Geld- und Kreditschöpfung
Regulierung statt Reform

Die bereits in den 1930er Jahren entwickelte Idee eines vollgültigen, von der Zentralbank herausgegebenen gesetzlichen Zahlungsmittel, kurz: Vollgeld, ist im Gefolge der jüngsten Finanzkrise wieder stärker in das Bewusstsein der Finanztheoretiker gerückt. Im Kern geht es darum, das Giralgeld (Buchgeld) auf den Girokonten der Banken durch staatliches Vollgeld zu ersetzen. In dieser Theorie wird das alleinige Recht, Geld zu schöpfen, an die staatlichen Zentralbanken übertragen. Das dort geschöpfte Geld wird an die Staaten weitergegeben und von dort aus schuldfrei in den Wirtschaftskreislauf eingebracht.

Heute schöpfen die privaten Banken etwa 90 Prozent des Geldes selber, jedes Mal, wenn sie einen Kredit verleihen. Die Buchgeldschöpfung ist das Ergebnis eines Buchungsvorgangs: Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, verbucht sie die damit verbundene Gutschrift für den Kunden als dessen Sichteinlage und somit als eine Verbindlichkeit auf der Passivseite ihrer Bilanz. Sie kann also auch Kredite mit Mitteln vergeben, die sie zuvor gar nicht von anderen Kunden, etwa durch Einlagen, erhalten hat. Die Kreditvergabe von Banken an Nichtbanken stellt die quantitativ wichtigste geldschöpfende Transaktion dar.

„Das Geldsystem dient in erster Linie der Finanzwirtschaft und nicht der Realwirtschaft, wo die Werte geschaffen werden, die wir zum Leben brauchen“, kritisiert Christoph Pfluger, Finanzexperte und Mit-Initiant der Schweizerischen Vollgeld-Initiative. Die Finanzwirtschaft profitiert seiner Ansicht nach von der hohen, aber weitgehend fiktiven Geldschöpfung; die weniger profitable Realwirtschaft gerate dagegen unter Druck, die Löhne sinken, Arbeitsplätze werden in Billiglohnländer ausgelagert.

Mit der Vollgeld-Reform kommt dagegen alles Geld von der Nationalbank und die Banken können kein Geld mehr verleihen, das sie gar nicht haben. Manche Kritiker wie Pfluger sehen darin ein probates Mittel, den Geldwert sowie die Preise stabil zu halten, die Geldmenge besser zu steuern und in der Konsequenz weitere Finanzkrisen zu verhindern. Auch Spekulationen an den Börsen, wie sie heute üblich seien, würde so weitgehend entgegengewirkt und der Kauf von nicht gedeckten Aktien verhindert.

Die Deutsche Bundesbank ist von dieser Lösung allerdings nicht überzeugt. In einer tiefgreifenden Analyse, die im April 2017 veröffentlicht wurde, kommen die Ökonomen der Notenbank zu dem Ergebnis, dass nicht erkennbar sei, dass Beschränkungen der Kreditschöpfungsmöglichkeiten des Bankensektors tatsächlich zu einem insgesamt stabileren Finanzsystem führten, als dies über eine zielführende Regulierung ohnehin auch möglich wäre. Zugleich würde ein solcher Systemübergang aber das Risiko eröffnen, wichtige volkswirtschaftliche Funktionen des Bankensystems in Mitleidenschaft zu ziehen, die für eine stabile realwirtschaftliche Entwicklung notwendig sind. Der Schlüssel zur Stabilisierung des Finanzsystems ist vielmehr – so die Position der Bundesbank – die Regulierung, vor allem Liquiditäts- und Eigenkapitalvorschriften, die auf die Kreditvergabe begrenzend wirken. Eigenkapitalvorschriften zwingen die Bank, Kredite in Abhängigkeit von ihren Risiken zu einem gewissen Anteil mit Eigenkapital zu unterlegen. Dadurch wird die Möglichkeit der Bank zur Ausweitung ihrer Kreditvergabe durch ihr vorhandenes Eigenkapital bzw. ihre Möglichkeit beschränkt, zusätzliches Eigenkapital aufzubauen. Der Nachweis, dass mehr Eigenkapital durch Regulierung auch automatisch zu einer höheren Finanzmarktstabilität führt, steht jedoch noch aus.

So oder so wären Kreditinstitute bei einer Einführung von Vollgeld in ihrer volkswirtschaftlichen Funktion allerdings derart eingeschränkt, dass sie auf Kontoverwahrstellen und Kreditvermittler reduziert würden. Daran kann auch eine Notenbank mit einem Monopol auf Geldschöpfung kein Interesse haben. Hinzu kommt, dass die Vollgeld-Idee nur dann überhaupt funktionieren kann, wenn die Notenbanken völlig unabhängig von politischen Interessen agieren und ausschließlich dem Erhalt der Geldwert- bzw. Preisstabilität verpflichtet sind. Genau das tun sie in der Realität aber nicht. Im Gegenteil: Unter dem massiven Druck der Politik wurde ihr Aktionsradius nach der Finanzkrise neu definiert. Und zwar als eine neue, entscheidende Regulierungsinstanz.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
12.06.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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