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IT-Migration

Alles auf die neue Karte setzen?

Die IT-Infrastrukturen der Banken in Deutschland sind einem permanenten Wandel ausgesetzt. Die Weiterentwicklung der Produktportfolios, neue regulatorische Anforderungen und nicht zuletzt der steigende Kostendruck zwingen zu ständiger Modernisierung, Konsolidierung und Differenzierung der IT-Landschaft. Die Folge sind Migrationsprojekte, also die Erneuerung und Ablösung von Anwendungen sowie die damit verbundene Datenkonvertierung. Da die Vorhaben oftmals sensible Kerngeschäftsprozesse betreffen, sind diese dementsprechend sorgfältig zu planen. | Lothar Lochmaier

Wie also lassen sich Altsysteme schrittweise ersetzen und umbauen, wie neue möglichst rasch produktiv in Gang setzen? Neue Studien und Praxisbeispiele zeigen auf, wie Banken Migrationsprojekte handhaben können, so dass sich am Ende die Kosten-Nutzen-Bilanz in einem vernünftigen Planungsansatz darstellen lässt. Zunächst einmal stehen jedoch oftmals ambivalente Definitionsfragen ungeklärt im Raum.

Unter Migration (von lateinisch migratio‚Wanderung, Übersiedlung) versteht man im Rahmen der Informationstechnik verschiedenartige Umstellungsprozesse in Datenverarbeitungssystemen. Gelegentlich werden Migration und Portierung (von lateinisch portatio‚ Herbeischaffen, Transport) synonym verwendet.

Infolgedessen weist der Begriff Migration vielschichtige Facetten auf. Er kann sowohl die Umstellung insgesamt als auch jeden darin eingeordneten Anpassungsprozess einzelner Bestandteile des Systems bezeichnen. Beispielsweise kann Migration den Wechsel von einem Betriebssystem auf ein anderes bedeuten, zugleich aber auch das Umziehen von Anwendungen und Daten.

Daneben ist der Begriff der Portierung spezifisch im Bereich der Software-Entwicklung etabliert und bedeutet dort: Umarbeiten einer bereits vorhandenen Software zur Verwendung in einer anderen Laufzeitumgebung oder Plattform. Damit gemeint ist auch das Umstellen des Entwicklungsprozesses einer bestimmten Software auf eine andere Programmiersprache oder Entwicklungsumgebung.

Bei der synonymen Verwendung der Begriffe Migration bzw. Portierung bedeutet also erstere einen allmählichen Veränderungsschub in zahlreichen kleinen Schritten, während letztere einen größeren Umbruch darstellt. In der Praxis hat sich der Begriff Migration unter den Spezialisten eingebürgert.

Was IT-Migration bedeutet
Da sich Systemumstellungen zum Teil schwierig, teuer und umständlich gestalten, wurde der Ausdruck Migration schon Ende der 1980er Jahre – vor allem im Marketing und Vertrieb – populär. Gerade dessen häufig nicht sehr zielgenaue Verwendung kann dazu führen, den Umstellungsaufwand zu unterschätzen und dessen Einfachheit zu unterstreichen.

Großflächig über die Matrixorganisation angelegte Migrationsvorhaben liegen auch bei Banken im Trend. Die Materie ist zweifellos eine Art „Königsdisziplin“, an der sich die Beherrschbarkeit komplexer Unternehmensprozesse bemisst. Denn die meisten Vorhaben liegen im Bereich der Kerngeschäftsprozesse, das heißt, das Wohl und Wehe der Banken hängt unmittelbar von einem erfolgreichen Verlauf ab.

MigrationszieleDie von dem Marktforscher Pierre Audoin Consultants (PAC) und dem ITDienstleister Atos Origin in der Studie „IT-Migration in Banken“ befragten Entscheider stufen demzufolge die technischen Ansprüche als besonders herausfordernd ein. 83 % sehen in der Komplexität eine entscheidende Hürde, auch für die spätere Akzeptanz der Nutzer (GRAFIK 1). Welches sind nun die entscheidenden Erfolgsfaktoren, damit der Ausflug in die neue Welt der vernetzten IT-Systeme auf Anhieb gelingt, und sich nicht Folgekosten zu einem unüberschaubaren Labyrinth ansammeln, das immer weitere Folgeprojekte in der Neujustierung und Fehlerbehebung nach sich zieht.

Ausgangsbedingungen eruieren
In der Regel startet kaum ein Finanzinstitut auf der „grünen Wiese“. Die Projekte beginnen nicht an der Nulllinie, sondern sie haben eine Vorgeschichte, die es sorgfältig aufzuarbeiten gilt. Externe Partner unterstützen zweifellos den Umstellungsprozess, deren Einbindung stellt freilich keinen Selbstläufer dar, um die Verantwortung für fehlende interne Ressourcen und einen nicht sorgfältig austarierten Risikotransfer in fremde Hände zu übergeben. Denn nach Einschätzung von mehr als zwei Dritteln der im Rahmen der Studie befragten Bankmanager besteht die zentrale Hürde nicht in der Übergabe der technischen Systeme, sondern in der Datenmigration.

Erfolgsfaktoren in MigrationsprojektenDie Aufgabenstellung, die sich mit einer größer angelegten Migration verbindet, liegt in der Regel in der Straffung der Leistungsfähigkeit der Anwendungen begründet. Mehr als die Hälfte der befragten Anwender in den finanzinstituten erfüllen diese hochgesteckte Zielmarke nur teilweise. Um die Produktivitätspotenziale also möglichst vollständig auszuschöpfen, erfordert dies eine systematische Planung jenseits von Standardrezepten, die sich mit einer handbuchartigen Vorgehensweise nach den allgemeinen Richtlinien des IT-Projektmanagements verbinden.

Motivation mit konkreten Zielen verknüpfen
empfehlungen zur planung und durchführung erfolgreicher migrationsvorhabenZunächst einmal stellt sich die Motivlage recht unterschiedlich dar. Die Migration kompletter Systemlandschaften findet vor allem in größeren Banken ab 2.500 Mitarbeitern statt. Kleinere Institute hingegen haben einen besseren Überblick über die einzelnen Anwendungen, die sie meist schrittweise durch neue Applikationen ersetzen. Auf diese Weise lassen sich Projektgröße, Ressourceneinsatz und Risiko begrenzen. Pauschal lässt sich dieser Zusammenhang jedoch kaum herstellen. Gerade bei Fusionen oder Zusammenschlüssen von Kernbanksystemanbietern ist eine schrittweise Vorgehensweise auch für kleinere Banken kaum möglich.

Unabhängig von der Größenordnung einer Bank stellen sich in der Regel ähnliche Herausforderungen. Als zentrale Argumente und Treiber für eine „harte“, also eine möglichst vollständige und konsequent umgesetzte Migrationsstrategie, sind neben hohen Aufwänden für Wartung und Management der Anwendungen deren ungenügende Effizienz, Leistungsund Anpassungsfähigkeit anzusehen. Auch die mangelnde Integrationsfähigkeit von Softwarelösungen kann ein Treiber sein, ebenso wie der Wechsel zu einer neuen Plattform oder Standardsoftware, der gerade ansteht.

Außerdem sind interne Strategiewechsel der Auslöser für derartige Projekte. Hinzu kommen gesetzliche Anforderungen und Vorschriften, bis hin zu aufsichtsrechtlichen Themen, die das sensible Terrain in oftmals unvorhersehbarer Weise beeinflussen. Selbst die Insolvenz oder auch nur Qualitätsmängel bei einem bisherigen Lieferanten oder Entwicklungspartner stellen externe Treiber für einen Paradigmenwandel in Richtung Migrationspfad dar. Von zentraler Bedeutung – quasi die neuralgische Fußfessel in der Organisationsmatrix – ist die enge Abstimmung zwischen IT-Abteilung und den Fachbereichen.

Lothar Lochmaier ist Fachjournalist in Berlin.
Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 08/2010
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