Privatkundengeschäft
Perspektiven deutscher Kreditinstitute 2016
 

Die Bankenlandschaft befindet sich bereits seit Jahrzehnten in einem permanenten Umbruch. Selten war der Veränderungsdruck so hoch, wie seit der Finanzkrise 2007/2008. Die Niedrigzinsphase drückt auf die Ertragssituation, die Regulatorik führt zu extrem steigenden Kosten und mit der Digitalisierung drängen ständig neue Wettbewerber mit innovativen Produkten und Dienstleistungen in den Bankenmarkt. Durch technische Errungenschaften wackelt das gesamte Geschäftsmodell. Mehr denn je stellt sich die Frage, wohin die Reise geht. Vor diesem Hintergrund sind die Effekte aus diesen Entwicklungen zu analysieren, Prognosen aufzustellen und mögliche Perspektiven aufzuzeigen.

Schon vor der Finanzkrise haben sich Zinsen und Inflation von einem Zinshoch zu Beginn der 1990er Jahre stetig weiter nach unten entwickelt. Mittlerweile ist das Zinsniveau auf einem historischen Tiefstand. Die Niedrigzinsphase wird der Mehrheitsmeinung nach – allenfalls auf leicht höherem Niveau – weiter anhalten. Alle Banken und Sparkassen müssen damit leben, dass die „fetten Jahre“ vorbei sind und man sich auf anspruchsvolle Zeiten einstellen muss.

Niedrigzinsphase
In Prognoserechnungen wird unterstellt, dass die Zinsspanne von 2012 bis 2018 durch auslaufende höher verzinste Aktivpositionen im Durchschnitt um voraussichtlich 2,5 bis 3 Prozent p. a. sinken und die CIR gleichzeitig von ca. 60 Prozent auf über 70 Prozent bei den klassischen Retailbanken steigen wird. Bei Unterstellung eines konstanten Zinsniveaus und einer differenzierten Analyse des Kundengeschäfts ist zum einen davon auszugehen, dass aus den Veränderungen der Konditionsbeiträge im Kundenkreditgeschäft lediglich moderate, eher neutrale Ergebniseffekte resultieren. Zum anderen werden sich die Konditionsbeträge auf der Passivseite — auch aufgrund des immer stärkeren Wettbewerbs und in Zukunft deutlich sinkenden Opportunitätszinsen — signifikant verengen. Die gesamten Erträge aus der Anlage des Eigenkapitals und aus Wiederanlagen im Eigengeschäft sowie Prolongation der Aktivseite werden stark sinken. Hinsichtlich des Strukturbeitrags sind nur moderat belastende Effekte aus der weiter positiven Fristentransformation bei verflachter Zinsstruktur zu erwarten. Überträgt man ein solches Szenario auf das Zinsergebnis aller deutschen Genossenschaftsbanken und Sparkassen, so würde sich für 2018 die in dargestellte Struktur ergeben. Damit würde der Zinsüberschuss als zentrale Ertragsquelle über einen Fünf-Jahreshorizont um ca. 15 Prozent zurückgehen, was bei unveränderten sonstigen Ergebnisgrößen zu einer Halbierung des Ergebnisses vor Steuern führt.

Selbst wenn die Entwicklungen bei unterschiedlichen Wachstumsszenarien weniger dramatisch verlaufen, ist in jedem Fall zukünftig mit einem deutlichen Ergebnisrückgang zu rechnen. Auch die aktuellen Ergebnisse des Niedrigzinsumfrage der Bundesbank bestätigen diesen Ergebnisdruck. Analysen zeigen, dass ein adäquates Ausmaß an Transformation zur Stabilisierung des Zinsergebnisses beiträgt. Bei einer Bandbreite an Zinsszenarien mit einem adäquaten strategischen Ausmaß an Fristentransformation lassen sich gute Resultate hinsichtlich Volatilität und Höhe des Zinsüberschusses erzielen. Zusammenfassend werden folglich die zentralen Herausforderungen sein:

  • Transparenz über Auswirkungen, Wirkungszusammenhänge und Haupttreiber von Ergebniskomponenten und Risiken in der Niedrigzinsphase zu schaffen,
  • das Mindestergebnis- und den Mindestkapitalanspruch durch die Festlegung und Einhaltung strategischer Leitplanken abzusichern und
  • ein ganzheitliches Maßnahmenportfolio abzuleiten, das alle wesentlichen Stellhebel für das Geschäftsmodell in der Niedrigzinsphase umfasst.

Regulatorik
Die umfassenden und vielschichtigen Entwicklungen in der Regulatorik stellen in Verbindung mit einer engen Taktung eine große Herausforderung für die Kreditinstitute dar. Grundsätzlich lassen sich in der Bankenregulatorik drei Stoßrichtungen erkennen:

  • Anpassungen in der Risikoquantifizierung in Form einer stärkeren Fokussierung auf angepasste und erweiterte Standardmodelle sowie Stresstests.
  • Anpassungen in der Definition verlusttragenden Kapitals, die durch Basel III eingeschränkt wurde und durch TLAC (Total Loss Absorbing Capital) und MREL (Minimum Requirement for Eligible Liabilities) wiederum neue Facetten erhält.
  • Weitere die Dokumentation, die IT und das Management betreffende Regulierungen wie MiFID II, BCBS 239 und andere.

All das führt zu einer – insbesondere für kleine Institute – kaum mehr zu durchdringenden Regulierungsflut.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
05.01.2016
Erschienen in Ausgabe:
01/2016
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Quelle(n):

Bildquelle: iStockphoto.com / ©wragg

Autor/in 
Michael Lister, Wilhelm Menninghaus, Michael Pohl
Prof. Dr. Michael Lister, Direktor der zeb.business school der Steinbeis-Hochschule Berlin. Dr. Wilhelm Menninghaus, Partner der zeb.rolfes.schierenbeck.associates. Prof. Dr. Michael Pohl, Lehrstuhl für Wealth Management und Banking, zeb.business school der Steinbeis-Hochschule Berlin.
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