Den CO2-Fußabdruck präzise vermessen
Banken, Rating-Agenturen, Investoren und Finanzvorstände in den Unternehmen stehen vor neuen Herausforderungen. Die gute Nachricht lautet: Die systematische Erfassung relevanter Umweltdaten und der Aufbau konsistenter Kennzahlensysteme gelingt immer besser. Die Sisyphosarbeit besteht jedoch darin, den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens mit Hilfe leistungsfähiger Software-Suiten möglichst präzise zu messen und das IT-System rasch an neue Anforderungen anzupassen. | Lothar Lochmaier
Im betrieblichen Umweltmanagement schreitet die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich mit gutem Beispiel voran. Die Leitthemen Nachhaltigkeitsberichterstattung und Nachhaltigkeitskennzahlen sind nicht nur in rhetorischer Hinsicht in der Chefetage angekommen. So erstellen nur 7 % der DAX-30-Unternehmen laut Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young keine Nachhaltigkeitsberichte.
State of the Art
Global betrachtet hat sich die Zwischenbilanz im Reporting ebenfalls deutlich verbessert. Denn rund 80 % der „Global Fortune 250“ setzen auf regelmäßige Nachhaltigkeitsaktivitäten. In den verschiedenen globalen Indices und Rankings nehmen deutsche Unternehmen teilweise führende Positionen ein. Vier deutsche Unternehmen erzielten Top-Platzierungen im Rahmen des Carbon Disclosure Leadership Index, aber auch im Dow Jones Sustainability Index. Bei letzterem stellten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr im europäischen Index (DJ Sustainability Europe Index) einen Anteil von rund 16 %.
Über die internationale Initiative Carbon Disclosure Project (CDP) berichten bereits mehr als 3.150 Unternehmen aus verschiedensten Branchen relevante Informationen zu ihrem Carbon Footprint. Hinter dem CDP hat sich laut dem Nachhaltigkeitsspezialisten PE International eine schlagkräftige Allianz aus 534 Banken, Versicherungen und Pensionsfonds formiert, ausgestattet mit einem Investitions- bzw. Anlagekapital von 64 Bio US-$.
Die aktuellen Vorreiter stammen nach Einschätzung von Ernst & Young aus der chemischen sowie pharmazeutischen Industrie. So habe der Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI) bei der Erhebung und Entwicklung branchenspezifischer Kennzahlen und Standards eine aktive Rolle eingenommen. Aber auch die Branchen Telekommunikation, Automotive und diversifizierte Konzerne hätten sich der Anforderung zur umfassenden Nachhaltigkeitsberichterstattung gestellt und entsprechende Reportings weiterentwickelt.
Messung der Klima-Performance
Relevante Kennzahlen zur Erfolgsmessung der Klima-Performance einzelner Unternehmen sind beispielsweise die Energie- und Kohlenstoffintensität der Produktion und/oder des Umsatzes, aber auch absolute Ergebnisse wie Emissionen, Energieverbrauch und der Anteil erneuerbarer Energien. Für produzierende Unternehmen kann außerdem die Kennzahl der Investitionen in erneuerbare Energien oder effizientere Technologien relevant sein.
Der Vorteil: Derartige Investitionen lassen sich oftmals rentabler rechnen, indem Lasten der Gesamt-Nutzungsphase in der Bewertung mitberücksichtigt sind, wie dies etwa durch Ökobilanzen (Life Cycle Assessments) und/oder Lebenszyklusanalysen (Life Cycle Costing) bewerkstelligt werden kann. Derartige Untersuchungen beziehen außerdem schwankungsanfällige Szenarien wie etwa steigende Energiekosten und mögliche Kosten für Emissionszertifikate mit ein.
Wie Unternehmen ihr unternehmensweites Sustainable Performance Management erfolgreich gestalten können, mit dem richtigen Mix aus Ökologie, Ökonomie und Sozialorientierung, das schlägt sich nicht zuletzt in den betriebswirtschaftlichen Kennzahlen nieder. Aber vieles, was sich nicht sofort und unmittelbar messen lässt, rechnet sich erst langfristig. Die Zielmarke: Ein konsistentes Framework für die große Welt der nachhaltigen Kennzahlen.
Die Kernaufgabe besteht dabei in der feinmaschigen Detaillierung von relevanten Kennzahlensystemen anhand von individuell abgestimmter Software, die freilich deutlich mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis zur Umweltfreundlichkeit bzw. zur Corporate Social Responsibility darstellen sollte. Immerhin steht der Carbon Footprint für das Treibhauspotenzial eines Produktes oder einer Dienstleistung entlang dem gesamten Lebenszyklus (cradle-to-grave).
Folglich lauten die relevanten Fragestellungen: Wie geht das Unternehmen pragmatisch vor? Welches Konzept liegt der Softwareauswahl für den individuellen CO2-Fußabdruck zugrunde? Wie bindet man die Organisation ein? Welche Kennzahlen machen überhaupt Sinn? Wie produziert man eine ausreichende Datenqualität? Welche Lösungsphilosophien bei den Softwareanbietern sind zu berücksichtigen? Auf welchen Standards lässt sich überhaupt aufbauen? Kurzum: Anhand welcher Kriterien „rechnen“ sich derartige Projekte?
Operationalisierung mit Hilfe der IT
Zunächst bleibt festzuhalten, dass der CO2-Footprint nicht nur in der Finanzwelt mittlerweile eine wichtige Rolle spielt, sondern generell bei börsennotierten Unternehmen und inzwischen Mittelständlern. Dieser Umstand erfordert eine durchgängige Operationalisierung mit Hilfe der IT, da Ratingorganisationen, Banken und staatliche Akteure gewisse Umwelt- und Sozialstandards erwarten – und diese künftig noch stärker einfordern sowie fortlaufend überprüfen.
Die Sisyphosarbeit für die Akteure aus der Wirtschaft besteht folglich darin, den individuellen CO2-Fußabdruck mit Hilfe leistungsfähiger Software zu implementieren und rasch an neue Anforderungen anzupassen. Konzeptionelle Vorarbeiten auf Basis eines ausgereiften Kennzahlensystems bilden hierbei eine unverzichtbare Grundlage.
Nicht wenige Experten plädieren sogar für eine strategische Neujustierung der unternehmensinternen Prozesslandschaft und wollen das CO2-Berichtssystem stärker von der Umweltabteilung in die unmittelbare Verantwortlichkeit der Finanzabteilung verlagern. Dieser Schritt soll es ermöglichen, sowohl die Qualität als auch die betriebswirtschaftliche Aussagekraft der Kennzahlen zu steigern. Freilich gibt es beim CO2-Footprinting keine allgemeingültige Blaupause für jedes x-beliebige Unternehmen.
Selbst die Reduktion von hunderten relevanten Kennzahlen zu einem Destillat – etwa zu einem Dutzend Schlüsselfaktoren (KPIs) – stellt letztlich keine Garantie für eine konsistente Gesamtstrategie dar. Denn während das eine Unternehmen sich bei den Umweltkennzahlen auf die CO2-Emissionen konzentriert, richtet ein anderes das Augenmerk auf die Stickstoffoxide (NOx). Kurzum, eine leistungsfähige Softwarelösung sollte zum einen in der Lage sein, individuelle Anforderungen und Branchenbedingungen transparent und nachvollziehbar zu erfassen und abzubilden, sich aber ebenso rasch auf wandelnde Rahmenbedingungen einstellen können.
Anwendungen flexibel betreiben
„In the Cloud“, also direkt im Netz betriebene und aktualisierte Anwendungen, unterstützen die Unternehmen dabei, flexibel auf neue Parameter zu reagieren. Des Weiteren sinken die Einführungskosten und laufenden Budgets im Vergleich zum längeren Softwarezyklus gegenüber stationären Lösungen. Dies gilt erst recht für die CO2-Bilanzierung und das dafür erforderliche Berichtswesen.
Ein halbes Jahr bis zur Einführung einer neuen Lösung wäre gerade aus Sicht der Finanzabteilung eine kleine Ewigkeit. Ohnehin liegt die Sisyphosarbeit in der Detaillierung von relevanten Kennzahlensystemen anhand leistungsfähiger Software. Zahlreiche Unternehmen haben mittlerweile Nachhaltigkeitsabteilungen gegründet und stellen sich die Frage, mit welchen Werkzeugen sich eine größtmögliche Transparenz herstellen lässt.
Aber auch hier kann der Markt bereits eine Antwort geben. Im Umfeld der betriebswirtschaftlichen Standardsoftware sind individuell angepasste Suiten präsent, die bereits heute ein webbasiertes Nachhaltigkeitsmanagement ermöglichen. Die Sachbilanzdaten haben dabei sowohl unternehmens- und branchenspezifische Besonderheiten zu berücksichtigen als auch regionale und nationale Unterschiede einzubeziehen.
Neben ausgeprägten Spezialisten tummeln sich auch die großen Anbieter im IT-Umfeld. Sie offerieren Basiswerkzeuge, mit deren Hilfe das Management via Dashboard-Funktionen einen kompletten Überblick über definierte Faktoren für das nachhaltige Wirtschaften einschließlich der Steuerungsfunktionen gewinnen kann. Die systematische Erfassung relevanter Umweltdaten, von der Ermittlung und dem Monitoring von KPIs bis hin zum individuellen CO2-Fingerabdruck, ist somit prinzipiell heute schon in Reichweite.
Ein zentrales Auswahlkriterium aus CFO-Sicht liegt in der flexiblen Anpassung durch eine webbasierte Software zur Datenerfassung. Eine leistungsfähige Informationstechnologie hat sich der Herausforderung zu stellen, neben den konventionellen alle CO2- bzw. umweltrelevanten Kennzahlen abzubilden. Die Wahl der richtigen Kennzahlen hängt dabei entscheidend von der Geschäftsausrichtung des Unternehmens ab. Relevant, neben branchen- und unternehmensspezifischen Kennzahlen, sind KPIs mit einer gewissen Allgemeinbedeutung. An erster Stelle stehen die Treibhausgasemissionen.
Keine Datenberge produzieren
Da jedes Datenmodell immer subjektive (weiche) Werturteile und Bewertungsfaktoren enthält, kann es eine vollständig optimierte allgemein gültige Bewertungsmethodik nicht geben. Gefragt sind folglich professionelle Softwarelösungen statt nur optisch wirkungsvoller Grafiken, die lediglich an der Oberfläche wirksam sind. In der Praxis ist der Einsatz von Ökobilanzen – insbesondere, was die Beschaffung der relevanten Daten angeht – mit einem hohen konzeptionellen Aufwand verbunden, der sich mit Blick auf die Folgekosten nicht immer sorgfältig abschätzen lässt.
Dennoch gilt die Grundregel: Wer weiterhin aus handgestrickten Excel-Listen das Rohmaterial zusammenträgt, um aussagekräftige Ergebnisse in einem fragwürdigen Management Cockpit zu generieren, dürfte in betriebswirtschaftlicher Hinsicht bald zum Auslaufmodell gehören. Denn zum passgenauen Design und Implementierung einer Softwaresuite zur Erfassung des individuellen CO2-Fußabdrucks bedarf es spezifischen Fachwissens, das sowohl intern aufgebaut werden muss als auch der Einbeziehung kompetenter Dienstleister mit ausgewiesenem Fachwissen.
Dabei gilt das Gebot, unübersichtliche „Datenberge“ zu vermeiden, anhand derer sich weder die Datenqualität noch -aktualität ausreichend sicherstellen lässt. Das Augenmerk sollte gerade aus CFO-Sicht in enger Abstimmung mit den Fachabteilungen darauf ausgerichtet sein, welche Informationen für ein bestimmtes Unternehmen in der jeweiligen Branche für die gesamte Wertschöpfungskette strategisch relevant sind. Erst wenn dies klar ersichtlich ist, lässt sich im Anschluss daran das Informations- und Berichtssystem systematisch auf die zentralen Ziele und Rahmenbedingungen ausrichten.
Praxisbeispiel zeigt Potenziale auf
Zwar gibt es keine allgemein gültige Umsetzungsrichtlinie für ein unternehmensweites Sustainable Performance Management, jedoch lässt sich branchenbezogen durchaus an bereits erprobte Referenzen anknüpfen. Die Erkenntnis, dass menschliches Handeln unmittelbare Auswirkungen auf die Umwelt nach sich zieht, veranlasste etwa die Landesbausparkasse Baden-Württemberg (LBS BW) bereits frühzeitig, sich auf ein Öko-Audit-Umweltmanagement der Europäischen Union einzulassen.
Dabei handelt es sich um das so genannte „Eco-Management and Audit Scheme“, besser bekannt unter „EMAS“. Um dem Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung im Umweltschutz gerecht zu werden und gleichzeitig die Effizienz des Umweltmanagementsystems (UMS) zu erhöhen, suchte die LBS BW nach einer geeigneten Software-Lösung. Die zentrale Prämisse lautete, bei steigender Datenmenge und einer höheren Anzahl an beteiligten Mitarbeitern auf die Zukunft projizierte fehlerfreie und übersichtlich gestaltete Datensets zu liefern.
Die Anforderungen an ein Software-gestütztes UMS waren dabei hoch gesteckt. Neben der dezentralen Datenerfassung über das Intranet in einzelnen Bereichen zu den verschiedenen Umweltaspekten waren mit Hilfe von aussagekräftigen Kennzahlen und einer anschaulichen Darstellung ökologische Ressourceneinsparmöglichkeiten zu identifizieren. Auch ein detailliertes Monitoring der Zahlen, in Verbindung mit den Umweltzielen und den daraus abgeleiteten Maßnahmen aus dem Umweltprogramm, galt es bereits in der Designphase sicherzustellen.
Hinzu trat der Umstand, dass die LBS BW als Mitgliedsunternehmen der europäischen EMAS-Initiative verpflichtet ist, eine Umwelterklärung zu erstellen, in der die umweltrelevanten Aktivitäten und Daten mit hohem Detaillierungsgrad aufgeführt sind. Eine Software-Lösung sollte deshalb auch hier die Möglichkeit eröffnen, rasch und unkompliziert Berichte zum Umweltmanagementsystem zu liefern. Darüber hinaus galt es, die Datenqualität und deren Audit-Sicherheit vollumfänglich zu gewährleisten.
Bei der Einführung einer neuen Software-Lösung trat zunächst in den Vordergrund, gerade die langfristigen Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens umfassend zu berücksichtigen. Die Software hatte sich dementsprechend flexibel an den Ausbau eines Umweltmanagements zu einem umfassenden Nachhaltigkeitsmanagement anzupassen. Und das Berichtswesen sollte darüber hinaus in der Lage sein, auch soziale und ökonomische Aspekte der Nachhaltigkeit möglichst punktgenau abbilden zu können.
Seit der Einführung ermöglicht es nun das Software-basierte UMS, die für die Umwelt relevanten Tätigkeiten und Produkte der LBS BW transparent zu machen, um alle wesentliche Entscheidungen auch unter Umweltgesichtspunkten abwägen zu können. Praxisnahe Beispiele sind der Anlagen- und Verbrauchsgütereinkauf sowie die Fahrzeugflottenauswahl. Aber auch auf der Produktseite findet der Flächenverbrauch durch die finanzierten Wohnungsbauprojekte konkrete Berücksichtigung.
Denn durch die Einführung eines neuen Software-gestützten Umweltmanagementsystems lassen sich integrierte Verbesserungsprozesse etablieren, wie zum Beispiel ein komplexes Energieverbrauchsmanagement. Dies führt zu einer kontinuierlichen Steigerung der Umweltperformance im gesamten Unternehmen.
Fazit
Mit Hilfe einer ausgereiften und flexiblen Softwarelösung lassen sich die Erfassung und Bilanzierung eines unternehmensweiten Sustainable Performance Management entlang der gesamten Wertschöpfungskette durchgängig transparenter gestalten, wenngleich es keine vollständig integrierte Blaupause geben kann. Darüber hinaus lassen sich Daten einfacher und schneller analysieren sowie aufbereiten. Dies zieht eine Zeitersparnis in den Bereichen Bilanzierung und Reporting nach sich.
Zudem bringt eine Softwarelösung für den externen, unabhängigen Umweltgutachter, der das UMS regelmäßig prüft, eine verbindlich strukturierte Nachvollziehbarkeit der Daten mit sich. Dies beschleunigt durch integrierte Audit-Funktionen letztlich den Prüfvorgang. Dadurch erhält das Unternehmen ganz am Ende der Prozesskette eine höhere Sicherheit für die Veröffentlichung von Umweltdaten, die sich jenseits von Marketing auch in barer Münze auszahlen kann.

