Weltfrauentag
Wo sind die Vorständinnen?
 

Am heutigen Freitag ist wieder Weltfrauentag, und zum ersten Mal haben die Frauen und Männer in der Hauptstadt an diesem Tag arbeitsfrei. Als einziges Bundesland hat Berlin den Weltfrauentag zum gesetzlichen Feiertag erklärt.

Der Tag sei eher ein Mahntag als ein Feiertag, argumentiert hingegen der Verband für Fach- und Führungskräfte (DFK). Zwar sei seit der Einführung des Frauenwahlrechts viel erreicht worden, aber es gebe „einen großen Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung im Sinne echter Chancengerechtigkeit“. Noch immer mangele es Frauen am gleichen Zugang zu Führungspositionen in den Unternehmen, wie er für Männer selbstverständlich sei. DFK-Vorstand Ulrich Goldschmidt: „Frauen werden im Berufsleben noch immer diskriminiert.“ Das geschehe oft gar nicht vorsätzlich, sondern fahrlässig. Unternehmen, die dies künftig verhindern wollten, müssten das Thema ‚Mehr Frauen in Führung‘ auf ihrer Prioritätenliste höher positionieren. Gleichstellung sei aber kein bloßes Frauenthema. „Es braucht gerade die Unterstützung der Männer, um hier große Schritte zu machen“, so der DFK. 

Gender Pay Gap bleibt

Auch wenn immer mehr Frauen in Deutschland arbeiten, verdienen sie in vielen Berufen immer noch weniger als Männer. Darüber hinaus bleibt ein Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung an ihnen hängen. So lauten die Hauptbefunde zweier Studien aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). In Deutschland gibt es laut DIW beim Stundenlohn mit aktuell 21 Prozent eine der größten Verdienstlücken zwischen Männern und Frauen in Europa. Dieser Gender Pay Gap beträgt selbst dann noch 6 Prozent, wenn man ihn um Berufswahl und Qualifikation bereinigt. In Berufen mit hohem Frauenanteil wie Krankenpflege oder Sozialarbeit ist er relativ niedrig, dafür umso höher in sogenannten Mischberufen mit fast identisch hohen Anteilen an weiblichen und männlichen Mitarbeitern, wie in der Marketing- oder Versicherungsbranche. 

Genderökonomin Aline Zucco hat diese berufsspezifischen Gender Pay Gaps untersucht und festgestellt, dass die Lohnlücke in den Berufen besonders hoch ist, wo lange Arbeitszeiten einen hohen Stellenwert haben und wo der Stundenlohn überproportional mit den Arbeitsstunden steige. Als Beispiel nannte sie den Bereich Unternehmensorganisation, wo Vollzeitbeschäftigte auf die Stunde gerechnet mehr Lohn erhielten als Teilzeitkräfte. In Teilzeit arbeiten aber meistens Frauen, was wieder zu einem größeren Gender Pay Gap beiträgt. Reduzieren lasse sich dies zum Beispiel durch das sogenannte Top-Sharing, bei dem mehrere Führungskräfte sich eine Position teilen. 

Zu wenig Frauen in den Vorständen

Starre Geschlechterquoten bringen die Frauen auch nicht wirklich weiter. In den deutschen Aufsichtsräten konnte die Frauenquote zwar helfen, aber bis in die Vorstände hat sich die Quote nicht niedergeschlagen. Bei den 160 Unternehmen aus den Börsenindizes Dax, MDax und SDax lag der Frauenanteil in den Aufsichtsräten 2018 bei 30,4 Prozent. Im Jahr davor waren es 28 Prozent. Dass die 2016 eingeführte Geschlechterquote maßgeblich half, sieht man gut im Vergleich zum Jahr 2005, als nur 10,2 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Frauen waren. Dank der Quote müssen nun 30 Prozent der Aufsichtsratsmandate von Frauen besetzt werden. Allerdings gilt das nur für Kapitalgesellschaften, die börsennotiert und zugleich paritätisch mitbestimmt sind. Das betrifft aktuell 107 Unternehmen, in deren Aufsichtsräten der Frauenanteil im Durchschnitt 33,2 Prozent beträgt. Das zeigt eine neue Studie des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung.

Von diesen 107 Firmen blieben 22 noch unter der 30-Prozent-Quote. In den Vorständen der quotengebundenen Unternehmen sind Frauen dieser Studie zufolge weiterhin wenig vertreten: Anfang 2019 waren nur 43 Vorstandsposten mit Frauen besetzt, das entspricht einer Quote von 9 Prozent. Nur in zwei Unternehmen sitzt eine Frau an der Spitze, und in sieben Unternehmen waren zwei Frauen im Vorstand. 

„Ein ‚kleines‘ Quotengesetz, das nur 107 Unternehmen verpflichtet, und zudem nur für den Aufsichtsrat gilt, produziert noch keinen Kulturwandel“, lautet das Fazit von Studienautorin Marion Weckes. Sie plädiert dafür, dass der Geltungsbereich des Gesetzes auf alle großen Kapitalgesellschaften im Sinne des Handelsgesetzbuchs (ab 250 Beschäftigte) ausgedehnt wird, unabhängig von einer Kapitalmarktorientierung. Dann würden auch GmbHs mit gesetzlich vorgeschriebenem Aufsichtsrat verpflichtet, einen Beitrag zur Geschlechtergleichstellung zu leisten.

Auch an die Väter denken

Ein positives Beispiel kommt aus Köln, wo die Sparkasse KölnBonn stolz berichtet, dass gut 60 Prozent der Belegschaft Frauen seien und das erklärte Ziel laute, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Denn auch in den Führungsebenen spiegele sich das Verhältnis noch nicht angemessen wider. Allerdings hätten verschiedene Maßnahmen in den vergangenen Jahren schon zu Verbesserungen geführt. Der Frauenanteil in höheren Entgeltgruppen wurde innerhalb von sechs Jahren von 26 auf 32 Prozent gesteigert. 

Neben ehrgeizigen Zielen im Gleichstellungsplan setzt die Sparkasse dabei verstärkt auf Mentoring-Programme, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und neue Modelle für "Führen in Teilzeit". Die Maßnahmen für mehr Chancengerechtigkeit finden Anerkennung, u.a. durch die Nominierung als "Chancengeber 2018 – Female Empowerment" von der IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung. "Solche Anerkennung freut uns natürlich, denn häufig bleiben diese Bestrebungen weitgehend unsichtbar. Wir wollen sie aber zeigen und teilen, damit andere davon profitieren können und wir wiederum von anderen lernen", sagt die Generalbevollmächtigte Christiane Weigand. Das Institut beteiligt sich beispielsweise an Cross-Mentoring-Programmen, wobei weiblicher Führungsnachwuchs von Führungskräften anderer Unternehmen gecoacht wird. 

Die Sparkasse hat auch die Väter im Blick, die zunehmend mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und gleichberechtigt mit ihrer Partnerin Beruf und Familie teilen möchten. Dazu hat sich das Institut bereits 2015 dem bundesweiten Väternetzwerk angeschlossen. Um die Wünsche und Bedürfnisse moderner Väter im Berufsleben sorgt sich auch das hauseigene Programm "PapSPlus". 

Frauenanteil in Chefetagen des Mittelstands im Sinkflug

Im Mittelstand sieht es für Frauen gar nicht gut aus, in den dortigen Chefetagen befindet sich der Frauenanteil weiter im Sinkflug. 2017 wurden in Deutschland nur noch 15,4 Prozent der rund 3,76 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen von Chefinnen geführt. Die Zahlen hat KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels im Vorfeld des Internationalen Frauentags ermittelt. Ein Jahr früher waren es noch 16,4 Prozent, im Jahr 2013 wurde der bisherige Höchststand mit 19,4 Prozent erreicht. Damit sank die Zahl frauengeführter Mittelständler zwischen 2013 und 2017 um 100.000 auf aktuell noch 580.000 Unternehmen. 

Die KfW führt diesen Rückgang auch auf den sinkenden Frauenanteil unter den Existenzgründern zurück. Im Jahr 2017 wagten nur 206.000 Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit, das waren 23 Prozent weniger als 2016. Gerade im Bereich der sog. Vollerwerbsgründungen sank der Frauenanteil und beträgt gegenwärtig nur noch 37 Prozent. Eine Ursache für die sinkenden Gründerinnenzahlen sei die immer noch sehr gute Lage am deutschen Arbeitsmarkt, die viele von der Gründung eines eigenen Unternehmens abhalte. 

Chefvolkswirt Jörg Zeuner berichtet aber auch von zu wenig Frauen in Top-Jobs: „Beim Thema Frauen in Führungspositionen hinkt Deutschland hinterher. Nicht nur die Chefsessel im Mittelstand sind wieder zunehmend männlich besetzt, auch im mittleren und höheren Management in der Wirtschaft gibt es im internationalen Maßstab deutlichen Nachholbedarf." So seien in Deutschland nur 28 Prozent der mittleren und höheren Führungspositionen von Frauen besetzt. Die fortschrittlichsten Länder kommen auf rund 40 Prozent, und selbst in Schwellenländern wie Russland, Brasilien oder Mexiko sei der Anteil von Frauen im Management deutlich höher als hierzulande. KfW Research hat dabei eine Tendenz ausgemacht: Je höher die Führungsebene und je größer das Unternehmen, desto geringer sei der Frauenanteil. Einen weiblichen CEO suchte man unter den größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland im letzten Jahr vergebens. 

Der Anteil von Frauen im Management hänge stark von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab, so Zeuner, der diesbezüglich noch „Luft nach oben“ sieht. Um den Anteil von Frauen in Führungsrollen zu stärken, brauche man darüber hinaus aber auch einen Wandel in gesellschaftlichen Rollenbildern und in den Unternehmenskulturen. „Auf das Potenzial von Frauen in Führung werden wir zukünftig nicht verzichten können", so der Chefvolkswirt. 

Die Sonderauswertung von KfW Research zu „Chefinnen im Mittelstand“ sowie eine aktuelle Untersuchung zu Frauen in globalen Führungspositionen sind hier abrufbar.  

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
07.03.2019
Quelle(n):
Bildquelle: pixelfit | istockphoto.com
Autor/in 
Anja U. Kraus
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