Vertrauen durch Regulierung
Wann ist das Maß voll?
 

Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen Kreditinstitute derzeit stehen, ist zuletzt auch deren Skepsis gegenüber Aufsehern, Regulierern und Zentralbankvertretern gestiegen. Manche gehen sogar so weit, dass sie Zentralbanken und Aufsichtsbehörden eher als eine Vereinigung von weltfremden Technokraten ansehen, die sich für die „Guten“ halten, in Wahrheit aber zunehmend Schlechtes bewirken. Doch diese Sicht der Dinge geht an der Realität vorbei.

Die Rahmenbedingungen sind zweifellos schwieriger geworden. Nicht wenige Banken und Sparkassen fühlen sich im derzeitigen Umfeld zu Schritten wie beispielsweise Negativzinsen auf Einlagen bei Großkunden veranlasst, die früher undenkbar waren. Das Wettbewerbsumfeld wird zweifellos härter, und es ist nachvollziehbar, wenn sich insbesondere kleine Banken zunehmend in die Zange genommen fühlen. Denn hier wird einerseits der Regulierer wahrgenommen, der sich – salopp gesagt – ständig etwas Neues und Belastendes einfallen lässt. Und andererseits gibt es den Aufseher, der mehr Ertragskraft einfordert, um mittel- und langfristig die Kapitalbasis und damit die Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen ist es aber besonders wichtig, über das Thema „Vertrauen durch Regulierung“ zu sprechen. Damit ist keine Werbeveranstaltung für jegliche Form der Regulierung gemeint, sondern der Versuch, einem allzu leichten Pauschalurteil gegenüber der Regulierungsarbeit nach der Finanzkrise vorzubeugen. Der Wert von guter Regulierung wird nämlich leider oft erst dann wirklich sichtbar, wenn man merkt, dass sie fehlt.

Von Hormonen bis Governance: Kreditinstitute und ­Vertrauen
Eine Banken- und Sparkassenlandschaft braucht Vertrauen. Diese Aussage muss nicht weiter begründet werden. Kunden müssen ihren Kreditinstituten bei den Fragen vertrauen: Bekomme ich meine Einlagen jederzeit zurück? Kann ich meinem Anlageberater trauen? Und auch Banken müssen einander trauen können: Ist das Institut, mit dem Bankgeschäfte getätigt werden und das heute solvent ist, auch morgen noch zahlungsfähig? Vertrauen ist damit die Grundvoraussetzung für jeglichen Unternehmenserfolg. Es ist daher ureigene Aufgabe des Bankmanagements, Vertrauen zu schaffen. Dabei geht es nicht nur um ein paar Euro – wie in den gängigen wissenschaftlichen Experimenten zu Vertrauen – sondern um viel mehr, z. B. die Alterssicherung von Kunden oder die wirtschaftliche Existenz von Unternehmen und anderen Kapitalmarktteilnehmern. Damit stellt sich natürlich die strategische Frage: Was konkret kann ein Institut tun, um zur Vertrauensbildung beizutragen?

Vertrauen ist kein Spuk, sondern kann beeinflusst werden. Die Neigung von Menschen, anderen Menschen zu vertrauen, kann aktiv verstärkt werden. Aus bankenaufsichtlicher Sicht geht es jedoch um das strukturelle Umfeld von Vertrauen. Denn gewiss haben Kreditinstitute das ihnen entgegengebrachte Vertrauen in erster Instanz selbst in der Hand. Das Schlüsselwort lautet: Reputation. Wer in der Vergangenheit vertrauenswürdig war, dem kann man vermutlich auch künftig trauen. Aber im Finanzwesen waren wir leider schon zu oft Zeugen von Vertrauensmissbrauch. Besonders drastisch waren etwa Schneeballsysteme, in denen nicht zuletzt soziale Nähe zum Verhängnis wurde und falsche Signale gesetzt werden konnten.

Durch solche Fälle wird das Vertrauen erschüttert. Wie sagte der österreichische Lehrer und Schriftsteller Ernst Fendl? „Für verlorenes Vertrauen gibt es kein Fundbüro.“ Und Reputation wächst nicht von alleine nach. Menschen mit gesundem Zweifel lassen sich nicht zu blindem Vertrauen verleiten, wenn es um ihr Erspartes geht. Reputation muss in der Finanzwirtschaft daher in allererster Linie glaubwürdig sein. Daher müssen die Anreizbedingungen stimmen. Sie machen vertrauenswürdiges Verhalten glaubwürdig. Und Anreize können in letzter Instanz durch zwei grundlegende Systeme gesetzt werden: durch den Markt und durch den Staat. Welches der beiden Systeme schafft also die Grundlage für Vertrauen?

Markt versus Regulierung: Wodurch wird Vertrauen ­glaubwürdig?
Märkte sind eine Möglichkeit, durch entsprechende Anreize das Vertrauen zwischen Menschen zu stärken und zu erhalten. Beispiel Online-Marktplätze: Kunden müssen den Händlern vertrauen. Dabei funktionieren die Marktplätze offenbar ohne soziale Nähe und ohne blindes Vertrauen. Dazu trägt sicher bei, dass alle Beteiligten – die Verkäuferin, andere Kunden, der Plattformbetreiber – aus eigenem Antrieb zum Vertrauen in den Marktplatz beitragen, beispielsweise durch Verkäuferbewertungen.

Auch im kreditwirtschaftlichen Sektor kann die Struktur Vertrauen stärken. Banken und Sparkassen haben ein Interesse an Vertrauen, Reputation und den damit möglichen, dauerhaften Erträgen. Dies gilt in besonderem Maße für die Geschäftsleitung und deren Aufsichtsgremien, denen daran gelegen sein muss, Vertrauen nicht zu enttäuschen und die Verteidigungslinien gegen Vorfälle konsequent auszubauen. Und schließlich können auch die Märkte gut funktionierende Unternehmen fördern und gefährdete Unternehmen bestrafen. Das Zauberwort heißt: Selbststeuerung. Die Regeln des Markts erhalten sich von allein aufrecht – wenn die Bedingungen stimmen.

Als am 5. Oktober 2008 Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück eine Garantie für die Einlagen der Sparerinnen und Sparer in Deutschland abgaben, hatten die Selbststeuerungskräfte des Markts versagt. Die damals bestehende Regulierung hatte offenkundig nicht ausgereicht. Damals kam der Interbankenmarkt faktisch zum Erliegen. Banken hatten also untereinander kein Vertrauen mehr. Auch das Vertrauen vieler Kundinnen und Kunden geriet ins Wanken. Man könnte weitere Fälle aufzählen. Doch die allgemeine Botschaft sollte schon jetzt deutlich sein: Die Funktionsweise von Märkten ist eine Sache. Aber die Empirie der Finanzkrise ist eine andere: Den Anspruch, sich völlig selbst zu steuern und auf diese Weise aus eigener Kraft Vertrauen herstellen zu können, haben Finanzmärkte schlichtweg nur unzureichend erfüllt. Eine Regulierung, die konsequent genug ist, um als glaubwürdige Basis für Vertrauen zu dienen, hat sich als notwendig erwiesen.

 

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08/2017

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
12.09.2017
Erschienen in Ausgabe:

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Quelle(n):
Bildquelle: ©AlexRaths / iStockphoto.com
Autor/in 
Andreas Dombret
Dr. Andreas Dombret ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank.
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