Von Mondher Bettaieb
Normalisierung der EZB-Politik in weiter Ferne
 

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hielt sich bei der Notenbank-Sitzung am Donnerstag alle geldpolitischen Optionen offen. Die Zentralbank hob die Wachstumsprognose für die Europäische Union für dieses Jahr von 1,1 auf 1,2 Prozent an, während sich die weiteren Aussichten nicht wesentlich verschlechterten. Infolgedessen fiel der Ton der EZB etwas weniger gemäßigt aus, als erwartet.

Gleichzeitig wies Draghi darauf hin, dass eine Normalisierung der EZB-Politik noch in weiter Ferne liege, da wir uns gegenwärtig in einer Welt bewegen würden, die sich von vorherigen Entwicklungen gänzlich unterscheide. Dies rechtfertige eine längerfristige Niedrigzinspolitik. Somit ist es wahrscheinlich, dass die EZB die Zinsen bis Mitte 2020 unangetastet lassen wird. Auch nach einer ersten Zinserhöhung werden Reinvestitionen auslaufender Anleihen über einen längeren Zeitraum hinweg fortgesetzt. Dieser Zeitraum beträgt in der Regel ein Jahr. Das bedeutet, dass bis mindestens Mitte 2021 mit Reinvestitionen von rund 200 Mrd. Euro pro Jahr zu rechnen ist, was sehr positiv wäre.

Der EZB-Chef betonte zudem mehrmals, dass Zinssenkungen und erneute Anleihekäufe weiterhin durchaus praktikable Optionen seien, um das System zu stützen – vor allem, wenn die US-Notenbank Fed die Zinsen infolge anhaltender Handelsspannungen zwischen den USA und China wieder senken würde. Zinssenkungen sind eine Absicherungsstrategie der Fed und dienen dazu, die Weltwirtschaft auf einem nachhaltigen Wachstumspfad zu halten. Schließlich gibt es derzeit viele Handelsunsicherheiten, die Zinssenkungen rechtfertigen würden, obwohl die Verbraucherausgaben auf beiden Seiten des Atlantiks in guter Verfassung sind und widerstandsfähig erscheinen.

Privatkonsum in Europa soll gestützt werden

Die TLTRO-Preisgestaltung wird basierend auf dem Hauptrefinanzierungssatz (MRO-Satz) minus zehn Basispunkte errechnet. Das derzeitige Niveau ist für die Banken nach wie vor von Vorteil. Banken, die ihre Kreditziele überschreiten, könnten sich frisches Kapital zu noch günstigeren Konditionen beschaffen (im Moment variieren diese Kosten zwischen -0,3 Prozent und +0,1 Prozent). Dies ist positiv für die Banken und zielt darauf ab, den Privatkonsum in Europa zu stützen.

Für die europäischen Staatsanleihen und Kreditmärkte ist das durchaus positiv, da das neue TLTRO letztendlich Überschussliquidität schaffen und so sicherstellen wird, dass sich die Banken günstig refinanzieren können. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es weniger Emissionen von Bankanleihen geben wird. Draghi ließ auch die Möglichkeit offen, dass sich die Diskussion über die Zinssenkung oder zusätzliches Quantitative Easing schnell konkretisieren könnte – und zwar nicht, weil sich die europäische Wirtschaft abschwächt, sondern als reine Vorsorgemaßnahme.

Ein Marktkommentar von Mondher Bettaieb, Head of Corporate Credit bei Vontobel Asset Management.

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Artikel veröffentlicht am:
07.06.2019
Autor/in 
Mondher Bettaieb


Head of Corporate Credit bei Vontobel Asset Management.
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