EZB knöpft sich Verwaltungsräte vor
Kontrolleure im Visier
 

Die Europäische Zentralbank hat sich kürzlich mit der Größe und Effizienz der Verwaltungsräte in deutschen Banken beschäftigt und in einigen Punkten Anlass zur Kritik gefunden. Bei der Helaba (Landesbank Hessen Thüringen) etwa hält die EZB den Verwaltungsrat mit 36 Mitgliedern für überdimensioniert. „die bank“ sprach mit Prof. Dr. Michael Wolff und Michael H. Kramarsch über die aktuelle Situation der Kontrollgremien in deutschen Banken, über deren Aufgaben und die Wichtigkeit, ein solches Gremium ausgewogen und kompetent zu besetzen.

Herr Kramarsch, Herr Prof. Wolff, die EZB hat offensichtlich schon seit geraumer Zeit die Verwaltungsräte deutscher Banken im Visier. Zuletzt ist die kritische Sicht der Behörde auch öffentlich geworden. Wie ist es aktuell um die Kontrollgremien bestellt?

Wolff: Es gibt Licht und Schatten. Zahlreiche Kontrollgremien haben ihre Strukturen und Prozesse professionalisiert, ihre Zusammensetzung angepasst und die Arbeitsweisen optimiert. Es gibt leider aber auch noch Gremien, die gesetzliche Regeln nur halbherzig anwenden oder jene, die sinnvolle Instrumente der Gremienarbeit als reine Legitimationsfassaden ansehen und ihre tatsächliche Arbeitsweise nicht anpassen. 

Kramarsch: Ernsthaftes Evaluieren und Adressieren von Schwächen der Gremienarbeit ist leider noch kein Standard – weder in Banken noch in Unternehmen anderer Branchen. Die Banken spielen hier sogar eine Vorreiterrolle, da das KWG die Evaluierung der Gremienarbeit gesetzlich vorgibt. Börsennotierte Unternehmen müssen dagegen „nur“ einer Empfehlung des Deutschen Corporate Governance Kodex folgen – oder auch nicht. Professionale Gremienevaluierung ist aber Teil eines professionellen Risikomanagements und rückt deshalb auch in den Augen von Anteilseignern, Aufsicht und Öffentlichkeit immer mehr in den Fokus.

Wie hat sich diese Situation seit der letzten Finanzkrise verändert? Hier hieß es ja, dass Kontrolleure vielfach nicht geeignet bzw. überfordert gewesen seien.

Kramarsch: Zahlreiche Gremien sind glücklicherweise in vielfacher Hinsicht diverser geworden. Dies ist in den meisten Fällen das Ergebnis professionellerer Besetzungsprozesse. So wird beispielsweise häufiger mit adäquaten Anforderungsprofilen gearbeitet. Die Gremien verfügen deshalb heute in zahlreichen Fällen über ein breiteres Kompetenzprofil und sind kritischer im Umgang mit den zu kontrollierenden Vorständen. 

Wolff: Auch wird vielerorts stärker darauf geachtet, dass die Gremienmitglieder über ausreichend zeitliche Kapazitäten verfügen und das Mandat nicht nur als Ehrenamt wahrgenommen wird. Die Diskussion über persönliche Haftung von Mandatsträgern hat dabei natürlich auch einen Beitrag geleistet. 

Man sollte meinen, dass die Banken aus den teuren Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Aber die Diskussion um die EZB-Kritik legt einen anderen Schluss nahe?

Kramarsch: Leider haben manche Banken bisher nicht den Willen gezeigt, ihre Arbeitsweisen kritisch zu beleuchten und aktiv neu auszurichten. Und dies ruft dann letztlich den Aufseher auf den Plan, oder noch schlimmer den Gesetzgeber. Wie man aktuell sehen kann, erfolgt der Druck auf verschiedenen Wegen – bis hin zum Gang an die Öffentlichkeit.

Was zeichnet einen guten Banken-Kontrolleur aus?

Kramarsch: Das individuelle Gremienmitglied sollte über ein Mindestmaß an Wissen zum jeweiligen Geschäftsmodell der Bank verfügen, Grundkenntnisse über Rechte und Pflichten eines Mandatsträgers besitzen und entsprechende zeitliche Kapazitäten haben, das Mandat tatsächlich ausfüllen zu können. Dabei muss auch strategisch relevantes Spezialwissen über bestimmte Märkte oder Technologien angedacht werden.

Wolff: Aber noch wichtiger als das einzelne Mitglied ist die systematische Betrachtung der Zusammensetzung des Gesamtgremiums. Eine Mischung aus unabhängigen Mitgliedern und den benötigten, unternehmens- bzw. geschäftsmodellspezifischen Kompetenzen verbunden mit dem Willen, das Mandat auch ernsthaft mit Leben zu füllen, führt zu erfolgreichen Gremien.

Wer eine Sparkasse beaufsichtigt, ist sicherlich nicht automatisch in der Lage, eine Großbank als Kontrolleur zu begleiten. Wie sehr braucht es vor dem Hintergrund der verschiedenen Institutsklassen in Deutschland unterschiedlich besetzte Kontrollgremien?

Wolff: Wie gesagt, es kommt auf die Mischung in einem Gremium an. Wichtig ist – unabhängig vom Bankentyp – eine gewisse Heterogenität hinsichtlich der beruflichen Backgrounds, der Kompetenzen, Erfahrungen etc. 

Sollte es vor dem Hintergrund der diskutierten Defizite stärkere oder mehr rechtliche Auflagen geben?

Kramarsch: Im Gegenteil, es sollte weniger geben. Vielmehr sollten existierende Instrumente der Aufsichtsratsarbeit auch ernsthaft umgesetzt werden. Ein Beispiel ist die Evaluierung gemäß §25 d KWG. In vielen Gremien wird sie eher als lästiges Übel wahrgenommen anstatt als Instrument zur Verbesserung der Gremienarbeit. Hier braucht es in der Breite noch einen fundamentalen Sinneswandel.

Wenn Sie die Arbeit eines Kontrollgremiums einer Bank bewerten: auf welche Aspekte schauen Sie?

Wolff: Zwei Perspektiven sind hier von Relevanz: Compliance- und Best Practice-Anforderungen. Zunächst sollte die Gremienarbeit die regulativen Anforderungen, die sich beispielsweise aus dem KWG ergeben, zielorientiert und vollständig erfüllen. Für eine erfolgreiche Gremienarbeit ist dies aber nicht genug, sondern nur eine Voraussetzung. 

Kramarsch: Deshalb schauen wir uns aus einer Best-Practice-Perspektive die Arbeitsweise der Gremien im Detail an. Dabei werden sowohl offensichtlichere Aspekte wie die Arbeit von Ausschüssen aber auch eher qualitativere Aspekte wie die Diskussionskultur innerhalb des Gremiums beleuchtet und bewertet.   

Wie lassen sich Performance und Effizienz eines Verwaltungsrats erheben? 

Wolff: Ein wertvolles Instrument zur Bewertung von Verwaltungsgremien ist die analytische Effizienzprüfung. Auf Basis eines spezifischen Fragebogens, der anonym von den Gremienmitgliedern beantwortet wird, werden die verschiedenen Dimensionen der Gremienarbeit beleuchtet. Auf Basis diverser Auswertungslogiken und unter Nutzung von Vergleichswerten anderer Effizienzprüfungen, sogenannter Benchmark-Normen, können mögliche Handlungsfelder identifiziert werden und somit konkrete Ansatzpunkte zur Verbesserung der Kontrolltätigkeit abgeleitet werden. 

Aber es sollten ja nicht nur Einzelaspekte bewertet werden. Letztlich geht es ja um das Gesamtbild…

Kramarsch: Genau, neben der Prüfung der Einzelaspekte geht es insbesondere darum, mögliche Muster zu identifizieren. Dazu nutzen wir verschiedene Performance Indikatoren wie den Board Collaboration Indicator oder Stakeholder Relation Indicator. Somit können mögliche Fehlentwicklungen der Gremienarbeit frühzeitig identifiziert und entsprechend gegengesteuert werden. 

Herr Kramarsch, Herr Professor Wolff, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Die Interviewpartner: Prof. Dr. Michael Wolff (rechts) ist Inhaber der Professur für Management und Controlling an der Georg-August-Universität Göttingen. Michael H. Kramarsch ist Managing Partner der Unternehmensberatung hkp/// group. Beide Experten sind Gesellschafter des European Centers for Board Efficiency und verfügen über umfassende Erfahrung in der Evaluierung von Kontrollgremien in Industrie und Finanzwesen. 

Bildquelle: ©brat82 / fotolia.com

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Artikel veröffentlicht am:
02.03.2018
Erschienen in Ausgabe:

Autor/in 
Redaktion die bank
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