Verbriefungsmarkt
Sorgen vor der STS-Regulierung

Die neue STS-Verbriefungsregulierung wird es noch schwerer machen, Alternativen zum Bankkredit bei der Wirtschaftsfinanzierung zu finden. Am Rand des TSI-Kongresses in Berlin wurde deshalb die Forderung laut, Europa solle sich bei der Form und Anwendung der „Simple, Transparent and Standardized“-Regeln auf die ursprüngliche Zielsetzung der Kapitalmarktförderung besinnen. Ansonsten drohe der Einstieg in die EU Kapitalmarktunion bereits beim Start zu stolpern, warnte Dr. Hartmut Bechtold, Geschäftsführer der True Sale International GmbH (TSI).
In Europa sind alternative Finanzierungsformen nach wie vor Stiefkinder. 88 Prozent der nichtfinanziellen Unternehmen im Euroraum organisieren laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IWK) ihr Fremdkapital in Form von Bankkrediten, in den USA ist die Situation umgekehrt, und Unternehmensanleihen sind mit 86 Prozent am Fremdkapital beteiligt. Bei der Suche nach neuen Alternativen haben sich die ABCP-Programme deutscher Banken in den letzten zehn Jahren unter schwierigen Bedingungen bewährt (ABCP, Asset Backed Commercial Papers). Mehr als 200 deutsche Unternehmen und Leasinggesellschaften nutzen den Verbriefungsmarkt für die Finanzierung ihres Working Capitals. Diese Finanzierungsform hat sich als stabil bewiesen, wächst in der Nachkrisenzeit dynamisch und hat einen hohen realwirtschaftlichen Bezug.
Aber kein Bereich ohne regulatorische Zügel. Zwar will auch die Europäische Kommission im Rahmen der Kapitalmarktunion die Finanzierungsmöglichkeiten der Wirtschaft auf eine breitere Basis stellen und dabei auch den Verbriefungsmarkt fördern. Im Zuge dessen hat sie aber bereits eine Änderungsverordnung zur Bankenverordnung und eine neue Verordnung für einfache, transparente und standardisierte Verbriefungen (STS) verabschiedet. Die beiden Verordnungen sollen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahrs im Amtsblatt der EU veröffentlicht werden und ab Januar 2019 anwendbar sein. Darin geht es einerseits um die Vereinheitlichung der Regulierung von Selbstbehalten, Due Diligence und Publizitätsanforderungen.
Andererseits wird mit der Forderung nach „STS“ eine Art Qualitätslabel geschaffen. Damit einher geht vor allem eine risikosensitivere Eigenkapitalunterlegung von Investitionen in Verbriefungstransaktionen. Das sorgt bereits für viele Diskussionen. Bechtold übte unlängst im Gespräch mit dieser Zeitschrift aber auch Kritik an den steigenden Transparenzvorschriften. Diese drohten – bei zu weitgehender aufsichtsrechtlicher Interpretation – in den Bereich der Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse von Unternehmen einzugreifen. Gerade in diesem Bereich sollten die Auswirkungen der STS-Regeln „kritisch betrachtet“ und ggf. nachgebessert werden, so Bechtold.
Nichtsdestotrotz boomt der Verbriefungsmarkt, wie eine aktuelle Auswertung der Verbriefungsplattform TSI in Zusammenarbeit mit den führenden deutschen Wirtschaftsverbänden DIHK, BDI, BDL sowie VDT belegt. Verbriefungen von Leasing- und Handelsforderungen über die ABCP-Programme deutscher Banken umfassen derzeit ein Finanzierungsvolumen von 19 Mrd. € p.a.. Das Segment ist in den letzten sieben Jahren um etwa 150 Prozent gewachsen. Untersucht wurden dafür sechs Banken (BayernLB, Commerzbank, DZ Bank, Helaba, LBBW und UniCredit), die gemeinsam etwa drei Viertel des Markts abdecken.

Verluste deutlich geringer als bei Bankkrediten
Verbriefungen von Handelsforderungen legen in den letzten sieben Jahren um rund 108 Prozent, Leasingforderungen um etwa 172 Prozent zu, dabei ist die Performance der Transaktionen hervorragend und die Banken konnten ihre Risiken aus dem Kundengeschäft deutlich reduzieren. Insgesamt, so die Auswertung, lagen die erwarteten Verluste derartiger Finanzierungen deutlich unter denen vergleichbarer Bankkredite. „Deutsche ABCP-Transaktionen sind risikoärmer als das traditionelle Kreditgeschäft“, teilte die Verbriefungsplattform mit. Weder Investoren noch Sponsorbanken haben nach Kenntnis der TSI in den letzten zehn Jahren Verluste durch ABCPs erlitten.
Die positive Entwicklung der letzten Jahre sieht die TSI aber durch die regulatorischen Veränderungen bedroht, allen voran die Eigenkapitalanforderungen an die Liquiditätslinien der Sponsorbanken, die selbst für besonders hochwertige STS-Verbriefungen verschärft werden. Damit würden die Verbriefungen von Industrie, Handel und Leasingwirtschaft über ABCP-Programme deutlich schlechter gestellt als bisher.
Für deutsche ABCP-Transaktionen mit einem durchschnittlichen Rating von A- und Handelsforderungen als Underlying steigen die Risikogewichte – sofern die STS-Kriterien erreicht werden – von 20 auf 40 Prozent, andernfalls sogar auf 60 Prozent. Mit Leasingforderungen als Underlying kommen weitere 5 bis 10 Prozentpunkte hinzu. Laut TSI ist der STS-Status für ABCP-Programme allerdings nur schwer zu erreichen. Das liegt am großen Interpretationsspielraum der diversen Standards und Guidelines der involvierten Behörden. Aber auch dran, dass die Kriterien für STS mit insgesamt 20 Punkten umfangreich und komplex sind. Hinzu kommt, dass auch das ABCP-Programm selbst sowie der Sponsor entsprechende STS-Kriterien erfüllen müssen. Beim Berliner Kongress waren daher Vermutungen zu vernehmen, dass anfänglich kein einziges ABCP-Programm europaweit die STS-Normen erfüllen können wird.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
11.10.2017
Quelle(n):
Artikelbild: (c) Gajus / iStockphoto
Autor/in 
Anja U. Kraus
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