Regulierung
Systemrisikomanagement und makroprudenzielle Politik
 

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Schieflagen in einzelnen Banken und Marktsegmenten schwerwiegende globale Auswirkungen auf die Finanzstabilität nach sich ziehen können. Systemische Risiken, etwa nicht mehr beherrschbare Kettenreaktionen an den Finanzmärkten, wurden in der Vergangenheit – wenn überhaupt – nur unzureichend berücksichtigt. In Wahrheit verfügen systemische Risiken allerdings über ein extrem hohes Schadenspotenzial. Ihr Eintritt ist rein statistisch äußerst selten, doch wenn diese Risikokategorie schlagend wird, sind die Folgen umso verheerender.

Als Antwort auf die globale Finanzkrise wurden daher Reformen mit dem Ziel beschlossen, die Widerstandsfähigkeit von Volkswirtschaften zu erhöhen und Risikopuffer im Finanzsystem zu stärken. „Ein wichtiger Aspekt der Reformagenda ist die Etablierung der makroprudenziellen Politik als eigenständiger Politikbereich. Im Gegensatz zur traditionellen Banken- und Finanzmarktaufsicht nimmt die makroprudenzielle Politik genau diese systemweite Sicht auf die Finanzmärkte ein“, so Prof. Claudia M. Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank im Rahmen eines Vortrags an der Universität Tübingen. Dabei stellen sich die Aufseher im Kern die Frage, ob die Banken und andere Finanzinstitute ausreichend kapitalisiert sind, um auch dann Risiken aufzufangen zu können, wenn das System insgesamt – nicht nur einzelne Institute – in Schieflage ist. Wichtig ist auch zu analysieren, inwieweit durch die Schieflage größerer Finanzinstitute eine systemische Krise ausgelöst werden kann und inwieweit viele kleinere Institute möglicherweise demselben Risiko ausgesetzt sind, sodass das System insgesamt ins Wanken geraten kann. „Aktuell sind beispielsweise viele kleinere Banken in Deutschland dem Risiko ausgesetzt, dass die Zinsen abrupt steigen“, erklärt Buch. Damit würden die Kosten der Institute steigen – die Erträge hingegen in vielen Fällen nicht. „Auch für einen solchen Fall muss im System ausreichend Kapital als Risikopuffer vorgehalten werden“, sagt die Bundesbank-Vizepräsidentin.

Wird die Frage nach Systemrisiken mit „Ja“ beantwortet, so stehen der Aufsicht heute Instrumente zur Verfügung, die sie vor der Krise nicht hatte. Auf den ersten Blick sehen diese Instrumente ähnlich aus wie die traditionellen aufsichtlichen Maßnahmen. Insbesondere Anforderungen an das Eigenkapital einer Bank können sowohl die einzelne Bank als auch das System insgesamt stabilisieren. Neu ist aber Möglichkeit, den Zeitpunkt und die Höhe der Anforderungen an das Eigenkapital von Banken an den Zustand des gesamten Finanzsystems anzuknüpfen. Beispielsweise können von systemisch relevanten Finanzinstituten höhere Eigenkapitalanforderungen verlangt werden. Es können aber auch Anforderungen an das Eigenkapital erhöht werden, wenn viele kleinere Institute in zu starkem Maße gesamtwirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sind.

Nach Meinung von Buch ist ein höheres Eigenkapital dabei keine „Belastung“ für die Institute, denn gut kapitalisierte Banken könnten mehr Kredite vergeben als Institute, die nur schwach kapitalisiert seien. Entsprechend starke Banken könnten, so die These der Systemrisikomanager, im Falle einer krisenhaften Entwicklung, die Kreditversorgung der Realwirtschaft besser aufrechterhalten.

Auf makroprudenzieller Basis ist hinsichtlich des Systemrisikomanagements zunächst der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) relevant, der Warnungen und Empfehlungen an nationale Adressaten (z.B. die BaFin) gibt. Der AFS hat im Sommer 2015 eine Empfehlung abgegeben, die zwei Elemente umfasst. Erstens sollen die Daten-Grundlagen für eine bessere Analyse von Risiken für die Finanzstabilität gelegt werden. Beispielsweise existiert derzeit in Deutschland keine systematische Erfassung der Vergabestandards für Kredite. Zweitens soll die Möglichkeit geschaffen werden, zur Abwehr eines systemischen Risikoaufbaus Mindeststandards für die Vergabe von Wohnimmobilienkrediten festzulegen. Insbesondere könnten dann Mindestanforderungen an das Eigenkapital festgelegt werden, das in eine Immobilienfinanzierung eingebracht werden sollte.

„Hintergrund dieser Empfehlung ist, dass von Überhitzungen am Markt für Wohnimmobilien erhebliche Risiken für die Finanzstabilität ausgehen können. Dieses Risiko ist insbesondere dann vorhanden, wenn der Erwerb von Immobilien in hohem Maße über Kredite finanziert wird und Standards der Kreditvergabe aufgeweicht werden“, erklärt Buch. Makroprudenzielle Maßnahmen in dem Bereich der Wohnimmobilienfinanzierung hätten daher das Ziel, solche Risiken frühzeitig zu erkennen und ihnen zu begegnen. Denn die wirtschaftlichen und sozialen Kosten können erheblich sein, wenn eine mit starkem Schuldenaufbau privater Haushalte verbundene Wohnimmobilienpreisblase platzt.

Innerhalb der Bankenunion nimmt darüber hinaus der europäische Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board, ESRB) eine vergleichbare Funktion wahr. Er ist für die Früherkennung makroökonomischer Entwicklungen sowie für die Prävention und Bekämpfung von systemischen Risiken innerhalb des Finanzmarktes der EU zuständig. Dazu gehört auch die Analyse, welche OTC-Derivate das größte Systemrisikopotenzial aufweisen. Der ESRB kann öffentliche oder nicht-öffentliche Warnungen und Empfehlungen aussprechen. Auch die EZB hat in ihrer Funktion als Bankenaufseher Aufgaben im Bereich der Finanzstabilität. Kommt sie beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die nationale Aufsicht nicht ausreichend auf Risiken für die Finanzstabilität reagiert, so kann sie Anforderungen verschärfen. Sie hat ein „asymmetrisches“ Eingriffsrecht bezüglich bestimmter Eigenkapitalinstrumente. Als integraler Bestandteil des europäischen Finanzaufsichtssystems (European System of Financial Supervision, ESFS) und Gremium der EZB in Frankfurt arbeitet der EU-Systemrisiko-Rat eng mit den EU-Aufsichtsbehörden EBA (Banken), EIOPA (Versicherungen) und ESMA (Wertpapierwesen) zusammen.

Im Kern liegt die Zuständigkeit für Finanzstabilität aber auf nationaler Ebene. „Das ist sinnvoll, denn viele nationale Regelungen können einen Einfluss auf die Finanzstabilität haben. Auch die Kosten von Finanzkrisen fallen in erster Linie bei den betroffenen Staaten an. „Gleichzeitig bedeutet das nationale Mandat eine wichtige Verantwortung – eine Verantwortung, Risiken rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln“, sagt Buch. Letztlich übernimmt die Finanzstabilitätspolitik, so Bundesbank-Vizepräsidentin Buch, eine wichtige koordinierende Rolle. Denn jedes einzelne Institut könne zwar aus einzelwirtschaftlicher Perspektive eine sinnvolle Risikovorsorge betreiben. Damit sei aber noch nicht sicher gestellt, dass das Finanzsystem insgesamt ausreichend stabil sei. „Diesen Blick auf das System liefert die makroprudenzielle Analyse“, sagt Buch.

 

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
04.02.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com
Textquelle: Bundesbank
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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