Fair Finance Guide
Wer ist die unfairste Bank?

Erinnern Sie sich noch? 2008 überwies die KfW rund 320 Mio. € an die bereits insolvente Bank Lehman Brothers. Die Bild-Zeitung machte daraus die berühmt gewordene Schlagzeile „Deutschlands dümmste Bank“. Für die KfW war dies ein erheblicher Reputationsschaden, der noch lange Nachwirkungen hatte. Wie muss sich da wohl die katholische Pax-Bank aus Köln gefühlt haben, die durch den aktuellen Fair Finance Guide Deutschland zur „unfairsten Bank Deutschlands“ geworden ist? Die Bank für Kirche und Caritas landete abgeschlagen auf dem letzten Platz. Platz 1 belegte die Bochumer GLS Bank, die 92 Prozent der Kriterien der Initiative Fair Finance Guide International (FFGI) erfüllt, einer Koalition von internationalen Nichtregierungsorganisationen (NROs), die eine Bewertungsmethodik für die Kredit- und Anlagepolitik von Banken entwickelt hat. Die meisten Banken legen Wert darauf, der Öffentlichkeit ein positives Bild des eigenen Handelns zu vermitteln und haben daher interne Richtlinien für Investitionsentscheidungen veröffentlicht. Der FFGI bewertet diese Publikationen anhand verschiedener nachhaltiger und sozialer Aspekte und vergibt Punkte. Diese Bewertungen werden als Prozentwerte dargestellt und beruhen allein auf den öffentlich zugänglichen Selbstverpflichtungen der Banken. Sie sollen die Diskrepanz zwischen öffentlichen Selbstverpflichtungen von Banken und ihren tatsächlichen Geschäftspraktiken erkennen lassen.

Die Pax-Bank bezweifelt dagegen die Anwendbarkeit des Kriterienkatalogs auf ihr spezielles Geschäftsmodell, da sie als Kirchenbank weder Firmenkundengeschäfte betreibt, noch Projektfinanzierungen tätigt. Der Unternehmensgegenstand finde bei dem Ranking fundamental keine Beachtung, beklagt sich deshalb die genossenschaftliche Bank. Alle Pax-Fonds seien nach ethisch-nachhaltigen Kriterien ausgerichtet. „Unser Philosophie ist, neben der klassischen auch eine soziale Rendite zu erwirtschaften“, sagt Dr. Klaus Schraudner, Vorstandsvorsitzender der Pax-Bank. Die Kritik des Fair Finance Guide wollen die Kölner deshalb nicht auf sich sitzen lassen. Die Bank weist ausdrücklich darauf hin, dass die in den Investmentfonds enthaltenen Werte den Anlagerichtlinien und einem ethischem Anlageprofil entsprächen. Bei der Bewertung greift die Pax-Bank auf die Öko-Ratingagenturen Imug und Eiris zurück. Zudem entscheide die Pax-Bank nach den Maßstäben einer Kirchenbank und damit auf der Grundlage der christlichen Soziallehre. Wie kann eine solche Bank unfair sein?

Die Antwort liegt wohl in der Methodik begründet. Analysiert werden beim Fair Finance Guide die Kreditvergabe an Unternehmen, die Projektfinanzierung und die eigene sowie im Auftrag Dritter vorgenommene Vermögensverwaltung in Bezug auf sogenannte Querschnitts- und Sektorthemen. Die Querschnittsthemen befassen sich mit Nachhaltigkeitsaspekten, wie Klimawandel, Menschenrechte, Arbeitsrechte, Natur und Umwelt, Steuern und Korruption. Wenn Banken mit kontroversen Sektoren wie Rüstung, Bergbau, Öl oder Energieerzeugung Finanzbeziehungen halten, so müssen entsprechende Richtlinien erstellt und publik gemacht werden. Sind diese für die Prüfer nicht transparent, gibt es Abzüge. Des Weiteren werden Bereiche des internen Bankbetriebes analysiert, z.B. Entlohnung und Boni, Transparenz und Verantwortung. Als Ausschlusskriterien bei Staaten gelten etwa die Todesstrafe oder autoritäre Regime. Anleihen von Unternehmen können tabu sein, wenn diese mit Atomenergie, Rüstungsgütern, Pornografie oder Glücksspiel ihr Geld verdienen.

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch für institutionelle Investoren immer mehr an Bedeutung. Deshalb nimmt beispielsweise die Ratingagentur Scope eine systematische Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (Environmental, Social, Governance – ESG) bei der Beurteilung von Kreditrisiken vor. Von Betrug über Korruption bis hin zum Klimawandel, ESG-Faktoren können großen Einfluss darauf haben, ob ein Kreditnehmer in Zahlungsverzug gerät oder seine Verbindlichkeiten bedienen kann.

Beim Fair Finance Guide spielt dagegen die ESG-Kommunikation in Abgleich zum tatsächlichen Geschäftsgebaren eine größere Rolle. Nach den FFGI-Kriterien konnte die Selbstsicht der Pax-Bank in Bezug auf Ethik und Nachhaltigkeit nicht bestätigt werden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Bank grundsätzlich unethisch agieren würde. Dennoch erlangte die Pax-Bank insgesamt lediglich 3 von 100 Prozent und erfüllte damit so gut wie keine der angesetzten Bewertungskriterien. Bei der GLS Bank wurden dagegen 92 von 100 Prozent erreicht und damit mit Abstand die meisten Bewertungskriterien des Fair Finance Guide erfüllt. Die detailliert ausgearbeiteten Anlage- und Finanzierungsgrundsätze der GLS Bank legen Ausschlusskriterien in Bezug auf wichtige Themenfelder wie Klimawandel, Menschenrechte, Arbeitsrechte, Naturschutz und kontroverse Wirtschaftspraktiken fest. Zudem werden besonders positive Geschäftsfelder und -praktiken hervorgehoben. Die Anwendung dieser Prinzipien erfolgt bei allen Aktivitäten der Bank, also bei der Unternehmens- und Projektfinanzierung ebenso wie bei den Eigenanlagen und der Vermögensverwaltung.

Soweit gehen die allermeisten Kreditinstitute nicht, zumal es hierzu auch keine Verpflichtung gibt. Der Fair Finance Guide attestiert auch der Commerzbank, Deutsche Bank und DZ Bank eine eher schwache Performance. Am schlechtesten innerhalb dieser Gruppe schneidet die LBBW mit nur 8 von 100 Prozent ab. Allen diesen Banken grundsätzliche fehlende Nachhaltigkeit zu unterstellen, wäre allerdings falsch – oder besser: unfair. Eine 100-Prozent-Ethik ist kaum erreichbar, zumal es keine einheitlich anerkannten Definitionen in der Moralfrage gibt. Entscheidend ist, mit Blick auf die Kunden, Lieferanten und Eigentümer, auf die Gesellschaft und die Beschäftigte transparent, verantwortungsvoll und gewissenhaft zu arbeiten. Dies ist die Basis einer sinnvollen Nachhaltigkeitsstrategie. Das originäre Ziel ist dabei, Banken unter ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten zu steuern und die Angebote entsprechend auszurichten. Dabei muss in Kauf genommen werden, dass der Interpretationsspielraum für das, was als „nachhaltig" gilt, groß ist.

 

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Artikel veröffentlicht am:
23.06.2016
Quelle(n):

Bildquelle: Fotolia.com / Nelos

Autor/in 
Stefan Hirschmann
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