Nachhaltige Investments
Konsequente Weiterentwicklung der ESG-Integration
 

ESG-Investmentprodukte werden immer vielfältiger. Zugleich stellen Aufsichtsbehörden und Politiker zunehmend klarere Forderungen und legen mehr Wert auf langfristig nachhaltige Finanzmärkte, schreibt Therese Niklasson, Global Head of ESG bei Investec Asset Management in einem Gastkommentar.

Nie zuvor hat die Investmentwelt so viel Wert auf ESG-Kriterien gelegt wie heute. ESG steht für „Environment, Social & Governance“ (Umwelt, Soziales und Governance). In den letzten 20 Jahren gab es große Fortschritte und enormen Wandel. Die heutigen Ansätze unterscheiden sich von den früheren vor allem dadurch, dass man sich nicht mehr auf eine wertegebundene Vorauswahl und ethische Überlegungen beschränkt, sondern verantwortliches Investieren wesentlich weiter fasst.

Ziel ist eine Investmentphilosophie, die auf dem Verständnis der Beziehungen zwischen Gesellschaft, Natur und Wirtschaft beruht und eine nachhaltige Entwicklung anstrebt. Mehr denn je ist uns heute bewusst, dass langfristiges Wirtschaftswachstum sozial inklusiv und ökologisch nachhaltig sein muss.

Immer neue Studien

Diese Themen haben ein enormes Momentum entwickelt. Mehr Investmenthäuser als je zuvor bauen ESG-Teams auf, führen ESG-Systeme ein und entwickeln Lösungen. Analysequalität und -tiefe haben vom wachsenden Investoreninteresse profitiert. 

Es gibt immer neue Studien in diesem Themenfeld. Einige belegen mit überzeugenden Zahlen, wie nützlich ESG-Faktoren in Investmentprozessen sind. Aber auch Aufsichtsbehörden und Politiker werden aktiver. Sie erlassen immer mehr Richtlinien für verantwortliches Investieren – zurzeit sind es weltweit etwa 300 – und es spricht viel dafür, dass es zu einer Harmonisierung der Regeln kommen wird.

Europa als Vorreiter

In vielerlei Hinsicht liegt Europa beim verantwortlichen Investieren an der Spitze, etwa durch die Einführung des Aktionsplans der EU-Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und die Aktualisierung der Richtlinie über die Tätigkeiten und die Beaufsichtigung von Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (IORP II). Durch sie sind ESG-Überlegungen für Pensionsfonds sehr viel wichtiger geworden.

Der Aktionsplan zum nachhaltigen Wachstum ist jedoch besonders interessant, da er konkrete Maßnahmen vorschlägt. Dazu zählen:

  • ein EU-Klassifikationssystem für nachhaltige Aktivitäten
  • Standards und Siegel für grüne Finanzprodukte
  • die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsthemen bei der Finanzberatung
  • die Entwicklung von Nachhaltigkeits-Benchmarks
  • die Forderung Nachhaltigkeitsüberlegungen in Investmentprozesse zu        integrieren sowie
  • zunehmende Transparenz für Investoren.

Für Aktionäre und Unternehmen wiederum gilt die Aktionärsrechtedirektive. Sie soll für langfristiges Aktionärsengagement, mehr Transparenz und einen besseren Dialog zwischen Investoren und Emittenten sorgen. 

All diese aufsichtsrechtlichen Maßnahmen sollen nicht nur Verantwortung und Nachhaltigkeit an den Finanzmärkten verbessern, sondern auch Investitionen fördern, mit denen die Ziele des Pariser Klimaabkommens leichter erreicht werden können.

Um dem Klimawandel beizukommen und die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen, sind hohe Investitionen nötig – nach Einschätzung des UN-Entwicklungsprogramms zwischen 5 und 7 Bio. US-Dollar bis zum Jahr 2030. All dies dient allerdings dazu, höhere Kosten zu einem späteren Zeitpunkt zu vermeiden, die durch die anderenfalls aufkommenden Probleme entstünden. 

So verursachten Unwetter im Jahr 2017 weltweit Kosten in Höhe von 206 Mrd. US-Dollar (Forbes 2018). Die Ausgaben führten in der Folge zu einem intensiveren Dialog und verbesserten ESG-Ansätzen, die mittlerweile Auswirkungen auf Anlageentscheidungen und Asset-Allokation haben. 

Fortschritte bei den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN

2015 verabschiedete die UN die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Das Kernstück dieser Agenda bildet ein ambitionierter Katalog mit 17 konkreten Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG). Viele Länder haben diese SDG bereits übernommen, aber die Fortschritte sind nicht in allen Punkten überzeugend. 

So hieß es 2018 im SDG-Fortschrittsbericht der UN, dass es 2016 weltweit 815 Mio. hungernde Menschen gab, 38 Mio. mehr als im Jahr davor. Außerdem war die Hurrikan-Saison in Nordamerika 2017 so teuer wie nie; die geschätzten wirtschaftlichen Verluste betrugen mehr als 300 Mrd. US-Dollar – und neun von zehn Menschen, die in Städten leben, atmen verschmutzte Luft.

Andererseits haben mehr Menschen als je zuvor ein besseres Leben. Der Anteil der Arbeiter weltweit, die zusammen mit ihren Familien von weniger als 1,90 US-Dollar täglich leben müssen, ist von 26,9 Prozent im Jahr 2000 auf 9,2 Prozent im Jahr 2017 gefallen. Die Sterblichkeit ist weiter zurückgegangen, und in den am wenigsten entwickelten Ländern hat sich der Anteil der Menschen mit Zugang zu Elektrizität von 2000 bis 2016 mehr als verdoppelt. (1. Grafik von links: Anteil der Menschen in extremer Armut, Quelle: Weltbank, Januar 2018)

Die nachhaltigen Entwicklungsziele wurden als Blaupause für Länder entwickelt, die eine nachhaltigere Zukunft für alle anstreben. Unternehmen und Investoren haben diese Ziele gefördert, indem sie sie in ihre eigenen Nachhaltigkeitskonzepte umsetzten. Gemessen werden können beispielsweise die unmittelbaren Auswirkungen des Emerging Africa Infrastructure Fund (EAIF) auf Afrika. Dazu zählen ein besserer Zugang zu kostengünstiger Energie (SDG-Ziel 7), menschenwürdige Arbeit und nachhaltiges Wirtschaftswachstum (SDG 8) sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Fortschritt, Innovationen und Infrastruktur (SDG 9).

Die SDG sind eine wichtige Sammlung von Meilensteinen und ein Rahmen für die umzusetzenden Arbeiten. Sie sind aber nicht unumstritten, zumal sie sich unterschiedlich interpretieren und quantifizieren lassen. 2020 soll das SDG-Projekt zu einem Drittel abgeschlossen sein, sodass 2019 ein wichtiges Jahr wird. Dann kann damit begonnen werden, die Bemühungen in allen Bereichen zusammenzufassen und zu prüfen, ob es ausreichende Fortschritte gegeben hat.

Läuft der Klimawandel aus dem Ruder?

Viele SDG beziehen sich auf den Klimawandel. Der jüngste Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat einmal mehr gezeigt, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, bevor der Klimawandel aus dem Ruder läuft – falls die Emissionen nicht schnell und wirksam begrenzt werden. 

Zahlreiche Investoreninitiativen reagieren bereits auf den Klimawandel. Eine der führenden Initiativen ist die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD), die Governanceverbesserungen, Strategien, Risikomanagement-Methoden, Kennzahlen und Ziele vorschlägt. Wenn es gelingt, dass der Anschub durch die Initiative über 2019 hinaus anhält und die CO2-Problematik eingedämmt wird, können auch die beiden wichtigsten finanziellen Risiken gemanagt werden: das Anlage- und das Transitionsrisiko. Viele Investoren nehmen in diesem Zusammenhang auch intensiv Einfluss auf Unternehmen, deren langfristige Klimastrategien noch Mängel aufweisen. (2. Grafik von links: Projektionen zur Erderwärmung bis zum Jahr 2010, Quellen: Climate Action Tracker Project, 2017, UN-IPCC-Schätzungen, 2016-2035)

Zweifellos werden auch im Jahr 2019 wieder viele detaillierte Berichte und Verpflichtungserklärungen von Unternehmen vorgelegt, die sich auf den Klimawandel vorbereiten und auf diesen reagieren. 

In der Studie „The Importance of Climate Risks for Institutional Investors”, in der viele institutionelle Investoren 2018 zu ihrer Einschätzung zum Klimawandel befragt wurden, gingen die meisten von einer Erderwärmung um weniger als zwei Grad Celsius aus. Aufschlussreich ist, dass die meisten Investoren, die mit einer Erwärmung um mehr als drei Grad rechneten, aus Großbritannien kamen. (3. Grafik von links: Klimaerwartungen institutioneller Investoren, Quelle Studie „The Importance of Climate Risks for Institutional Investors”) Im gleichen Bericht hieß es, dass die meisten Investoren schon bald mit aufsichtsrechtlichen Risiken rechnen, und sich die physischen Risiken ihrer Ansicht nach schon jetzt zeigen, oder dies in weniger als zwei Jahren der Fall sein werde. (4. Grafik von links: Klimaerwartungen institutioneller Investoren, Zeithorizont, Quelle Studie „The Importance of Climate Risks for Institutional Investors”)

ESG in China

Spannend ist der Ausblick auf die Chancen für den ESG-Markt in China. Mit der Aufnahme chinesischer A-Shares in den MSCI Emerging Markets Index dürfte sich das Reporting verbessern. Zudem beginnen die ESG-Ratingagenturen, die chinesischen Aktien zu beobachten.

Noch befindet sich ESG in China am Anfang, aber die Dynamik wächst. 2008 begannen die Unternehmen mit der Nachhaltigkeits-Berichterstattung, die sich aber noch in Grenzen hält. Gerade erst haben die chinesische Börsenaufsicht (China Securities Regulatory Commission) und das Umweltministerium eine Vereinbarung unterzeichnet, die von börsennotierten Unternehmen eine Umweltberichterstattung verlangt. 

Noch gibt es eine Reihe von Problemen, wie etwa die mangelnde Beachtung sozialer Fragen, die zu positive Berichterstattung und die oft fehlende Zusammenarbeit der ESG-Teams mit den operativen Einheiten und dem Management. Zudem gibt es noch viele ökologische Herausforderungen in China – aber auch erste Ergebnisse, beispielsweise durch die strengen Vorschriften zur Luftreinerhaltung in einigen Großstädten.

Ein aktueller Bericht der ACGA (Asian Corporate Governance Association) kommt zu dem Schluss, dass Nichtregierungsorganisationen (NGO) in China zunehmend Druck auf die Unternehmen ausüben, damit sie Nachhaltigkeitsberichte vorlegen und besser über Umweltthemen berichten. Ein chinesisches Umweltforschungsinstitut, das Institute of Public and Environmental Affairs (IPE), hat darauf hingewiesen, dass die meisten Unternehmen, die die Luftreinheitsvorschriften verletzten, Chemieunternehmen oder öffentliche Versorger seien.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
03.01.2019
Quelle(n):
Bild- und Grafikquellen: ©Gina Sanders | fotolia.com
und Investec Asset Management
Autor/in 
Therese Niklasson
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