Schwarmintelligenz
Neue Anlagekonzepte dank der Weisheit der Masse
 

Social-Trading-Plattformen entwickeln sich zu einem neuen Anlagesegment und ermöglichen es Kapitalanlegern, von der Weisheit der Masse anderer Investoren zu profitieren. Banken, Plattform-Betreibern und Asset Managern bietet sich im wettbewerbsintensiven Fondsgeschäft die Chance, durch die Entwicklung geeigneter, auf der Weisheit der Masse basierender Produktlösungen einen breiten Anlegerkreis anzusprechen. Dadurch können womöglich auch diejenigen Anleger von der verteilten Intelligenz der Social-Trading-Portfolios profitieren, die bisher keinen aktiven Zugang zum Kapitalmarkt finden, jedoch über große Anlagesummen verfügen, die es in der aktuellen Niedrigzinsphase anzulegen gilt.

Die Digitalisierung und die Entwicklung sozialer Medien schaffen die Voraussetzungen dafür, dass eine große Zahl von Menschen miteinander in Kontakt treten, sich austauschen und zusammenarbeiten kann.Dadurch ergibt sich die Chance, dass potenziell alle Teilnehmer sozialer Plattformen vom verteilten Wissen aller anderen Teilnehmer profitieren können und nicht mehr ausschließlich vom exklusiven Wissen von Experten abhängen.

Dieses Prinzip wurde in den letzten Jahren in vielen Lebensbereichen umgesetzt. Beispiele sind das Online-Lexikon Wikipedia, Bewertungsportale von Hotels oder Produkten sowie Crowdinvesting-Plattformen zur Finanzierung neuer Geschäftsmodelle. Soziale Medien konnten sich in vielen Bereichen deshalb so schnell durchsetzen, weil die Nutzer einen klaren Vorteil erkannten, nämlich vom Wissen, den Erfahrungen und dem Urteilsvermögen anderer User profitieren zu können.

Die sozialwissenschaftliche Forschung konnte bereits vor dem Entstehen des Internets das Phänomen der Weisheit der Masse nachweisen. Dieses besagt, dass große Gruppen von Laien in vielen Fällen bessere Entscheidungen und Prognosen treffen können als Experten. Wichtig ist die Einschränkung, dass dies nicht für jeden Einzelnen gilt, sondern nur für den Durchschnitt großer Gruppen. Internet und soziale Medien vereinfachen in erheblichem Umfang die Vernetzung großer Gruppen und ermöglichen daher die Übertragung dieses Prinzips auf zahlreiche Anwendungsbereiche.

Social Trading
Im Bereich der Kapitalanlage entwickeln sich seit einigen Jahren Social-Trading-Plattformen. Diese bieten die Möglichkeit, Portfolios nachzubilden, die von professionellen Vermögensverwaltern, von Börsenverlagen, aber auch von erfahrenen Privatinvestoren gemanagt werden. Anleger haben auf diesen Plattformen die Möglichkeit, in die aufgelegten Portfolios zu investieren und auf diese Weise von der Expertise des Portfolio-Verwalters zu profitieren. Für Kapitalanleger stellt sich die Frage, ob sie durch eine Anlage in solche Portfolios von der Weisheit der Masse profitieren können. Dies wäre der Fall, wenn eine große Gruppe von Portfolios auf einer solchen Plattform im Durchschnitt ein besseres Anlageergebnis als relevante Vergleichsindizes erzielen kann bzw. wenn Anleger im Aggregat in der Lage sind, überlegene Anlagestrategien zu identifizieren.

Für Asset Manager stellt sich die Frage, ob sich neue Anlagelösungen schaffen lassen, die es möglichst vielen Anlegern ermöglichen, von der Weisheit der Masse anderer Kapitalanleger zu profitieren. Für die Branche wäre das eine bedeutende Produktinnovation, da in den vergangenen Jahren große Anlagesummen in passiv gemanagte Anlagelösungen wie ETFs geflossen sind und die Mehrheit der Fondsmanager seit langem dafür kritisiert wird, mit aktiv gemanagten Produkten eine – gemessen an Vergleichs-indizes – unterdurchschnittliche Performance zu erzielen. Beide Fragestellungen untersuchten wir am Beispiel Wikifolio.

Funktion der Plattform
Diese Social-Trading-Plattform wird von Österreich aus betrieben und ermöglicht es erfahrenen Privatanlegern, professionellen Vermögensverwaltern und Medienunternehmen, ihre Anlagestrategien in Form von Musterportfolios („Wikifolios“) aufzulegen. Jedes Musterportfolio dient als fiktives Referenzdepot, auf das sich ein sogenannter Wikifolio-Index bezieht. Werden bestimmte Voraussetzungen erfüllt, emittiert die Lang & Schwarz AG darauf ein Endlos-Indexzertifikat, das an der Börse Stuttgart gehandelt wird und in das jeder Anleger direkt investieren kann. In der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2015 waren rund 3.000 dieser Wikifolios mit einem Gesamtvolumen von etwa 400 Mio. € an der Börse investierbar. 

Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Fonds sind die finanziellen und zeitlichen Anforderungen zur Auflage eines Wikifolios deutlich geringer, und es kann innerhalb von wenigen Wochen an der Börse investierbar sein. Alle Transaktionen sind öffentlich einsehbar, und die Wertentwicklung ist lückenlos nachvollziehbar. Allerdings: Während es sich bei einem Standardfonds um Sondervermögen handelt, das insolvenzgeschützt ist, sind Wikifolio-Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen und damit einem Insolvenzrisiko des Emittenten ausgesetzt. Würde die Lang & Schwarz AG als Emittent der Zertifikate ihren Rückzahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können, muss ein Anleger gegebenenfalls einen zumindest teilweisen Ausfall seines investierten Betrags in Kauf nehmen.

 

(...)

 

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Fachzeitschrift "die Bank" 03/2016. Die Ausgabe kann im Abo oder einzeln bezogen werden. Zusätzlich kann auch dieser Artikel einzeln bezogen werden.
 Diese Ausgabe kaufen
 Den vollständigen Artikel jetzt online kaufen
Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
07.03.2016
Erschienen in Ausgabe:
03/2016
 Diese Ausgabe kaufen
 Diesen Artikel kaufen
Quelle(n):
Bildquelle: iStockphoto.com / ©Rawpixel Ltd
Autor/in 
Timo Defren, Gösta Jamin, Manuel Zieger
Dr. Timo Defren ist Professor für Kapitalmarkttheorie und Corporate Finance an der Hochschule Ludwigshafen und Berater bei CF Advisors, München.
Dr. Gösta Jamin ist Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Hochschule Ludwigshafen und Senior Advisor bei der ConMendo GmbH, Königstein.
Manuel Zieger ist Student an der Hochschule Ludwigshafen und hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit mit dem Vorliegen von Schwarmintelligenz auf Social-Trading-Plattformen beschäftigt.
Weitere interessante Artikel 
Artikel abonnieren 
die bank | Newsfeed
Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Sie erhalten jeden Monat zwei Newsletter mit aktuellen Beiträgen und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv