Von Dirk Oliver Haller
Sind Fintechs die Profiteure der Niedrigzinspolitik?
 

Banken stehen vor der Frage, wie sie mit den neuen Akteuren am Markt, den Fintechs, umgehen sollen. Konfrontation oder Kooperation sind die beiden Optionen. Angesichts der Strategie vieler Fintechs, sich auf Spezialangebote zu fokussieren, erscheint Kooperation als bessere Alternative.

Je länger die extremen Niedrigzinsen anhalten, umso stärker geraten die Erträge der Banken unter Druck. Das Dilemma der Kreditinstitute: Mit der klassischen Zinsmarge wird immer weniger Geld verdient, und wer die Gebühren für Konten und Transaktionen erhöht, um die Lücke auszugleichen, riskiert Kundenbeschwerden und Abwanderung. Bleibt noch das Kostensparen – doch auch diese Maßnahme hat ihre Tücken, wenn etwa der Abbau von Arbeitsplätzen und Filialen oft zu Lasten der zumindest gefühlten Servicequalität geht.

Just in dieser schwierigen Phase erwächst den alteingesessenen Kreditinstituten neue Konkurrenz durch Fintechs, die mit innovativen Geschäftsmodellen und teils aggressiver Konditionenpolitik die Bankenbranche unter Druck setzen. Die Niedrigzinsphase, die dem klassischen Geschäftsmodell der Banken zu schaffen macht, spielt dabei der neuen Konkurrenz in die Hände. Unbelastet von Personalüberhängen aus dem analogen Bankenzeitalter und Filial-Fixkosten gelingt es ihnen besser als der etablierten Konkurrenz, auch bei engen Margen wirtschaftlich zu arbeiten – zumindest dann, wenn die Zahl der Kunden für das Erreichen der Gewinnschwelle groß genug ist. Dass dies bei vielen neuen Akteuren noch nicht der Fall ist, mag für manchen Banker zumindest derzeit noch ein Trostpflaster sein.

Während die meisten Kreditinstitute ihren Kunden ein umfassendes Angebot an Finanzdienstleistungen in den Bereichen Zahlungsverkehr, Kapitalanlage und Kreditgeschäft bieten wollen, versuchen Fintechs mit spezialisierten Angeboten dort anzugreifen, wo die Bankenkonkurrenz Schwächen zeigt.

Lange Bearbeitungszeiten

Diese Strategie zeigt sich beispielhaft im Geschäft mit kleineren und mittelständischen Unternehmen. In diesem Marktsegment agieren viele Kreditinstitute eher zurückhaltend, weil das Geschäft einen vergleichsweise hohen Verwaltungsaufwand verursacht, in Zeiten niedriger Marktzinsen eher geringe Margen einbringt und mit Ausfallrisiken behaftet ist. Die Folgen für den Firmenkunden sind oft lange Bearbeitungszeiten und Finanzierungsangebote, die Flexibilität vermissen lassen.

In die dadurch entstehenden Lücken stoßen Fintechs mit Finanzierungsprodukten vor, die speziell auf den Bedarf ihrer Zielgruppe zugeschnitten sind. Typische Fintech-Produkte sind Factoring, Einkaufsfinanzierungen mit Finetrading, Rohstofflagerfinanzierungen und Crowdfunding-Kredite. Dank der schlanken Organisation und der Konzentration auf ein einziges Geschäftsfeld können sie mit hoher Schnelligkeit und Flexibilität punkten. Bei der Finanzierung ihrer Geschäftsmodelle profitieren sie von den niedrigen Marktzinsen und dem großen Angebot an Investitionskapital – eine Kombination, die optimale Voraussetzungen für die preisgünstige Wachstumsfinanzierung schafft.

Damit stehen Banken vor der Frage, wie sie mit den neuen Akteuren am Markt umgehen sollen. Konfrontation oder Kooperation – das sind die beiden Optionen, die sich ihnen bieten. Angesichts der Strategie vieler Fintechs, Banken nicht mit einem Vollsortiment Konkurrenz zu machen, sondern sich auf Spezialangebote zu fokussieren, erscheint Kooperation als die wirtschaftlichere Alternative. Wer sich für die Ergänzung seiner Produktpalette einen externen Partner ins Boot holt, gibt zwar möglicherweise einen kleinen Teil seines Geschäfts an diesen ab. Doch wenn die Kooperation funktioniert, trägt das erweiterte Angebot dazu bei, dass Kunden einen Mehrwert erhalten und das Abwanderungsrisiko verringert wird.

Ein Marktkommentar von Dirk Oliver Haller, Gründer und Geschäftsführer der DFT Deutsche Finetrading AG.

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
12.12.2019
Autor/in 
Dirk Oliver Haller
                                                                                                            Gründer und Geschäftsführer der DFT Deutsche Finetrading AG.
Weitere Artikel 
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 10/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv