte selbst.
  2. White Label / OEM: Banken bieten Drittanbieter-Produkte in eigener Vermarktung bzw. unter eigener Marke an.
  3. Plattform: Die Bank fungiert als Vermittlungsplattform zwischen Kunden und externen Anbietern, Öffnung der Plattform für andere Anbieter.
  4. Werkbank: Die Bank stellt ihre Infrastruktur zur Verfügung und agiert als Backoffice, Dritte nutzen die angebotene Infrastruktur.

Bislang ist noch schwer absehbar, wie die Verteilung zwischen den einzelnen Modellen und den dazugehörigen Erlösströmen in Zukunft aussehen wird. Eins ist aber sicher: Die Erschließung neuer Erlösquellen erfordert eine spezifische Monetarisierungs-Strategie, die frühzeitig ausgearbeitet werden muss. Nach unserer Erfahrung wird allerdings zu selten darüber nachgedacht, wie und zu welchem Zeitpunkt sich die massiven Investitionen in die digitalen Services amortisieren und Erträge abwerfen sollen.

Entsprechend dem Plattform-Ökonomie-Modell müssen bei der Monetarisierung zwei Seiten des Markts getrennt optimiert, dabei aber auch optimal aufeinander abgestimmt werden:

  • Bank2C: das Überdenken von Angebotsstruktur und Pricing-Modellen gegenüber Endkunden (betrifft vor allem die Geschäftsmodelle 1 und 2). Das Ziel dabei ist eine einfachere Integration und Monetarisierung der neuen Leistungen intern sowie gegenüber Drittanbietern.
  • Bank2B: eine klare Strategie, wie mit den eigenen Daten und der eigenen Infrastruktur in Zukunft Geld verdient werden kann (betrifft die Geschäftsmodelle 3 und 4). Ziel: Angebotsstrukturen klären und entsprechende Dienste für Drittanbieter monetarisieren.

Bank2C: Monetarisierung digitaler Services gegenüber Endkunden
In der Vergangenheit wurden den Kunden viele Leistungen kostenlos zur Verfügung gestellt: Beratung, Girokonto, Kreditkarten etc. wurden durch die Zinserträge aus anderen Bankprodukten „subventioniert“. Die lang-anhaltende Niedrigzinsphase hat dieses Modell nachhaltig ausgehebelt. Auf der einen Seite stehen Milliardeninvestitionen in neue digitale Angebote und Services, auf der anderen Seite lassen sich diese zunehmend schwieriger monetarisieren.

 

 

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10/2017

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
28.11.2017
Erschienen in Ausgabe:

10/2017

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Quelle(n):
Bildquelle: ©fergregory / iStockphoto.com
Autor/in 
Jens Baumgarten, Benjamin Wellstein, Andrei Simonchyk

Jens Baumgarten ist Partner, Dr. Benjamin Wellstein ist Director und Andrei Simonchyk ist Consultant, alle bei Simon-Kucher & Partners im Bereich Financial Services. 
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