Chance für Finanzinstitute und Unternehmen
SCT Inst verändert Cash-Management
 

Mit SCT Inst haben Banken ihren Kunden ein zeitgemäßes Zahlungsinstrument an die Hand gegeben. Allerdings stellt das seit einem Jahr verfügbare SEPA-Verfahren die Treasury-Abteilungen der Unternehmen vor große Herausforderungen. Sie müssen ihr gesamtes Cash- und Liquiditäts-Management neu organisieren.

Mit dem rasanten Aufstieg von E-Commerce ist der Bedarf an schnellen Zah-lungsformen enorm gestiegen. Kunden wollen bestellte Waren möglichst schnell bekommen, aber die Anbieter versenden meist erst, wenn die Zahlung eingegangen ist. In den letzten Jahren wurden Alternativen entwickelt, die die Anforderungen des E-Commerce nach schnellerem Zahlungsverkehr aufgreifen, so beispielsweise Paypal, ApplePay oder Amazon Payment.

Die Herausforderung aus Sicht der Banken: Damit werden sie aus einer ihrer ureigensten Domänen gedrängt, denn hier fungieren bankfremde Anbieter als Vermittlungsstellen. Eine gefährliche Entwicklung, weil mit der Übernahme des Zahlungsverkehrs ja noch nicht Schluss ist. Amazon überlegt dem Vernehmen nach bereits, Kunden nicht nur eine Bezahlmöglichkeit, sondern auch gleich eine Kontoverbindung zur Verfügung zu stellen. Der Weg zur "Hausbank Amazon“ ist dann nicht mehr weit. Und Facebook trägt sich auch öffentlich mit dem Gedanken, eine Weltwährung „Libra“ einzuführen.

Es ist daher für Banken eine strategische Herausforderung, den Kunden eine eigene Lösung für schnelle, einfache sowie sichere Zahlungen anzubieten. Mit dem Bezahlverfahren SCT Inst (SEPA Credit Transfer Instant) sind nun seit geraumer Zeit auch die europäischen Banken auf den Zug aufgesprungen. Instant Payment ist die ultraschnelle Form der SEPA-Überweisung, die entsprechenden Überweisungen sollen innerhalb von zehn Sekunden am Ziel sein. Ein E-Commerce-Händler erhält hier also nahezu in Echtzeit sein Geld und kann die bestellten Waren unmittelbar danach versenden. Sein Vorteil gegenüber anderen Verfahren besteht darin, dass das Geld tatsächlich auf seinem Konto gutgeschrieben wird, er erhält nicht nur eine Nachricht über den bevorstehenden Eingang.

Instant Payment mit SCT Inst zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • End-to-End-Verarbeitung innerhalb von maximal zehn Sekunden; Höchstbetrag 15.000 Euro; eine Anhebung der Grenze ab Mitte 2020 auf 100.000 Euro ist vom EPC beschlossen.
  • Verfügbarkeit ohne Ausnahme rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen;
  • Bereitstellung in allen 34 Ländern möglich, die dem SEPA-Raum angeschlossen sind.  

 

Herausforderungen für Banken und Unternehmen

Instant Payment kann auf diese Weise die Kernanforderungen des E-Commerce erfüllen. Allerdings stellt es die Banken vor beachtliche Herausforderungen. Heute sammeln Banken die Zahlungsaufträge und tauschen sie typischerweise in mehreren Zyklen während des Tages aus. Das Treasury- und Liquiditäts-Management ist ganz auf diese Zyklen abgestimmt. Ähnlich bei den Unternehmen: Im Laufe des Vormittags wurde die Liquiditätsposition ermittelt, dann disponiert und anschließend war für den Rest des Tages Ruhe. Natürlich gab es auch hier bei Banken und Unternehmen schon immer Ausnahmen für eilige oder durch besondere Umstände ausgelöste Zahlungen.

Das hat sich mit Instant Payment grundlegend geändert. Liquidität ist nicht länger eine sich lediglich täglich ändernde Größe, sondern kann sich jede Sekunde verändern, so auch am Wochenende. Es muss daher auch ständig neu disponiert werden; z. B. wenn aus irgendeinem Grund größere Geldbeträge hereinkommen und – im Zeitalter der Strafzinsen auf Guthaben bei der Zentralbank – plötzlich teure Guthabenpositionen aufgebaut werden; Umgekehrt gilt das natürlich auch für den Fall von unerwarteten Geldabflüssen: Über Nacht gerät eine Bank dann möglicherweise ins Obligo.

Natürlich ist Instant Payment für Banken und Unternehmen nicht nur eine zu-sätzliche Last, sondern auch eine Chance – wenn man sie zu nutzen weiß: Der Echtzeit-Zahlungsverkehr und die damit einhergehende nun echt fluide Liquidität erlaubt es, Zahlungen wesentlich genauer zu disponieren. Unternehmen können Optimierungspotenziale etwa im Forderungsmanagement oder auch im Cash- und Liquiditätsmanagement proaktiv nutzen. Außerdem können Zahlungsziele in weit höherem Maß als bisher genutzt werden: Man kann nun wirklich in den letzten zehn Sekunden zahlen. Und nicht nur die Zahlungsprozesse, sondern auch der Kontenabgleich ließe sich durch Echtzeitzahlungen, insbesondere in Kombination mit einer elektronischen Rechnungsstellung, deutlich verbessern.

Allerdings ist die vorhandene IT von Banken und Unternehmen, also all die Systeme, die heute für Treasury-, Risiko-, Liquiditäts- und Forderungs-Management eingesetzt werden, noch unzureichend auf die neuen Erfordernisse von Instant Payment vorbereitet. Schon die permanente Verfügbarkeit der Systeme dürfte die meisten der derzeitigen Lösungen überfordern. Hier müssen entsprechende Lösungen noch geschaffen und ein entsprechendes Eco-System aus Partnern aufgebaut werden, möglicherweise unter Einbeziehung von FinTechs, von denen etliche gerade im Bereich des Instant Payment sehr aktiv sind. Die Verbindung zur Banken-IT kann dann über openAPI erfolgen, also über offene Schnittstellen, in die sich andere Systeme flexibel einklinken können. Damit lässt sich die Vielfalt und Heterogenität der bestehenden Systeme abfangen.

KI für Instant Payment gefragt

Es besteht aber nicht nur eine technische, sondern ganz wesentlich auch eine organisatorische Herausforderung: Um die Vorteile der Echtzeitzahlungen in vollem Umfang nutzen zu können und um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, müssten die Treasury-Abteilungen nun rund um die Uhr besetzt sein, weil sie nur so entsprechende Maßnahmen wie eine ausreichende Kontodeckung gewährleisten können. Das würde freilich hohe Anforderungen hinsichtlich der zeitlichen Verfügbarkeit der Mitarbeiter und mittelfristig eine Verpflichtung entsprechender Fachkräfte bedeuten.

Diesen Weg werden die Treasury-Abteilungen mit Sicherheit nur temporär be-schreiten, auf Dauer werden sich hier automatisierte Systeme durchsetzen, die beispielsweise mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz in der Lage sind, eigenständig Liquidität zu disponieren – auch nachts oder an den Weihnachtsfeiertagen. Allerdings: Auch solche KI-Systeme sind derzeit auf dem Markt noch nicht verfügbar, sie müssen dann noch implementiert und an individuelle Anforderungen und Prozesse angepasst werden.

Fazit

Derzeit bleibt die Attraktivität von SCT Inst vor allem aufgrund der aktuell geltenden Betragsobergrenze von 15.000 Euro noch leicht eingeschränkt. Zwar sieht der Standard ausdrücklich vor, dass die Teilnehmer bilateral oder multilateral höhere Transaktionsgrenzen vereinbaren können. Aber erst wenn die Begrenzung auf breiter Basis fällt, wird SCT Inst nicht nur für E-Commerce – und damit hauptsächlich für C2B- und B2C-Zahlungen – sondern auch für Zahlungen zwischen Unternehmen (B2B) interessant. Spätestens mit der Anhebung der Transaktionsobergrenze auf 100.000 Euro ab Mitte 2020 wird Instant Payment jedoch nicht mehr nur ein zusätzlicher Service sein, sondern zum Standard im Zahlungsverkehr werden.

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
15.11.2019
Quelle(n):
Photo by Nathan Dumlao on Unsplash
Autor/in 
Thomas Jepp


Director bei CGI
Weitere Artikel 
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 10/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv