Digitalisierung der Banken
Von FinTechs lernen heißt siegen lernen
 

Banken sollten bei der Digitalisierung viel energischer vorgehen. FinTechs gelten als vorbildlich, wenn es darum geht, Bankgeschäfte stärker digital und vom Kunden aus zu denken. Sie zeigen den Instituten, was sie selbst längst sein könnten.

Im Juli 2019 stellte der deutsche Bankenschreck N26 seine Banking-App in den USA Kunden zur Verfügung. Mehr als 100.000 US-Nutzer waren vorgemerkt, um sich das N26-Konto auf das Smartphone zu laden. Viele Kunden erleben digitale Banken in der Handhabung als angenehm. Vor allem die technikaffinen Verbraucher schätzen den intuitiven Umgang, den moderne Banking-Apps versprechen. Mehr als die Hälfte der N26-Kunden ist jünger als 35 Jahre.

Doch es wird auch Kritik laut: Demnach könne eine Zielgruppe, die Smartphones für 600 Euro und mehr besitzen müsse, um überhaupt an der Technik teilhaben zu können, nicht der richtige Maßstab sein. Es fehle das Aldi des Bankings für normal verdienende Menschen.

Trend kann Branche verändern

Das mag zwar stimmen. Doch der Blick über den Atlantik zeigt, wie schnell durch Produkte, die auf intuitiv zu bedienender Software aufsetzen, ein Trend entstehen kann, der die gesamte Branche verändert – und zwar auch dann, wenn das Angebot nur für eine kleine Zielgruppe vorgesehen war. Paypal etwa startete als virtuelles Konto, das als Treuhänder für seine Nutzer deren Online-Geschäfte vereinfacht. Mit der App können Nutzer beim Shoppen oder in der Kneipe gemeinsame Rechnungen aufteilen und sich in Echtzeit Geld schicken.

Ende 2018 verbündeten sich Google und Mastercard mit Paypal, um das kontaktlose Bezahlen mit Smartphones möglich zu machen. Da im Bargeldland Deutschland zu viele etablierte Institute auf Google Pay verzichtet hatten, suchte sich das Unternehmen andere Partner.

Gefühlte Bedrohung

Diese Allianz gilt vielen Experten als Albtraum für die deutschen Banken. Auch die Institute selbst sehen das so. 74 Prozent fühlen sich am stärksten durch US-Riesen wie Apple, Google und Paypal bedroht. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Softwarefirma Camunda hervor. Diese gefühlte Bedrohung geht auch auf die schlechte IT-Infrastruktur zurück, die viele Banken daran hindert, mit den technisch ausgefeilten Diensten aus dem Silicon Valley mitzuhalten.

Eine Umfrage des IT-Unternehmens Riverbed ergab etwa, dass fast 80 Prozent der Entscheider aus der Finanzbranche mehrmals pro Monat durch die schlechte Performance digitaler Dienste im eigenen Haus negativ beeinflusst werden.

Die Banken haben keine Wahl: Sie müssen sich digitalisieren, indem sie selbst Software programmieren. Digitale Angreifer wie zum Beispiel FinTechs sind nur deshalb so erfolgreich, weil ihre Angebote auf das eigene Ökosystem abgestimmt sind und keine technischen Probleme beispielsweise durch überalterte Kernbankensysteme mit sich herumtragen.

Doch Immer mehr Institute scheinen zu verstehen, dass die Banken beim Digitalisierungstempo zulegen müssen, wie die Umfrage von Camunda zeigt. 71 Prozent wollen ihre IT-Abteilungen erweitern, um eigene Software entwickeln zu können. Zwei Drittel haben die Absicht, dafür eigenständige Teams aufzubauen.

Digitalisierung rüttelt am Selbstverständnis

Wie die digitale Transformation zum Bankgeschäft beiträgt, zeigt Abb.1 (siehe unten) Wo die Banken bereits in digitale Projekte investiert haben, zahlt sich die Mühe aus. Ein Großteil der Manager sieht der Umfrage zufolge, dass sich Kennzahlen für einzelne Vorgänge verbessern. Die meisten bestätigen, dass die Fachbereiche besser mit der IT-Abteilung zusammenarbeiten und beide Bereiche häufiger miteinander sprechen.


Abb. 1

Die Banken wissen, dass sie mit der digitalen Transformation den eigenen Mitarbeitern viel abverlangen. 86 Prozent der Manager loben, dass über die Vision ehrlich gesprochen wird und auch darüber, was die mit ihr verbundenen Ziele für die Belegschaft bedeuten. 82 Prozent stimmen darüber hinaus zu, dass gut erklärt wird, wie die digitale Transformation dazu beiträgt, die formulierte Mission zu erfüllen.

Strategie zahlt sich aus

Lloyd Blankfein sagte als CEO vor vier Jahren über Goldman Sachs: „We are a technology company.“ Mehr als jeder vierte Angestellte der Bank arbeitet heute in der Technologiesparte. Das Institut investierte hohe Summen in Startups und gehört heute zu den wichtigsten Risikokapitalgebern weltweit. Diese Strategie zahlt sich jetzt aus: 2018 verdiente Goldman Sachs 168 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Deutsche Banken dagegen zeigen sich immer noch wenig ambitioniert. Laut der Camunda-Umfrage erklären gerade mal 42 Prozent der Manager, dass das Selbstverständnis als Technologieunternehmen in ihrem Haus gut oder sehr gut ausgeprägt ist. Nur 37 Prozent geben an, dass die Bank tatsächlich offensiv in die eigene IT investiert, um eine starke Software-Entwicklung aufzubauen.

Die Zahlen legen nahe, dass die Institute bei der Digitalisierung viel energischer vorgehen sollten. Banken, die das beherzigen, schneiden erheblich besser dabei ab, mit der eigenen Strategie erfolgreich zu sein. Institute mit einer hohen Investitionsquote in die IT und einem stark ausgeprägten Selbstverständnis als Technologieunternehmen stehen insgesamt besser da. Die in Abb. 2 (siehe unten) orange markierten Punkte spiegeln Banken wider, die bei den beiden Kenngrößen Fortschritt und Strategie mit gut oder sehr gut bewertet wurden. Auf der Skala entspricht das einer 5 oder 6.


Abb. 2

Der Technologiefokus bedeutet in der Praxis, einen hohen Anspruch an die eingesetzte Software zu stellen. Mittlerweile programmieren immer mehr Firmen selbst. Weil die großen System-Suiten (etwa Standard-Softwares wie SAP, die für möglichst viele oder alle Geschäftsvorfälle in einem Unternehmen eingesetzt werden) sich zunehmend als zu ungelenk erweisen, beendete Lidl im vergangenen Jahr ein 500 Mio. Euro teures Projekt und kehrte zu einer eigenen Anwendung zurück.

Das Unternehmen steht damit nicht alleine: Schon die Deutsche Bank und die Deutsche Post brachen solche Großprojekte vorzeitig ab. Dabei ähneln sich die Gründe: Ein bestehendes Geschäftsmodell soll mit zugekaufter Software abgebildet werden – und das gelingt immer seltener.

Automatisierung von Routineaufgaben

Hinzu kommt, dass sich auch die Banken von der Innovationskraft eines Herstellers abhängig machen, wenn sie sich für Software von der Stange entscheiden. Die lässt sich zwar anpassen, doch das funktioniert nicht unbegrenzt. 58 Prozent der Banken halten es für dringend oder sehr dringend geboten, künftig auch Teilprogramme leicht anpassen zu können. 57 Prozent stufen es als ebenso wichtig ein, dass sich individuelle Anforderungen umsetzen lassen und die IT generell verständlicher wird. Jeder zweite Manager verspürt großen Druck dabei, Routineaufgaben zu automatisieren. 45 Prozent halten flexiblere Releasezyklen für entscheidend.

Diese Ergebnisse aus der Camunda-Umfrage legen nahe, dass sich der Bedarf am einfachsten decken lässt, wenn die Bank zumindest ihre Kern-IT selbst kontrolliert. Microservices eignen sich für eine IT-Architektur, die dazu in der Lage ist. Jeder Microservice übernimmt dabei eine spezielle Aufgabe – etwa die von Kunden beauftragten Überweisungen auszuführen oder Wertpapiere ins Depot einzubuchen.

Fazit: Die Zukunft der Banken liegt in guter Software. Doch auch im Backoffice oder in der Filiale bestimmt die IT künftig darüber, ob ein Kunde bleibt oder wechselt. Jedes Institut muss dafür sorgen, dass alle Abläufe digital gut unterstützt werden. Deshalb dürften vor allem diejenigen Geldhäuser in Zukunft gut dastehen, die jetzt in ihre IT-Abteilungen investieren und zumindest ihre Kernbank-IT selbst entwickeln.

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
07.08.2019
Quelle(n):

Bildquelle: iStock.com/K_Thalhofer

Autor/in 
Jakob Freund


ist CEO des Softwareunternehmens Camunda.
Weitere Artikel 
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 06/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv