Automatisierung
„Die digitale Bank ist ein Software-Unternehmen“
 

Längst noch nicht alle Banken haben das digitale Lebensgefühl ihrer Kunden verstanden. Auf dem Weg zur automatisierten Bank haben die Institute noch einige Aufgaben vor sich, erklärt der Wirtschaftsinformatiker Jakob Freund im Interview.

Die Banken in Deutschland wollen Software künftig selbst entwickeln. 71 Prozent bauen zu diesem Zweck bereits bestehende IT-Abteilungen aus oder planen das konkret. Zwei Drittel der Institute setzen zudem auf eigenständige Teams, die sich ausschließlich um Software kümmern sollen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Berliner Softwarefirma Camunda hervor. Die zentrale Fragestellung war, was die Finanzbranche konkret macht, um sich und ihr Angebot digital zu transformieren.

73 Prozent der Banken investieren demnach aktuell in Systeme, die Zahlungen in Echtzeit ermöglichen. Fast ebenso viele wollen ihre Abläufe automatisieren – und zwar sowohl die internen als auch die von Kunden angestoßenen. 67 Prozent arbeiten an digitalen Plattformen. Nach Auffassung von Jakob Freund machen diese Pläne selbst entwickelte Software unverzichtbar. „die bank“ hat mit dem Camunda-CEO gesprochen.

die bank: Herr Freund, was ist so schlimm an eingekauften Programmen

Jakob Freund: Mich hat überrascht, dass mehr als die Hälfte der Banken bereits auf Open Source setzt und zusätzlich jede fünfte damit plant. Das ist eine gute Idee. Denn wer die eigene Software mit am Markt oder in der Community verfügbaren Teilen ergänzt, spart sich eine Menge Arbeit. Sehr viele Banken – und nicht nur diese – verlassen sich jedoch auf Großsysteme, die für alles zuständig sind. Lidl hat vergangenes Jahr eine SAP-Einführung abgebrochen, die schon sieben Jahre Arbeit und mehr als 500 Mio. Euro verschlungen hatte, weil sich das System als zu ungelenk erwies. Jetzt entwickelt der Discounter seine eigene IT weiter. Das rate ich auch den Banken.

die bank: Lieber kleine Teile anbauen und die Kernbank-IT selber machen

Freund: Ja, denn niemand kann auf der grünen Wiese das Rad ständig neu erfinden. Aber den aus vielen Einzelteilen zusammengesetzten sogenannten Technologie-Stack sollte jedes Unternehmen und jede Bank selbst beherrschen.

die bank: Woran merken Kunden, dass ihre Bank die Software selber herstellt?

Freund: Dazu eine kleine Anekdote: Ein Unternehmen hat seine Kunden befragt, ob sie mit den Diensten der Firma zufrieden sind. Das Feedback war gut, aber es hieß, dass die Abläufe durchaus etwas beschleunigt werden könnten. Dabei war die Geschwindigkeit, in der Aufträge abgearbeitet wurden, gar nicht gesunken. Das ist nur deshalb negativ aufgefallen, weil Firmen wie Amazon, Apple oder Google neue Maßstäbe setzen. Beim Banking lässt sich das genauso nachvollziehen. Heute sind nur etwas mehr als die Hälfte der Institute damit zufrieden, wie schnell sie über Nacht buchen. Angesichts dieser Ausgangslage müssen die Alarmglocken schrillen.

die bank: Weil die Firmen zu langsam sind?

Freund: Nein, weil sie über Nacht buchen. Die Verantwortlichen haben Angst davor, noch nicht fertig zu sein, wenn am Folgetag bereits die nächsten Kundenaufträge vorliegen. Viele Banken haben um das Core Banking herum zahlreiche Satelliten geschaltet, die den Eindruck vermitteln sollen, dass alles sofort geschieht. In Wahrheit sammeln diese Satelliten alle tagsüber eingehenden Aufträge und schreiben sie über Nacht in die zentralen Datenspeicher. Das ist jedoch nicht digital.

die bank: Was zeichnet eine digitale Bank aus?

Freund: Die digitale Bank ist ein Software-Unternehmen, das fundamental auf digitaler Infrastruktur basiert. Nach heutigen Maßstäben bedeutet das, maximal automatisiert zu sein – auch bei den internen Abläufen. Digitale Transformation ist fundamental und verändert auch das Selbstverständnis einer Firma. „We are a technology firm. We are a platform.“ Das hat Lloyd Blankfein schon vor zwei Jahren als CEO über das Selbstverständnis von Goldman Sachs gesagt.

die bank: Lag Blankfein damit richtig?

Freund: Ja. Wer sich die erfolgreichen Start-ups heute anschaut, von Wirecard bis hin zu N26, sieht den Erfolg sofort. Hier sind Unternehmen am Werk, die den digitalen Spirit und vor allem das digitale Lebensgefühl ihrer Kunden verstanden haben.

die bank: Bei welcher Bank haben Sie Ihr Konto?

Freund: Ich bin ein eher konventioneller Verbraucher. Mein Hauptkonto habe ich immer noch bei der Hausbank, bei der mein Vater es vor 30 Jahren für mich eröffnet hat. Mein Zweitkonto bei einer Direktbank nutze ich aber inzwischen immer intensiver, weil deren Online-Services zuverlässig sind und sich sehr einfach bedienen lassen. Das ist mir wichtiger als ein persönlicher Ansprechpartner. Ironischerweise sieht die Webseite dieser Bank nicht ganz so schick aus wie die meiner Hausbank. Das digitale Angebot erreicht jedoch ein viel höheres Niveau.

die bank: Was ist damit gemeint?

Freund: Es gibt modern anmutende Banken, die sehr gute Webseiten und Apps haben. Trotzdem muss man für viele Dienste noch diesen einen berühmten Bankarbeitstag warten. Das liegt an der strengen Regulatorik, sehr häufig aber auch an veralteten Backend-Systemen und nächtlichen Batch-Läufen. Die Kundenerfahrung hat sich also gar nicht verändert, auch wenn vieles heute etwas besser aussieht. Das merken die Verbraucher, auch wenn sie nicht sofort den Finger in die Wunde legen können.

die bank: Brauchen wir künftig überhaupt noch Menschen im Banking?

Freund: Es ist nur schwer vorstellbar, dass der Kollege Roboter anderen am Ende die Jobs wegnimmt. Mein Eindruck ist eher, dass sich viele Tätigkeiten gut automatisieren lassen, die uns von unseren eigentlichen Aufgaben ablenken. Allerdings muss sich die Gesellschaft Gedanken machen, was es bedeutet, wenn im Arbeitsprozess für die gleiche Leistung viel weniger manuelle Produktivität benötigt wird. Das betrifft jedoch alle Branchen, nicht nur die Banken. Es ist wünschenswert, dass die Menschen mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge bekommen und die Gesellschaft Wege findet, mit den kommenden digitalen Veränderungen umzugehen.

Jakob Freund hat Camunda gemeinsam mit Bernd Rücker im Jahr 2008 gegründet. Seitdem ist der Wirtschaftsinformatiker CEO des Unternehmens. Die Firma entwickelt und vertreibt die gleichnamige Open-Source-Lösung für Workflow Automation und Decision Management.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
13.06.2019
Quelle(n):
Bildquellen: Sebastian Kaulitzki | fotolia.com und camundo
Autor/in 
Redaktion die bank
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