Der Berater im Spannungsfeld zwischen Kunde, Bank und Aufsicht
Das Magische Dreieck der Anlageberatung
 

Die im Zuge der Finanzmarktkrise zunehmend in die öffentliche Diskussion geratene Anlageberatung muss zwischen den teil­weise konfligierenden Anforderungen des Kunden, des Kreditinstituts und der Aufsicht navigieren. Die Sicht­weise der hiervon betroffenen Anlageberater wurde nun erstmals in der Studie „Anlage­beratung in Deutschland – The Bankers’ View“ der EBS Business School genauer untersucht.

Die Qualität der Anlageberatung im Privatkundengeschäft von Banken und Sparkassen steht im Zuge der Finanzmarktkrise wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Fehlberatung, produkt- und provisionsorientierter Vertrieb statt bedürfnisorientierter Beratung werden als Hauptkritikpunkte angeführt. Insbesondere bei Betrachtung der für die Anlageberatung auch bereits seit längerem relevanten und geltenden Vorschriften stellt sich die Frage nach den tatsächlichen Ursachen für die angezeigten Problemfelder, da Art und Qualität der Anlageberatung bereits hinreichend normiert sind. Angesichts eines bei Banken und Sparkassen angelegten Geldvermögens in Höhe von gut 3 Bio € kommt der Qualität der Anlageberatung zudem auch eine entscheidende volkswirtschaftliche und wohlfahrtstheoretische Bedeutung zu.

Schon seit den 1990er Jahren hat sich die Regelungsdichte deutlich erhöht: Aus dem so genannten Bond-Urteil des Bundesgerichtshof vom 6. Juli 1993 leitete sich bereits mit einem hohen zivilrechtlichen Anlegerschutzstandard die Pflicht zur „anleger- und objektgerechten Beratung“ ab (BGH XI ZR 12/93). Aufsichtsrechtlich weiter verankert und detailliert wurden die Regelungen der Paragrafen §§ 31 ff. WpHG im Rahmen der Umsetzung der 2004 erlassenen MiFID durch das 2007 beschlossene Finanzmarkt-Richtlinien-Umsetzungsgesetz (FRUG). Einer der Schwerpunkte regelt insbesondere Interessenkonflikte im Zusammenhang mit Zuwendungen Dritter. Die Wohlverhaltensregeln wurden durch umfangreichere Informationspflichten und die Einführung einer Geeignetheitsprüfung (§ 31 Abs. 4 WpHG) konkretisiert. Diese erfordert die Ermittlung der drei Kriterien „Anlageziel“, „finanzielle Risikotragfähigkeit“ sowie „Kenntnisse und Erfahrungen des Kunden“, um darauf aufbauend „geeignete“ Empfehlungen aussprechen zu können.

Mit weiteren regulatorischen Maßnahmen stärkte der Gesetzgeber besonders die Rechte der Privatanleger. So beinhaltet das am 5. August 2009 in Kraft getretene, novellierte Schuldverschreibungsgesetz (BGBl. I S. 2512) unter anderem die Einführung verpflichtender Beratungsprotokolle zum 1. Januar 2010. Die Beweislast für die schlüssige und ordnungsgemäße Protokollerstellung liegt darüber hinaus bei der Bank oder Sparkasse. Ergänzend wurde die bis dahin bestehende kurze Sonderverjährungsfrist von drei Jahren seit Vertragsschluss des § 37a WpHG bei Schadensersatzansprüchen wegen Falschberatung bei Wertpapieranlagen gestrichen.

Stellte bereits das novellierte Schuldverschreibungsgesetz die Branche mit dem relativ kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes zu implementierenden Beratungsprotokoll vor große Herausforderungen, kennt das am 8. April 2011 in Kraft getretene Anlegerschutz- und Funktionsverbesserungsgesetz (AnsFuG) noch kürzere Implementierungszeiträume. So muss seit dem 1. Juli 2011 allen Kunden bei Kaufempfehlungen von Finanzprodukten ein Produktinformationsblatt (PIB) rechtzeitig vor Abschluss durch ihre Berater zur Verfügung gestellt werden. Zielsetzung der zwei- bis dreiseitigen PIBs ist es, Kunden kurz und verständlich über Art und Funktionsweise des Anlageprodukts, die damit verbundenen Risiken und Chancen sowie Kosten und Ertragsaussichten unter verschiedenen Marktszenarien zu in­formieren.

Regulatorische Entwicklung im ÜberblickNeben der Einführung von Produktinformationsblättern sieht das AnsFuG eine deutliche Verschärfung von Maßnahmen bei Falschberatung in Form einer Erweiterung des Katalogs bußgeldbewehrter Ordnungswidrigkeiten vor. Außerdem sollen sämtliche Anlageberater und Vertriebsbeauftragte von Banken in einer nicht-öffentlichen Datenbank der BaFin erfasst werden, um so bei Verstößen gegen anlegerschützende Vorschriften einzelne Mitarbeiter verwarnen oder für die Beratung sperren zu können. Hiervon betroffen sind nach Branchenangaben 300.000 Anlageberater, 20.000 Vertriebsbeauftragte und 2.000 Compliance-Beauftragte GRAFIK 1.

Damit steht mehr als je zuvor der einzelne Anlageberater selbst im Fokus der Regulierungsbemühungen. Während die Qualität der Anlageberatung durch Öffentlichkeit, Medien, Aufsicht, Politik und Verbraucherschutz bereits intensiv diskutiert wurde, wurden jedoch die betroffenen Anlageberater selbst lange Zeit nicht gehört. Aus diesem Grund hat das PFI Private Finance Institute der EBS Business School vom 14.03.2011 bis 15.05.2011 die Studie „Anlageberatung in Deutschland – The Bankers‘ View“ lanciert und damit Anlageberater aller Kundensegmente und Institutsgruppen zu ihrem Beratungsalltag befragt. Die nachfolgenden Studienergebnisse basieren auf den Antworten von insgesamt 1.386 Studienteilnehmern.

Das Magische Dreieck der Anlageberatung
Eine umfassende Auseinandersetzung mit der Qualität der Anlageberatung muss neben der häufig im Vordergrund stehenden Kundenperspektive auch die Sichtweise der Anlageberater selbst berücksichtigen. Diese finden sich immer häufiger in einem Spannungsfeld zwischen den teilweise konfligierenden Anforderungen der Kreditinstitute, Kunden und Aufsichtsbehörden wieder. Folgt ein Berater zu einseitig den Vertriebsvorgaben seiner Bank oder Sparkasse, besteht die Gefahr einer unzureichenden Berücksichtigung von Kundenbedürfnissen bis hin zu einer möglichen Falschberatung.

Die häufig postulierte Fokussierung auf Kundennutzen und -bedürfnisse wirkt angesichts teils sehr ambitionierter Vertriebsvorgaben und dahinterstehender Renditeziele der Kreditinstitute mitunter wie ein Lippenbekenntnis. Ein möglicher Weg, diesen Zielkonflikt aufzulösen, kann ein Unternehmenssteuerungsmodell sein, das der Erfolgsmessung über das erzielte Vertriebsergebnis eine zweite Dimension hinzufügt – die Schaffung von Kundennutzen. Beide Messgrößen sind dann in einer Performance-Matrix fest verankert: Auf einer Achse der Performance-Matrix werden die Aktionärsinteressen gemessen, auf der anderen Achse die Kundeninteressen. Erfolg bedeutet dann, entlang beider Achsen gleichgewichtet zu wachsen (vgl. die bank 5/2010, S. 33). Im Ergebnis muss der einzelne Berater situationsgerecht die Balance zwischen den verschiedenen Positionen finden.

Magisches Dreieck der AnlageberatungDa die gleichzeitige Zufriedenstellung aller Anspruchsgruppen auf Basis der primär bestehenden Geschäfts- und Vertriebsmodelle im Finanzsektor schwer erfüllbar ist, stellt die Anlageberatung aus Beratersicht einen permanenten Balanceakt zwischen den drei Positionen dar, der auch als Magisches Dreieck der Anlageberatung bezeichnet werden kann GRAFIK 2.

Dimension 1: Der Umgang mit dem Kunden
Die Perspektive des Kunden ist elementarer Bestandteil eines jeden Beratungsprozesses. Das Erkennen der Präferenzen des Kunden und deren bedarfsgerechte Bedienung durch den Berater entscheiden sowohl über die Qualität als auch die Generierung von Erträgen in der Anlageberatung. Daher stellt der Kunde einen wesentlichen Eckpfeiler des Magischen Dreiecks der Anlageberatung dar. Die Vertrauensbasis zwischen Kunde und Bankberater im Beratungsgespräch ist im Zuge der Qualitätsdiskussion in der Anlageberatung empfindlich gestört. So ist deutlich erkennbar, dass sich viele Berater im Nachgang der Finanzmarktkrise immer häufiger mit misstrauischeren, risikoaverseren Kundenpositionen konfrontiert sehen. Vertrauensbildende Maßnahmen und Überzeugungsarbeit erfordern daher eine intensivere Kundenbetreuung.

Wie stark stimmen Sie persönlich den nachfolgenden Aussagen zu?Einhergehend mit einer gestiegenen Risikosensibilität fragen die Kunden zudem vermehrt einfachere und transparentere Finanzprodukte nach, die in der Konsequenz geringere Ertragsmargen für die Kreditinstitute nach sich ziehen. Darüber hinaus erkundigen sich die Kunden zunehmend nach „versteckten Kosten“ beispielsweise in Form von Kick-Back-Zahlungen und versuchen, aktiv auf die Kosten der Beratung durch Verhandeln von Provisionen und Courtagen einzuwirken. Dies setzt die Anlageberater zusätzlich unter Druck und erfordert Verhandlungssicherheit im Umgang mit den Kunden. Die viel diskutierte Honorarberatung als Alternative zum klassischen provisionsgestützten Vertrieb wird hingegen kaum nachgefragt und spielt daher im Alltag der befragten Anlageberater so gut wie keine Rolle GRAFIK 3.

Der direkte Kontakt im Beratungsgespräch ist von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung eines Kreditinstituts durch seine Kunden. Die tägliche Anzahl an Beratungsgesprächen zeigt mit durchschnittlich 2,9 im Retail Banking und 2,1 im Private Banking vergleichsweise geringe Unterschiede zwischen den verschiedenen Kundensegmenten. Dies ist insbesondere deshalb überraschend, als dass im Retail Banking die Dauer der geführten Gespräche häufiger zwischen 31 und 60 Minuten liegt, während im Private Banking deutlich längere Gesprächsdauern dominieren. Parallel dazu zeigt sich, dass in den Sparkassen tendenziell kürzere Anlagegespräche stattfinden, wohingegen die Großbanken und Privatbankhäuser vergleichsweise ausführlichere Gespräche führen.

Insgesamt stellt sich daher die Frage nach der Gewichtung von Back- und Frontoffice-Tätigkeiten auf Ebene des einzelnen Beraters. Eine sinnvolle Verteilung von Verwaltungs- und Beratungsaufgaben ist dabei zwingende Voraussetzung, um nachhaltig das Angebot an Beratungsleistungen sowohl über alle Kundensegmente hinweg als auch in der Fläche dauerhaft profitabel darstellen zu können.

Bei der Betreuung ihrer Kunden verfügen die befragten Anlageberater über äußerst unterschiedliche Freiheitsgrade in der konkreten Ausgestaltung der Beratungsprozesse. In der Folge können nicht alle Berater gleichermaßen flexibel auf die gestiegenen Kundenanforderungen reagieren. So geben 48 % der befragten Berater eine geringe Vorstrukturierung des Beratungsprozesses mit großen persönlichen Freiräumen an, während weitere 43 % diesen als weitestgehend vorstrukturiert mit geringen Freiräumen erleben. Erwartungsgemäß bestehen hier die größten Freiräume im Private Banking.

Ferner zeigen sich auch die verschiedenen Beratungsphilosophien der unterschiedlichen Institutsgruppen. Die Berater der Genossenschaftsbanken sowie der Privatbankhäuser und der Auslandsbanken verfügen demnach öfter über große oder vollkommene Freiräume in der konkreten Ausgestaltung ihrer Beratung, während die Berater bei Sparkassen und Großbanken tendenziell weniger eigene Gestaltungsmöglichkeiten besitzen.

Im Hinblick auf eine Qualitätsnormierung wird zwar häufig auf die Vorteile standardisierter Beratungsprozesse verwiesen, jedoch wurde im Rahmen der Studie auch ein stark signifikanter Zusammenhang zwischen stärker vorstrukturierten Beratungsprozessen einerseits und Kollisionen zwischen Vertriebsvorgaben und Kundeninteressen andererseits deutlich. Daraus lässt sich ableiten, dass eine stärkere Vorstrukturierung der Beratungsprozesse offenbar den Einfluss der Vertriebsteuerung erhöht und dem Berater wichtigen Spielraum nimmt, den Wünschen seines Kunden nachzukommen. Eine Neujustierung des Freiheitsgrades des einzelnen Beraters – in Abhängigkeit von den zu erwartenden Ertragsaussichten des Kunden, der strategischen Positionierung der Bank und der Beraterqualifikation – bietet neue Ansätze, den gestiegenen Kundenanforderungen gerecht zu werden.

Seit der Einführung der Beratungsprotokollpflicht ist jedem Privatkunden in der Anlageberatung von Wertpapieren ein entsprechendes Protokoll auszuhändigen. Vor dem Hintergrund der vom Gesetzgeber angestrebten Verbesserung der Beratungsqualität müssen die Anlageberater daher zusätzlichen Dokumentationspflichten nachkommen. Während die Unterschrift des Beraters obligatorisch ist, unterschreiben die Kunden dabei nur bei 48 % der befragten Berater ihr Beratungsprotokoll selbst. Bei weiteren 18 % erfolgt eine Unterschrift nur teilweise und bei 34 % grundsätzlich nicht. Die Handhabung der Kundenunterschrift fällt je nach Institutsgruppe bisher noch sehr unterschiedlich aus, wobei die Kunden der Sparkassen tendenziell öfter selbst unterschreiben.

Während 58 % der Befragten die Erstellung eines Beratungsprotokolls für sinnvoll erachten, stehen immerhin 42 % diesem noch skeptisch gegenüber. Dabei nimmt die Akzeptanz mit steigender Integrierbarkeit in den Beratungsprozess signifikant zu. Es geht damit nicht um eine grundlegende Ablehnung von Beratungsprotokollen, sondern vielmehr um die sinnvolle und effiziente Integration in bestehende Beratungsabläufe. Software-Lösungen bieten hier einen geeigneten Ansatzpunkt, da sich ein Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach mehr Software-Unterstützung und mangelnder Integrationsfähigkeit des Protokolls in den Beratungsprozess erkennen lässt.

Dimension 2: Die Anforderungen des Kreditinstitutes

Das eingangs als Magisches Dreieck vorgestellte Spannungsfeld zwischen Kreditinstituten, Kunden und Aufsichtsbehörden mit dessen implizitem Konfliktpotenzial lässt sich insbesondere in der Vertriebsdimension von Finanzdienstleistungen sehr gut veranschaulichen. Die beiden Ziele „bessere Beratung im Sinne des Kunden“ und „höhere Provisionserlöse durch verstärkten Vertrieb“ scheinen kaum vereinbar.

Die Steuerung der nach der Krise in gut einem Fünftel der Fälle erhöhten Vertriebsvorgaben erfolgt in den Institutsgruppen höchst unterschiedlich. Während die Vertriebssteuerung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken nach wie vor stark über Provisions- und Mengengerüste erfolgt, spielt bei Privatbankhäusern und Großbanken zunehmend auch „Fresh Money“ eine Rolle. Unterschiede zwischen den Institutsgruppen setzen sich bei den Steuerungszeiträumen und -ebenen fort. Die Vertriebssteuerung erfolgt mehrheitlich auf Basis von Jahreszielen, wobei bei Großbanken eine verstärkt kurzfristigere Steuerung auf Wochen- und Tagesbasis festzustellen ist. Insgesamt zeigt sich über alle Institutsgruppen hinweg eine starke Entwicklung hin zur Vertriebssteuerung auf Mitarbeiterebene, während eine weniger granulare Steuerung auf Team- oder Filialebene fast nur noch bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken anzutreffen ist.

Interessante Resultate liefert die Studie bezüglich der Erreichbarkeit von Vertriebsvorgaben. Während lediglich 7 % der befragten Berater gut oder sehr gut mit den gemachten Vertriebsvorgaben zurechtkommen, klagen 45 % über unrealistische oder schwer zu erreichende Ziele. 48 % bewerten ihre Vertriebsvorgaben zwar als anspruchsvoll, aber erreichbar. Im Retail Banking, in dem Berater tendenziell geringen Einfluss auf die Vertriebsziele nehmen können, wird die Zielerreichbarkeit ausgesprochen negativ gesehen.

Im Private Banking, besonders bei Privatbankhäusern, können Berater tendenziell größeren Einfluss auf die Vertriebsziele nehmen; entsprechend wird die Zielerreichbarkeit deutlich positiver beurteilt. So wird im Private Banking bei der Formulierung der Vertriebsvorgaben auch eher die individuelle Situation des Beraters berücksichtigt. Ebenso haben Vertriebsziele bei Privatbanken mit ihrem Fokus auf vermögende Privatkunden häufig den Charakter von Leitlinien und Empfehlungen.

Explizite Vertriebsvorgaben sind vor dem Hintergrund des dort stärker ausgeprägten Retail Banking eher in Sparkassen und Großbanken anzutreffen. Zusammenfassend sind über alle Institutsgruppen und Kundensegmente hinweg in 74 % der Fälle explizite Vertriebsziele formuliert, Empfehlungen und Leitlinien kommen nur bei etwa jedem vierten befragten Berater zur Anwendung.

Wie priorisieren Sie im Beratungsalltag die nachfolgenden Aspekte bei der herleitung ihrer Anlageempfehlungen für ihre Kunden?Ein etwaiger, pauschaler Vorwurf willentlicher Falschberatung kann im Rahmen der Studie nicht bestätigt werden. So stehen die „Eignung des Finanzprodukts für den Kunden“ und die „Produktkenntnis des Beraters“ bei der Herleitung der Anlageempfehlung klar vor „Bruttoertrag“ und „Vertriebsvorgabe des Kreditinstituts“ GRAFIK 4. Es zeigt sich jedoch, dass die Berater, die ihre Vertriebsziele als eher unrealistisch erachten, den Vertriebsvorgaben bei der Herleitung der Anlageempfehlung tendenziell eine relativ höhere Priorität zuweisen. Ähnlich verhält es sich mit der Kollisionswahrscheinlichkeit und dem Vertriebsdruck. Die Berater, die häufige oder fortwährende Konflikte zwischen Vertriebsvorgaben und Kundeninteresse ausmachen oder sich einem starken Vertriebsdruck ausgesetzt sehen, priorisieren Vertriebsziele in der konkreten Beratungssituation ebenfalls tendenziell höher.

Unrealistische Vertriebsziele gepaart mit einer hohen Kollisionswahrscheinlichkeit und einem hohen Vertriebsdruck führen schließlich dazu, dass die Bedürfnisse des Kunden in den Hintergrund treten. Die Beratungsqualität nimmt ab. Zudem planen diejenigen befragten Berater, die unter einem hohen Vertriebsdruck stehen, vergleichweise häufig eine interne oder externe berufliche Neuorientierung.

Dimension 3: Die Auflagen der Aufsicht
Wenngleich das Themenfeld des Verbraucherschutzes nicht in den Statuten der Wertpapieraufsicht BaFin verankert ist, hat sich der Gesetzgeber gerade in der jüngeren Vergangenheit mit den eingangs dargestellten Regulierungsmaßnahmen insbesondere dem Verbraucherschutz und der Qualität der Anlageberatung verschrieben. Damit gewinnt die Aufsicht als dritte Dimension im Magischen Dreieck der Anlageberatung an Bedeutung, und die Compliance-Anforderungen im Beratungsalltag nehmen sukzessive zu. Im Ergebnis sehen sich die Anlageberater mit einer Vielzahl neuer aufsichtsrechtlicher Verpflichtungen und zusätzlicher Dokumentationsanforderungen konfrontiert, die die Kosten und Haftungsrisiken der Anlageberatung deutlich erhöhen. Gleichzeitig wird damit der Druck auf den einzelnen Berater auch regulierungsseitig erhöht.

Im Rahmen der Studie zeigen 71 % der Befragten ein starkes bis sehr starkes Interesse an den aktuellen regulatorischen ­Neue­rungen. Trotz dieses Interesses fühlt sich jedoch jeweils die Hälfte der Berater schlecht bis sehr schlecht über die bis zu zweijährige Betätigungssperre für Anlageberater durch die BaFin sowie Falschberatung als Ordnungswidrigkeitstatbestand mit Bußgeld informiert. Angesichts der Risiken, die hiermit für die Anlageberater persönlich einhergehen, bestehen demnach noch hohe Unsicherheiten und Informationslücken.

Mit der Einführung des Produktinformationsblatts zum ­
1. Juli 2011 muss allen Kunden bei Kaufempfehlungen im Bereich der Geldanlage vor Vertragsabschluss ein entsprechender „Beipackzettel“ ausgehändigt werden. Damit erhöht sich der Dokumentationsaufwand der Berater zusätzlich. Der Einfluss des PIB auf die Beratungsqualität bei Banken im Allgemeinen wird von 67 % der Befragten positiv gesehen, wobei fast alle Berater im Befragungszeitraum, und damit vor der obligatorischen Ausstellung im Rahmen des AnsFuG, bereits vom PIB Gebrauch machten.

Ungeachtet der hohen Akzeptanz und Verwendung des PIB bleibt die Frage nach dem konkreten Kundennutzen weiter offen. So sehen mehr als die Hälfte der Anlageberater keine Vereinfachung der Anlageentscheidung ihrer Kunden durch das PIB. Während die Integration des PIB in die Arbeitsabläufe gewährleistet ist, muss sich der vom Gesetzgeber angestrebte verbesserte Anlegerschutz und Nutzen für den Kunden somit noch herausstellen. Ziel kann daher nicht die reine Mitgabe zusätzlicher, schriftlicher Informationen sein. Vielmehr bedarf es einer sinnvollen Integration in den Beratungsprozess, um das Verständnis des Kunden zu erhöhen und damit eine bessere Anlageentscheidung zu ermöglichen.

Die Dichte und Kurzfristigkeit neu eingeführter regulatorischer Anforderungen führt zu erhöhtem Schulungsbedarf bei den betroffenen Beratern. Diesem wird jedoch bisher noch recht zögerlich begegnet. So gibt jeder dritte Befragte an, dass in seinem Kreditinstitut noch gar keine Maßnahmen geplant oder kommuniziert wurden. Dabei ist die entsprechende Qualifikation der Mitarbeiter eine entscheidende Voraussetzung für die Optimierung der Beratungsprozesse mit dem Ziel einer Verbesserung der Qualität in der deutschen Anlageberatung.

Ausblick
Die als Magisches Dreieck der Anlageberatung bezeichneten drei Dimensionen – Kunde, Kreditinstitut, Aufsicht – zeigen deutlich die Herausforderungen zwischen denen der Anlageberater im Beratungsalltag navigieren muss. Dabei handelt es sich nicht um prinzipiell konfligierende Dimensionen. Vielmehr führt die konkrete Ausgestaltung von Geschäfts- und Vertriebsmodellen vielfach dazu, dass es dem einzelnen Berater schwer fällt, die Anforderungen aller Dimensionen gleichermaßen zu erfüllen.

Inwiefern zunehmende Regulierungsbemühungen zwingend auch eine Verbesserung der Anlageberatungsqualität nach sich ziehen, bleibt abzuwarten. Denn die mit mehr Regulierung einhergehenden Kostensteigerungen machen bei gleichzeitig konstantem Ertragspotenzial für die Kreditinstitute eine eindeutige Wettbewerbspositionierung immer erforderlicher. Dabei wird es im Bereich des Retail Banking vermutlich zu noch stärkeren Standardisierungsbemühungen kommen, die im Ergebnis kostengünstige, einfache und damit für das jeweilige Kreditinstitut haftungsbefreiend wirkende Standardlösungen zur Folge haben werden. Individuelle und ganzheitliche Beratung wird es hingegen eher im Private Banking bzw. bei kundenseitig entsprechend vorhandener Zahlungsbereitschaft geben.
 

Prof. Dr. Rolf Tilmes ist Inhaber des Stiftungslehrstuhl Private Finance & Wealth Management und Executive Director des PFI Private Finance Institute der EBS Business School, Wiesbaden/Rheingau. Dr. Ralph Jakob ist Wissenschaftlicher Direktor des PFI und des Stiftungslehrstuhl Private Finance & Wealth Management der EBS Business School. Jan Gutenberger ist Wissenschaftlicher Assistent am Stiftungslehrstuhl Private Finance & Wealth Management der EBS Business School.

 

 

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
05.09.2011
Erschienen in Ausgabe:
09/2011
Autor/in 
Ralph Jacob, Rolf Tilmes
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