Von Markus Scholand
PRB: Motor für Innovation oder ein weiteres Bekenntnis unter vielen?
 

Mit der Unterzeichnung und Veröffentlichung der Principles for Responsible Banking ist die Bankenwelt seit dieser Woche um einen weiteren Standard reicher. Die Prinzipien hinter diesem Standard zielen auf mehr Nachhaltigkeit im Bankgeschäft und wagen den Spagat zwischen textlicher Kürze und inhaltlichem Anspruch.

Kaum zwei Wochen sind vergangen, seit Gary Smith vom Barings Investment Institute an dieser Stelle über die zunehmende Aufmerksamkeit der Finanzaufsicht für die Wirkungen des Klimawandels auf die Ertragslage und Bilanzstabilität von Finanzinstituten schrieb. Bisher als „extra financial“ bezeichnete Faktoren gewinnen zunehmend an Einfluss auf das Kerngeschäft von Banken. Sie erhalten eine ihnen bisher nicht zuerkannte Materialität. Smith schloss mit der Feststellung, die Finanzdienstleistungsbranche sei im Besonderen aufgefordert, ihre Augen in dieser Sache offen zu halten. Dass dies bereits jetzt geschieht, war am 22. und 23. September in New York live zu erleben: Unter regem Interesse von mehr als 300 Managern international tätiger Finanzinstitute, Investoren, Medienvertretern und sonstigen Anspruchsgruppen wurden die „Principles for Responsible Banking“ (PRB) öffentlich vorgestellt.

 

Sechs Prinzipien mit Gehalt

Die PRB umfassen sechs grundlegende Prinzipien (vgl. www.unepfi.org/banking/bankingprinciples). Sie sollen es Banken erleichtern, ihre Geschäftstätigkeit stärker an Fragen der Zukunftsfähigkeit im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung auszurichten. Sie sollen darüber hinaus Transformationsprozesse der Branche mit Blick auf die Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) und die Umsetzung des Klimaabkommens von Paris erleichtern. Die PRB gehen zurück auf eine Initiative einiger Finanzhäuser aus dem Jahr 2015 und wurden 2018 unter dem Dach der Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEPFI) von 30 Gründungsbanken ins Leben gerufen und in einer mehrmonatigen Konsultationsphase seit November des letzten Jahres verprobt. 

Zur öffentlichen Vorstellung zählt UNEPFI bereits 131 Unterstützer aus fast 50 Staaten und spricht von einer Marktabdeckung, die ein Drittel des globalen Bankensektors umschließt. Dass die genannten Banken es durchaus ernst meinen, zeigt nicht nur die Vorstandspräsenz bei der Veröffentlichung. Auch die vielfältigen Bekenntnisse einzelner Häuser anlässlich der Veranstaltung in New York machen deutlich, dass die Botschaft einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zunehmende Akzeptanz in der Branche findet. Denn nicht zuletzt definieren die Institute durch ihre Statements auch die eigene Fallhöhe mit Blick auf ihre Reputation, bis hin zu einem möglichen Ausschluss aus dem Kreis der Unterzeichner der PRB.

Aus dem Kreis der Gründungsbanken ist zu hören, dass Umsetzbarkeit und Glaubwürdigkeit wesentliche Anforderungen bei der Entwicklung der Prinzipien waren. Dies reflektieren auch Kommentierungen von mehr als 250 Finanzinstituten während der Konsultationsphase: Viele Anmerkungen und Fragen waren auf die Zielsetzungen der PRB und ihre Implementierung gerichtet. 

Inhaltlich können die Prinzipien in zwei Teilen betrachtet werden. Mit Alleinstellungsanspruch ist das erste Prinzip gesondert zu sehen (Principle 1: Alignment). Mit ihm wird nachhaltige Entwicklung auf die strategische Ebene der jeweiligen Bank gehoben, sodass konkrete Geschäftsperspektiven mit allen Chancen und Risiken in den Fokus kommen. Die weiteren fünf Prinzipien betreffen die Umsetzung der strategischen Vorgaben. Dies reicht von der Frage, wie Strategievorgaben zielgerichtet im Kerngeschäft umgesetzt werden können (Principle 2: Impact & Target Setting), über die Geschäfte der Kunden und das Geschäft mit dem Kunden (Principle 3: Clients & Customers) bis hin zur erforderlichen Kommunikation und Transparenz (Principle 6: Transparency & Accountability).   ► Grafik 1 (oben):  "Principles for Responsible Banking (PRB) im Überblick". Quelle: UNEPFI (2019)

 

Ansatz verspricht Erfolg

Der den PRB innewohnende Gedanke gemeinsam vereinbarter Prinzipien ist dem Finanzsektor keineswegs neu, auch nicht im Bereich der Nachhaltigkeit. Bereits 2016 zählten Branchenkenner auf dem Global Roundtable von UNEPFI in Dubai eine deutlich dreistellige Zahl an Initiativen, Prinzipien oder Erklärungen, die auf mehr Nachhaltigkeit an Finanzmärkten gerichtet war. 

Nicht neu und vermeintlich sogar überholt mag mit Blick auf eine Vielzahl regulatorischer Aktivitäten im Umfeld der Finanzmärkte sogar der Ansatz einer freiwilligen Vereinbarung erscheinen. Dort, wo durch eine Brancheninitiative mit Gründung der Equator Principles 2003 noch ein marktprägender Standard (im Bereich strukturierter Finanzierungen) gesetzt werden konnte, findet das Prinzip der Freiwilligkeit im gesellschaftlichen und politischen Umfeld heute nur noch bedingt Gegenliebe. Zu zögerlich war die Branche in ihrer Breite beim Angang von Nachhaltigkeitsaspekten in der Vergangenheit. Zu brav, wenn es um die Auseinandersetzung mit einem Thema ging, das immerhin seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf den Agenden steht und seit noch längerer Zeit beforscht wird. Dabei ist aus dem „Paradigma der kritischen Masse“ längst bekannt, welche Wirkungen ein Thema an den Märken entfalten kann, wenn es auf ausreichende Resonanz stößt.

Dennoch, oder gerade deswegen, sollten die PRB wie auch ihre Unterzeichner ihre Chance erhalten, zu zeigen, dass man es ernst meint! Denn die Prinzipien verstehen sich bewusst nicht als inhaltlicher Mindeststandard, sondern als prozessorientierter Rahmen, der Finanzinstitute in ihrer Entwicklung begleitet. Ein Rahmen, der international bereits auf eine beachtliche Resonanz gestoßen ist. Und: Die einzelnen Prinzipien sind in hohem Maß anschlussfähig an den Zyklus des Managements von und in Finanzinstituten. 

Die PRB stellen auch keine inhaltliche Konkurrenz zu existierenden Frameworks dar. Dies gilt hinsichtlich bestehender Rahmenwerke, etwa denen der Global Reporting Initiative (GRI) oder der Principles for Responsible Investment (PRI), die bereichs- oder themenbezogen umzusetzen sind. Es gilt auch hinsichtlich zukünftiger Regulierung oder quasi-regulativ wirkender Standards, etwa aus dem Action Plan on Sustainable Finance der Europäischen Kommission oder den Standardisierungsaktivitäten der Internationalen Organisation für Normung (ISO). 

Die PRB bieten Banken vielmehr einen übergreifenden und nachhaltigen Handlungsrahmen mit Blick auf die Gesamtstrategie und -portfolien in allen Geschäftsbereichen. Sie setzen insofern auch konsequent die frühere Arbeit von UNEPFI fort, gerade Banken in der Weiterentwicklung nachhaltiger Geschäftsaktivitäten zu unterstützen.(1) Und die PRB könnten sich, was Valdis Dombrovskis als Vizepräsident der EU Kommission andeutet, als gute Vorbereitung für eine zu erwartende europäische Regulierung erweisen. Eine Regulierung, die im Übrigen von vielen Finanzinstituten als Orientierungsrahmen deutlich eingefordert wird.

 

Herausforderung für alle Beteiligten

Finanzinstitute sehen sich, gerade in Deutschland, erheblichen transformatorischen Herausforderungen gegenüber. Wenn angesichts dieser Zukunftsaufgaben das Thema Nachhaltigkeit in der Vergangenheit nicht oben auf der Agenda stand, ist das noch nachvollziehbar. Wenn allerdings Deutsche Finanzinstitute drohen, den Anschluss an Innovationsthemen der Green Economy und damit verbunden einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zu verpassen, muss sich die Branche ernste Fragen gefallen lassen. Vor allem von politischer Seite. Denn die Bundesregierung beabsichtigt, Deutschland zu einem führenden Standort für eine nachhaltige Finanzwirtschaft zu entwickeln.(2)  Ein Ziel, das als herausfordernd bezeichnet werden kann, wenn man einen Blick über die Grenzen zu europäischen Nachbarn wirft.

Auch wenn nachhaltiges Banking in Deutschland noch kein Thema für den Mainstream der Institute ist: Es verwundert ein wenig, dass keine inländische Bank zu den Gründern der PRB zählt. Ist doch die konzeptionelle Arbeit der Nachhaltigkeitsabteilungen deutscher Innovationsführer auch international durchaus anerkannt. Unter den 131 Erstunterzeichnern finden sich dann Institute deutscher Provenienz. Darunter die als Nachhaltigkeitspionier bekannte GLS Bank. Darüber hinaus haben drei traditionelle Geschäftsbanken die Relevanz des Themas erkannt und die Prinzipien unterzeichnet. International offenbart der Kreis der Erstunterzeichner ein ähnliches Bild. Hinter den Prinzipien stehen Banken mit ganz unterschiedlichen „Nachhaltigkeitskulturen“. Vom Ansatz bieten die PRB damit sowohl solchen Instituten eine Heimat, bei denen Nachhaltigkeit schon von Anfang an bestimmendes Element des Geschäftsmodells ist. Andererseits aber auch solchen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen Nachhaltigkeit als Element unternehmerischer Transformation verstehen und sich auf den Weg begeben, Unternehmenskulturen und -strategien nachhaltiger zu gestalten. Dieser Gedanke leitet nochmals zur Rolle der PRB: Sie wollen eben kein inhaltlicher Mindeststandard sein, sondern ein „Prozessbegleiter“.

Eine besondere Herausforderung hat sich UNEPFI selbst gestellt: Die Unterzeichnung der PRB ist Finanzinstituten vorbehalten, die der Finanzinitiative selbst auch formal beitreten. Dieses Vorgehen hat einige und gute Gründe. Für die Mehrheit gerade mittlerer und kleiner Banken werden jedoch internationale Prinzipien wie die PRB so „außer Reichweite“ bleiben. Denn mit Blick auf eine zunehmende Zahl von Initiativen und Vereinigungen im Kontext einer nachhaltigen Finanzwirtschaft (nicht nur in Deutschland) wird die Motivation bei den genannten Instituten eher gering sein, die Hürden hingegen hoch. 

 

Die Arbeit fängt erst an

Die PRB setzen einen Rahmen. Aufgabe der Institute ist es nun, diesen zu füllen. Für die deutsche Bankenlandschaft bedeutet dies angesichts einer Zahl von knapp 1.800 Kreditinstituten Arbeit in mehrfacher Hinsicht. Arbeit für die international tätigen „großen“ Institute, sich den PRB anzuschließen, wo dies gewollt ist, oder diese zumindest sinngemäß mit Leben zu füllen. Arbeit aber auch für Dachorganisationen und Verbände, welche die Mehrheit der Institute repräsentieren und deren Schnittstelle zu internationalen Aktivitäten bilden. Denn Nachhaltigkeit ist für die Geschäftsstrategien „kleiner“ Institute von gleicher Bedeutung und es bedarf des Wissenstransfers. Die PRB adressieren im fünften Prinzip dazu einen Aspekt, der für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft allgemein von essenzieller Bedeutung ist: Governance & Culture. Hinter diesen Begriffen verbergen sich (auch) Aspekte des erforderlichen kulturellen Wandels, um die Veränderungsprozesse in der Branche zu ermöglichen. Dieser Wandel erfordert das genannte Wissen, welches ohne angepasste Aus- und Weiterbildungsansätze nicht vermittelt werden kann. 

Anlässlich der Veröffentlichung der PRB formulierte Barclays-CEO Jes Staley zutreffend, dass wirtschaftliches Gedeihen und Nachhaltigkeit untrennbar miteinander verknüpft sind. Banken seien daher gefordert, sich aktiv an den erforderlichen grundlegenden Veränderungen der Volkswirtschaften zu beteiligen. Damit dürfte alles gesagt sein. Interessierten Banken steht eine Vielzahl von Kanälen zur Verfügung, um sich über die PRB zu informieren. Sie reichen von der Internetpräsenz der UNEPFI über Webinare bis hin zu Präsenzveranstaltungen, etwa dem Event von Ethical Finance am 8. und 9. Oktober in Edinburgh.

 

 

 

(1) Vgl. etwa den inhaltlich gegenüber den PRB wesentlich weiter ausformulierten „Guide to Banking and Sustainability” in der 2017 aktualisierten Fassung unter www.unepfi.org/banking/guide-to-banking-and-sustainability.

(2) Vgl. u.a. Pressemeldung 2019/63 der Bundesregierung unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundesregierung-will-deutschland-zu-einem-fuehrenden-sustainable-finance-standort-machen-1584002.

 

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
24.09.2019
Autor/in 
Markus Scholand
Dr. Markus Scholand (Foto unten), Wirtschafts-, Patent- und Sicherheitsingenieur. Er beschäftigt sich als CSR-Manager und Auditor seit mehr als 15 Jahren mit Standards, Compliance und Qualität im Kontext nachhaltiger Finanzdienstleistungen. Scholand ist u. a. als Partner für Wissens- und Innovationsmanagement im Kompetenznetzwerk des ecofin Verbunds tätig.
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