Digitaler Zahlungsverkehr
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Das Volumen für digitale Zahlungen steigt weltweit weiter an. Die Wachstumsrate wird 2015 erstmals auf voraussichtlich 10 Prozent und damit auf 426,3 Milliarden Transaktionen ansteigen. Damit wird der bisherige Rekord von 8,9 Prozent (2014; 387,3 Milliarden Transaktionen) übertroffen. Dies ist das Kernergebnis des World Payments Reports 2016 (WPR) von Capgemini und BNP Paribas. Der Anstieg des digitalen Zahlungsverkehrs wird beschleunigt durch ein starkes Wirtschaftswachstum in wichtigen Schwellenländern, verbesserten Sicherheitsmaßnahmen, wie EMV und Biometrie, sowie Regierungsinitiativen, die die Förderung elektronische Zahlungen in Entwicklungsmärkten zum Ziel haben. Hinzu kommen steigende Kosten für Barzahlungen. Die Entwicklung hin zum digitalen Zahlungsverkehr wird darüber hinaus durch eine zunehmende Nachfrage nach nahtlosen und sicheren digitalen Transaktionsdiensten, insbesondere von Seiten der Geschäftskunden, gestützt. Dieser Bedarf spornt Transaktionsbanken zu höheren Investments sowie Banken zu einer stärkeren Zusammenarbeit untereinander oder mit FinTechs an; All dies, um neue Dienstleistungen schneller auf den Markt zu bringen und einen Mehrwert für digitale Transaktionen bieten zu können, der sich von anderen Angeboten abhebt.

Im internationalen Vergleich hinkt der deutsche Markt jedoch erkennbar hinterher, obwohl in der Bundesrepublik 91 Prozent der Bevölkerung ein Handy und rund zwei Drittel davon ein Smartphone besitzen. Gründe für den bisherigen Misserfolg gibt es viele, wie eine aktuelle Studie von GFT Technologies zeigt: zum einen der fehlende Mehrwert für den Kunden und die mangelhafte Verfügbarkeit an den Kassenterminals des Handels, zum anderen die komplizierten Onboarding-Prozesse – oder eine Kombination aus den genannten Punkten. Dennoch wird sich die Mobile Payment-Infrastruktur in naher Zukunft stark verbessern: Bis 2020 müssen alle PoS-Terminals für die Nutzung kontaktloser Kartenlösungen aufgerüstet werden. Bereits jetzt sind bei großen Handelsketten wie Kaufhof, Edeka oder Starbucks NFC-fähige Kassen im Einsatz. Doch mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – Deutschland steht mit modernen Bezahlverfahren weiter auf Kriegsfuß.

Länderübergreifend wächst der digitale Zahlungsverkehr dagegen unaufhaltsam. Zwar haben die Entwicklungsmärkte mit 16,7 Prozent die höchsten Wachstumsraten, aber die etablierten Märkte vereinen mehr als 70 Prozent der weltweiten digitalen Zahlungstransaktionen auf sich. Gemäß WPR überholte China erstmals Großbritannien sowie Südkorea bei der Zahl der digitalen Transaktionen und steht damit an vierter Stelle der zehn weltweit größten Märkte nach den USA, der Eurozone und Brasilien. Schon seit 2010 sind Karten das digitale Bezahlinstrument mit dem höchsten Wachstum, während die Nutzung von Schecks immer weiter abnimmt. Sofortzahlungen haben als Alternative zu Bargeld- und Scheckzahlungen ein großes Potenzial, um das Wachstum digitaler Transaktionen weiter voranzutreiben. Doch hier müssen die Beteiligten weiter informiert, mehr Zusatzleistungen zur Verfügung gestellt und die Infrastrukturen bei Händlern und Unternehmen weiter ausgebaut werden.

Hinzu kommt, dass der Umsatz mit Finanztransaktionen durch zahlreiche interne und externe Faktoren unter Druck gerät: niedrige Gebühren und Zinserträge, den unter Druck stehenden Währungswechselgebühren und dem Aufkommen von FinTechs. Letztere sind bekannt dafür, ein besseres Kundenerlebnis durch fortschrittliche Technologien zu liefern und so die Erwartungen der Kunden zu verändern und zu erhöhen. Einige Banken haben deshalb bereits damit begonnen, einen „digital-first“-Ansatz zu adaptieren. Die Institute könnten jedoch Innovationen im Bereich Finanztransaktionen noch weiter fördern, wenn sie ihre Systeme über Application Programming Interfaces (APIs) öffnen und die überarbeitete Zahlungsdienstrichtlinie PSD II stärker für sich nutzen würden.

Auch bei den Schweizer Banken steht kontaktloses mobiles Bezahlen ganz oben auf den FinTech-Agenden. Dreiviertel der von Swisscom zusammen mit dem Competence Center Sourcing (CC Sourcing) befragten Institute halten das Thema für relevant. Der Umsetzungsgrad hinkt aber auch bei den Eidgenossen teilweise merklich hinterher. Immerhin haben sich etliche Banken beim Thema Payment bereits TWINT (früher Paymit) angeschlossen und bieten inzwischen vereinzelt auch NFC-fähige Maestro-Karten. Unterm Strich konzentrieren sich die Banken aber noch zu stark auf die Umsetzung von digitalen Lösungen nah an ihrem Kerngeschäft. Für Falk Kohlmann von Swisscom ist jedoch klar: „Gewinnen werden diejenigen, die zukünftig auch bankfernere Leistungen offerieren.“ Das bedinge, dass Banken die Digitalisierung als Paradigmenwechsel verstehen und neben der technologischen Innovation ihre Kultur darauf ausrichten, um rasch auf Marktveränderungen reagieren zu können.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
22.09.2016
Quelle(n):

Bildquelle: Fotolia.com/Vojtech Herout
Studien: Mobile Payment 2016 (GFT Whitepaper 9/2016); World Payments Report 2016 (Capgemini und BNP Paribas 9/2016); Fintech Services im Retailbanking (Swisscom und Competence Center Sourcing der Universitäten St. Gallen und Leipzig).

Autor/in 
Stefan Hirschmann
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