Liberale Finanzmärkte
Neue Aristokratien verstärken Ungleichheit

Woran liegt es, dass die Ungleichverteilung der Vermögen weltweit rasant zunimmt? Pünktlich zum Davoser Weltwirtschaftsforum hat die Entwicklungsorganisation Oxfam einen alarmierenden Bericht vorgelegt, wonach die 62 Reichsten genauso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Auf der Suche nach den Ursachen zitiert die Organisation unter anderem den französischen Ökonomen Thomas Piketty, demzufolge Renditen auf Kapitalvermögen schneller wachsen als Lohneinkommen, was die Ungleichverteilung der Vermögen zwangsläufig immer weiter in die Höhe treibe. „Das Argument von Piketty greift zu kurz“, befindet dagegen Alexander Ludwig, Professor für Öffentliche Finanzen und Schuldenmanagement am LOEWE-Zentrum SAFE der Goethe-Universität Frankfurt. „Dass Kapitalrenditen im Allgemeinen höher sind als Lohnzuwächse, ist nur dann dramatisch, wenn die Durchlässigkeit zwischen den Einkommensgruppen und Generationen zu gering ist.“ Solange Lohnempfänger die Chance haben, zu Kapitalvermögen zu kommen, und Kinder ärmerer Eltern die Chance sich hochzuarbeiten, sei das Verhältnis von Renditen und Lohnsteigerungen nicht relevant.

Doch genau hier liegt Ludwig zufolge das Problem: „Wir beobachten, dass die inter- und intragenerationale Mobilität in den letzten Jahrzehnten sinkt.“ Während die Bevölkerungsschichten zum Beispiel in den USA zwischen den 1950er und 1980er Jahren zunehmend durchlässiger geworden seien, schotteten sich die oberen Klassen seitdem mehr und mehr ab. „Zwar ist der allgemeine Zugang zu Bildung gestiegen, gleichzeitig aber haben Elitebildungsinstitutionen und -netzwerke enorm an Bedeutung gewonnen, sodass die Chancen, nach oben zu kommen, heute deutlich geringer sind als noch vor wenigen Jahrzehnten“, so der Ökonom. „In immer mehr Ländern bildet sich sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Bereich eine regelrechte Aristokratie heraus.“ Auch mit Blick auf Deutschland, wo Oxfam einen besonders massiven Anstieg der Ungleichheit von Vermögen, Einkommen und Chancen in den vergangenen Jahrzehnten beklagt, sieht Ludwig diese These bestätigt. „Die Ergebnisse der Pisa-Studien haben gezeigt, dass der Bildungsstand des Elternhauses immer wichtiger für den Bildungserfolg des Nachwuchses wird. Auf diese Weise werden Einkommensunterschiede über Generationen hinweg zementiert.“ Immerhin sei die Einkommensungleichheit in Deutschland in den letzten zehn Jahren aber in etwa konstant geblieben.

Als weitere Ursache für den rasanten Vermögensanstieg unter den Reichen vermutet Ludwig die Liberalisierung der Finanzmärkte. „Wenn man sich den Trend der Finanzmarktliberalisierung und die Entwicklung der Einkommen der oberen Schichten anschaut, sieht man ganz deutliche Übereinstimmungen.“ Es sei für reiche Menschen heute schlicht leichter als noch vor ein paar Jahrzehnten, ihr Geld zu vermehren. Die jüngste Finanzkrise habe diesen Trend zwar vorübergehend kurz gebremst, die Verluste der Vermögenden haben sich seitdem aber längst wieder mehr als ausgeglichen. Um der wachsenden Ungleichverteilung entgegenzuwirken, schlägt Alexander Ludwig vor, die Einkommensteuer progressiver zu gestalten, sodass untere Einkommen entlastet und höhere stärker belastet werden. Auch eine moderate Vermögensteuer hält er für angemessen. Da eine Unterscheidung zwischen privatem und betrieblichem Vermögen schwierig ist, werden Forderungen nach Steuererhöhungen in diesem Bereich in Deutschland üblicherweise mit dem Hinweis darauf gekontert, dass sie Familienunternehmen zu stark belasten und somit die Wirtschaftsleistung und Beschäftigung in vielen Regionen gefährden würden. „Man sollte über eine Vermögensteuer losgelöst von den üblichen Vorurteilen mit Blick auf den Mittelstand nachdenken“, fordert dagegen Alexander Ludwig. Über die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen niedriger Vermögensteuern seien aber noch weitere Untersuchungen nötig.

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Artikel veröffentlicht am:
20.01.2016
Autor/in 
Redaktion die bank
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