Von Martin Moryson
Personal-, aber kein Richtungswechsel bei der EZB
 

Am Dienstag wurden in Brüssel die Weichen für wichtige europäische Spitzenämter gestellt. Unter anderem soll Christine Lagarde, bisherige Direktorin des Internationalen Währungsfonds, neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank werden.

Wir erwarten damit eine Fortsetzung der akkommodierenden Geldpolitik der EZB, sollte die Inflation weiter auf niedrigem Niveau verharren. Als IWF-Direktorin hatte sich Lagarde bereits sehr früh und nachdrücklich für das Instrument der quantitativen Lockerung (Anleihekaufprogramm) ausgesprochen. Wie Mario Draghi pocht auch Christine Lagarde auf die Bedeutung der Fiskalpolitik zur Unterstützung der europäischen Wirtschaft. Vor dem Hintergrund ihrer ausgewiesenen fiskalpolitischen Expertise, könnte sie unseres Erachtens hier den Druck auf die europäischen Staats- und Regierungschefs noch erhöhen. Ähnlich könnte es beim Thema Fiskalunion aussehen, für die sie sich regelmäßig stark gemacht hat. Wie Mario Draghi zeichnet sie sich durch einen undogmatischen Stil aus. Hinzu kommt ihre exzellente Vernetzung in die Politik.  

Im Führungsstil dürfte es zu Veränderungen kommen. Mario Draghi hat immer wieder Tatsachen geschaffen, wie zuletzt beim EZB-Forum in Sintra, indem er mit zuvor nicht abgesprochenen Aussagen vor die Presse trat. Lagarde hingegen dürfte stärker bemüht sein, ihre Entscheidungen auf den vorigen Konsens des EZB-Rats zu stützen. Nicht zuletzt, da sie keine ausgebildete Ökonomin ist und über keinerlei Erfahrung als Zentralbankerin verfügt, dürfte dies nicht nur den EZB-Rat aufwerten, sondern im Direktorium auch die Position des erst jüngst nominierten Chefökonomen Philip Lane, der zuvor der irischen Zentralbank vorstand. Er ist im sechsköpfigen EZB-Direktorium somit der einzige ausgebildete Ökonom. Eine weitere Veränderung des Direktoriums wird mit dem Ausscheiden von Benoit Coeuré im Laufe des Jahres erfolgen.

Die Märkte haben die Wahl Lagardes, obwohl die Option Jens Weidmann schon länger an Wahrscheinlichkeit verlor, mit weiteren Zinsrückgängen begrüßt. Am deutlichsten lässt sich dies an italienischen Staatsanleihen ablesen. Die Renditen der 10-jährigen haben allein seit Monatsanfang von 2,1 auf 1,75 Prozent nachgegeben. Damit folgten sie nicht nur dem Renditefall der Bundesanleihen, sondern reduzierten die Risikoprämie diesen gegenüber noch weiter.

Es spricht somit vorerst alles für ein weiter lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld – lower for longer -, allerdings gehen wir von einer nachlassenden Dynamik beim Abwärtssog der Zinsen aus.

Ein Kommentar von Dr. Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der DWS.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
04.07.2019
Autor/in 
Martin Moryson


Chefvolkswirt Europa bei der DWS.
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