Target Instant Payments Settlement (TIPS)
Neue Infrastruktur für paneuropäische Sofortzahlungen
 

Am Zahlungsverkehrsmarkt vollziehen sich derzeit fundamentale Veränderungen. Innovative Technologien, neue Akteure, ein grundlegender Wandel bei den Rechtsvorschriften und regulatorischen Rahmenbedingungen sowie Veränderungen auf der Angebots- und der Nachfrageseite üben auf traditionelle Geschäftsmodelle zunehmend mehr Druck aus. Vor allem Akteure, die keine spezifischen Mehrwertdienste anbieten, sich an neuen Zahlungsinstrumenten nicht beteiligen oder nur mit geringen Volumina operieren, laufen Gefahr, Anteile zu verlieren. Als ein Paradebeispiel für diese These kann das Projekt Instant Payments (IP) herangezogen werden.

Banken, für die der Zahlungsverkehr keine Kernaktivität darstellt, werden sich möglicherweise schon bald zwischen einem – gezwungenermaßen – stärkeren Engagement oder einem Ausstieg entscheiden müssen. Bei Instant Payments erfolgt eine verbindliche, finale Belastung des Zahlers und eine Gutschrift innerhalb weniger Sekunden. Die entsprechenden Zahlungsinformationen sind für beide Seiten sofort einsehbar und der Empfänger kann sofort in vollem Umfang über den Betrag verfügen. Das System ist für den Massenzahlungsverkehr (Retail Payments) tauglich und jederzeit verfügbar, d.h. 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr.

Geschäftsmodelle zunehmend unter Druck
Gemäß einer aktuellen Studie des ibi Resarch an der Universität Regensburg wird Instant Payments nicht nur als Ausfluss europäischer Regulierung gesehen, sondern als eine vom Verbrauchermarkt gewünschte Möglichkeit, Zahlungsbeträge sofort nach dem Bezahlvorgang verfügbar zu machen. Privatpersonen sehen vor allem bei schnellen Zahlungen, aber auch bei Online-Käufen, Potenzial für Zahlungen, die sofort verfügbar gemacht werden. Instant Payments wird somit früher oder später zu einem neuen Standard im Zahlungsverkehr der Zukunft. „Sofern Kreditinstitute die Bedeutung des Kontos erhalten wollen, brauchen sie Instant Payments“, sagt Zahlungsverkehrsexperte Hans-Rainer van den Berg, der gemeinsam mit der ING-DiBa das Design der ibi-Studie entworfen hat. Instant Payments sei die Voraussetzung für den Durchbruch des mobilen Bezahlens in Deutschland. Zwar sei die Teilnahme der Banken an dem Verfahren zurzeit noch freiwillig, doch unter Wettbewerbsgesichtspunkten könnte sich kaum eine Bank der Umsetzung entziehen, so van den Berg im Rahmen einer Veranstaltung in Düsseldorf.

Derzeit noch in den Kinderschuhen
Gleichwohl muss Instant Payments im Euro-Zahlungsverkehrsraum erst noch Fahrt aufnehmen – ab wann und in welcher Form es überhaupt zum breiten Einsatz kommen wird, ist noch unklar. Knackpunkte sind der stationäre Handel sowie der Grad der Standardisierung. Nach einer globalen Analyse der Unternehmensberatung Oliver Wyman befinden sich derzeit überall in Europa zahlreiche Infrastrukturlösungen im Aufbau, jedoch investieren die Banken nicht in allen Märkten gleichermaßen in die Aufrüstung ihrer eigenen internen Systeme. Durch entsprechende Investitionen würde die Ausführung von Echtzeitzahlungen unterstützt und die Banken in die Lage versetzt, ihre Marktstellung auszunutzen und neue Alleinstellungsmerkmale für ihre Kunden zu entwickeln. Die Erfolge von Faster Payments in Großbritannien und Swish in Schweden zeigen, dass Interbankeninitiativen bei den Kunden sehr erfolgreich sein können. Ohne derartige Investitionen laufen die Banken Gefahr, dass sich FinTechs im IP-Bereich bei Unternehmen, Händlern und Privatkunden eine bessere Marktposition erarbeiten.
Für den Handel muss die Einführung eines neuen Zahlungsinstruments dagegen vor allem Kostenvorteile bringen und vom Kunden gewünscht und akzeptiert werden. „Wichtig ist, das moderne Zahlungsinstrumente multikanalfähig sind, bei ihrer Nutzung keine Ausfallrisiken drohen und eine schnelle Abwicklung am Point-of-Sale (POS) möglich ist“, sagt van den Berg. Da Zahlungsvorgänge heutzutage mehr und mehr in Smartphones wandern, wird das Sofortbezahlen mit einer App an allen POS sowieso bald zur Regelmäßigkeit.

Lang erhoffte Chance für Regulatoren
Vor diesem Hintergrund stehen die Chancen für Instant Payments gut, zumal die Europäische Zentralbank (EZB) und das Euro Retail Payments Board (ERPB) die Ausführung von Sofortzahlungen eigentlich lieber jetzt als morgen sehen würden. Alles fügt sich so trefflich in die übergeordnete Idee, in Europa effizientere und attraktive Bezahlmöglichkeiten zu schaffen, die Bargeldzahlungen in zunehmendem Maße ersetzen werden. Zudem können mobile Zahlungen zwischen einzelnen Personen (P2P) einfach, schnell und sicher erfolgen. Es ist die lange erhoffte Chance für die europäischen Regulatoren, auf Basis von SEPA für die Bürger einen echten Nutzen zu generieren und die Abhängigkeit von nichteuropäischen Anbietern zu reduzieren.

Viel Aufwand, kaum Ertrag
Doch für die meisten Banken stellt sich die Situation ganz anders dar, denn die Einführung von Echtzeitzahlungen ist mit enormen Um- bzw. Ausbauten der Infrastruktur verbunden, die erhebliche Investitionen erfordern. Für die Institute noch schlimmer ist, dass sich Instant Payments als Dienstleistung nicht wird bepreisen lassen und somit für viele Banken bislang weithin kein Geschäftsmodell erkennbar ist. Kurzum: Viel Aufwand, wenig Ertrag. Da kann es kaum verwundern, dass zum Start des Instant-Payment-Verfahrens im Live-Betrieb am 21. November 2017 nur 28 Banken dabei sein werden.

Neue Infrastruktur für das paneuropäische IP-Settlement
Ein weiterer Hemmschuh, insbesondere für Unternehmenskunden, ist die bisherige maximale Betragsobergrenze für Zahlungen in Höhe von 15.000 € pro Transaktion, die zwar bilateral änderbar ist, dadurch aber einer Harmonisierung wiederspricht und abermaligen Mehraufwand erzeugt. Durch das Abwicklungssystem TIPS (Target Instant Payments Settlement), der neuen Infrastruktur für das paneuropäische IP-Settlement auf Basis von Target2, könnte diese Obergrenze entfallen.
Die Teilnahme an TIPS ist für Kreditinstitute optional und unabhängig von Target2, aber ein Anreiz dürfte sein, dass der Saldo der Guthaben auf die Mindestreserve anrechenbar sein wird. TIPS soll darüber hinaus das Liquiditätsmanagement erleichtern, Kreditrisiken minimieren und einen offenen, diskriminierungsfreien Zugang schaffen. Anbindungsmöglichkeiten bestehen in mehreren Variationen, wahlweise als Teilnehmer (Participant), der eigene Konten in TIPS unterhält, als Reachable Party oder als Instructing Party, die eine technische Kommunikation mit TIPS (in XML) übernimmt. Verschiedene Kombinationen dieser Rollen sind möglich. Im Sommer 2018 sollen erste interne Systemtests erfolgen, damit TIPS zum frühestmöglichen Zeitpunkt im November 2018 in Betrieb genommen werden kann.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
15.03.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com/chungking
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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