Erst jede dritte Bank hat eine echte digitale Strategie
Kunde wird vollautomatische Beratung akzeptieren

Ein „Weiter so!“ kann für deutsche Banken in Zukunft nicht mehr gelten. Zu groß ist der Kostendruck, der durch den immer gleichen Dreiklang des Belastungspakets aus Zinsrückgang plus regulatorische Auflagen plus steigende Datenschutzanforderungen entsteht.

 

Das Bruttoinlandsprodukt stieg zuletzt um 1,9 Prozent, aber die Banken profitieren davon nicht. Mit Einlagen und Krediten lässt sich kein Geld mehr verdienen, und die Kosten steigen durch immer neue und schärfere Auflagen stetig an. Deshalb sagen 70 Prozent der hiesigen Bankenchefs, dass sich ihr Geschäftsmodell in den nächsten drei Jahren radikal verändern muss. Die Kosten sollen sinken, die Rendite – im internationalen Vergleich klar unterdurchschnittlich – soll steigen. Die Wertschöpfungskette müsse mit branchenfremden Produkten und Services, sprich Internetplattformen, erweitert werden. Das erwarte schließlich auch der Kunde, der eine komplette Verzahnung aller Services zum Multi-Channel-Banking fordere. Nur fünf Prozent der vom Sopra Steria Consulting im Rahmen des „Branchenkompass 2017“ befragten Banken sehen aktuell keinen Veränderungsbedarf bei ihrem Geschäftsmodell. Als weitere Leitplanken für den strategischen Umbau identifiziert der Branchenkompass den Ausbau der Beratungsqualität und die Stärkung der jeweiligen Marke. Die Pflege von Bestandskunden wird gleich hoch gewertet wie die Akquisition von Neukunden, 62 Prozent der Bankentscheider halten die Fokussierung auf bestimmte Kundensegmente für wichtig.
Die Studienergebnisse wurden in diesem Jahr erstmals in zwei Schritten erhoben. Neben der gewohnten Online-Befragung organisierten die Berater gemeinsam mit dem FAZ-Institut eine Think-Tank-Veranstaltung, in deren Rahmen Führungskräfte aus den Banken um Meinungen und Stimmungen gebeten wurden. Nicht ganz unerwartet nannten dabei sieben von zehn Befragten den regulatorischen Druck auf die Banken zu hoch. Bei 67 Prozent der Banken sind die internen IT-Ressourcen fast vollständig mit der Bearbeitung von Regulierungsthemen ausgelastet. Stefan Lamprecht, der für den Bankensektor zuständige Sopra-Direktor, erwartet bei einem Blick auf die regulatorische Roadmap auch nicht, dass sich dies so schnell ändern wird. Er konstatiert ein ständiges Gezerre mit dem Regulierer, eine Suche nach Nischen, in denen sich noch Geschäft machen lässt.
Dabei stehen die etablierten Banken in Konkurrenz zu den FinTechs. Die Branchenneulinge greifen bekanntermaßen vor allem im Zahlungsverkehr an und bieten Lösungen fürs Internet und den Mobilfunk. Nicht jeder neue Wettbewerber ist für die Banken gleichermaßen bedrohlich, und Lamprecht hält besonders die „Neobanken“ für gefährlich: Anbieter, die klassische Bankgeschäfte über Smartphones anbieten. Generell sind FinTechs aber als Partner und Impulsgeber zunehmend wichtig für Banken. 61 Prozent arbeiten bereits mit FinTechs zusammen, haben eigene Ableger gegründet, Start-ups aufgekauft oder kooperieren mit den jungen Anbietern.
Eine echte Digitalstrategie kann derzeit allerdings nur jede dritte Bank vorweisen. Vorreiter sind Großbanken wie die Deutsche Bank, die Commerzbank und die HypoVereinsbank, die sich mit ihren digitalen Töchtern (Digitalfabrik, Neugelb und Innovation Lab) positionieren. Viele kleinere Häuser arbeiten an Teilkonzepten und speziellen Projekten.
Für die Zukunft spielen Data Science und Künstliche Intelligenz eine große Rolle. Sie können dazu beitragen, die internen Prozesse zu verbessern und die Kundenansprache zu individualisieren. Auch hier sieht der Branchenkompass vorwiegend noch Pilotprojekte am Start. „Chatbots etwa haben noch nicht die Intelligenz, die von ihnen erwartet wird“, nannte Stefan Lamprecht als Beispiel. Digitalisierung dürfe sich auch nicht nur im Frontend abspielen, das Backoffice rücke zunehmend in den Blickpunkt. Im Think Tank wurde das Worst-Case-Szenario angesprochen: dass an der Schnittstelle zum Kunden „schicke Apps“ eingesetzt werden und danach ein Heer von Mitarbeitern die Daten manuell in die alten Systeme eintippt. Und auch in Sachen Cognitive Advisory, der künstlichen Beratung, sehen die Berater die Entwicklung noch in den Kinderschuhen.
Knapp jeder zweite Bankentscheider ist aber davon überzeugt, dass der Kunde in wenigen Jahren ein vollautomatisiertes Beratungsangebot akzeptieren werde. Allerdings, so eine weitere Erkenntnis aus dem Think Tank, wolle der Kunde auch nicht alles haben, was technisch heute schon möglich sei. Die persönliche Beratung ist also kein Auslaufmodell. Trotzdem ist ein kultureller Wandel für Banken unvermeidbar – ebenso veränderte Kompetenzen der Mitarbeiter, glauben 69 Prozent der Befragten. Die deutliche Mehrheit hält agile Entwicklungen für essenziell, damit Banken sich künftig am Markt behaupten können.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
27.06.2017
Quelle(n):

Titelfoto: Fotolia

Grafik: Sopra Steria Consulting

Autor/in 
Anja U. Kraus
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