Kommentar: Trumps erste 100 Amtstage
Jetzt fängt die harte Arbeit erst an

Die ersten 100 Amtstage von Donald Trump mögen die Kapitalrenditen zwar weltweit nach oben getrieben haben, doch dieser überaus unkonventionelle US-Präsident wird nun die Ärmel hochkrempeln und einige seiner versprochenen Steuer- und ordnungspolitischen Reformen realisieren müssen, um die positive Dynamik zu wahren. Die Erholung an den weltweiten Aktienmärkten nach der Wahl Donald Trumps basierte auf den – bisher größtenteils unerfüllten – Erwartungen, dass unter seiner Präsidentschaft eine neue Ära der niedrigen Steuern, Deregulierung der Märkte und Infrastrukturinvestitionen eingeläutet werde. Diese Maßnahmen, so war die Annahme, würden die US-Konjunktur in Schwung bringen und sich auf die gesamte Weltwirtschaft auswirken. Fest steht, dass im Anschluss an Trumps Wahl die Stimmung der US-Anleger umschlug, was zu einem positiveren Marktklima und dem sogenannten „Trump Bump“ beitrug. Doch aus weltwirtschaftlicher Sicht spielte dem 45. US-Präsidenten auch relativ viel Glück in die Hände.

Trump Bump – Trump im Glück
Die Wahl Trumps korrelierte zeitlich exakt mit den ersten positiven Auswirkungen eines neuen Anreizpakets an den globalen Märkten. Dieses wurde bereits Anfang 2016 von den chinesischen Behörden geschnürt, um eine von Antikorruptionsmaßnahmen gebremste Wirtschaft in Schwung zu bringen. Diese Anreizmaßnahmen trugen dazu bei, das Wachstum sowohl in China als auch weltweit zu stützen. Darüber hinaus wurden somit die Ängste zerschlagen, dass ein Abschwung in der Volksrepublik das weltweite BIP-Wachstum verlangsamen könnte. Gleichzeitig gaben diese Maßnahmen Trump einen willkommenen Rückenwind.

Auch die leichte Erholung der Ölpreise gab der US-Konjunktur just zu dem Zeitpunkt Aufwind, als Trump das Oval Office bezog. Nachdem sich der Ölpreis während der ersten Monate des Jahres 2016 kontinuierlich um die 30 US-$ je Barrel bewegt hatte, hat sich der Preis nun stabil auf etwa 50 US-$ je Barrel eingependelt. Bei diesem Preis wird das Betreiben von Bohrinseln für eine größere Anzahl an US-Ölschieferproduzenten rentabel, was sich in einer Erholung der Industrieproduktion zeigte. Somit profitierte Trump in den ersten Tagen seiner Amtszeit gleich von zwei Seiten von vorteilhaften Rückenwinden.

Abgesehen davon wurde bei Trumps Besuchen in Florida und Texas in jüngster Vergangenheit offensichtlich, dass der Präsident und seine Politik auf wahre Anhänger in der Geschäftswelt zählen können. Diese Unterstützung resultierte in mehr Zuversicht unter kleinen Unternehmen(1) und einem besseren Konsumklima(2). Der Rückgang der Arbeitslosenquote im Monat vor seiner Wahl von 4,8 Prozent im Oktober auf 4,5 Prozent im März scheint für eine stabile Situation bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze und den Einstellungen zu sprechen. Trump hat sich außerdem – wie würde man es von einem Geschäftsmann auch anders erwarten – um die Gunst der nationalen Großkonzerne bemüht und einen Business Advisory Council, also ein Beratergremium, eingerichtet. Dieses Gremium bietet siebzehn Topmanagern von Unternehmen wie Pepsico, JP Morgan und Boeing eine Plattform, über die sie politische Maßnahmen beeinflussen und unternehmensfreundlich mitgestalten können. Die Gewissheit, dass der Präsident stets ein offenes Ohr für die Anliegen dieser US-Industriegiganten hat und die Konzerne ihm beratend zur Seite stehen, stärkt das Vertrauen – der Präsident scheint ihre Anliegen ernst zu nehmen.

Trump Slump
Doch der „Trump Bump“ scheint nun erste Anzeichen von Schwäche zu zeigen. Dies liegt daran, dass die drei Säulen, die den Aufschwung am Aktienmarkt trugen, immer weiter bröckeln. Zudem hinterfragt manch einer die Lücke zwischen den Erwartungen und der Fähigkeit des neuen Präsidenten, seine Versprechungen zu verwirklichen. Seit das Scheitern seiner neuen Gesundheitsreform Zweifel weckte, ob Trump fähig ist, andere Maßnahmen durchzusetzen, wird nun auch vom „Trump Slump“ gemunkelt. Bei einer separaten Betrachtung der einzelnen Säulen Steuerreform, Investitionen in die Infrastruktur sowie Deregulierung sind wir der Auffassung, dass der Pessimismus hinsichtlich einer Verwirklichung von Trumps Versprechungen vielleicht etwas überzogen ist. Wir gehen davon aus, dass Trump seine Steuerreform in geringem Maße umsetzen wird. Im Bereich Deregulierung kann er wesentliche Änderungen erzielen, doch im Hinblick auf die Infrastruktur wird er jedoch enttäuschend abschneiden.

Steuerreform: Da die Unternehmenssteuer in den USA mit 35 Prozent relativ hoch ist, entscheiden sich zahlreiche US-Unternehmen dagegen, ihre Gewinne aus ihrem Überseegeschäft zurückzuführen. Schätzungen zufolge halten die 500 größten US-Unternehmen Barmittel in Höhe von 2,1 bis 2,5 Billionen in Übersee, um eine Regelung zu umgehen, die sie als Strafsteuer ansehen. Die Vorteile einer Rückführung dieser Barmittel aus Übersee werden parteiübergreifend anerkannt, was den Weg für eine entsprechende gesetzliche Regelung möglicherweise ebnen wird. Eine Steuererleichterung für rückgeführte Gewinne, in deren Rahmen die Unternehmen ihre Gewinne aus Übersee innerhalb eines bestimmten Zeitfensters lediglich zu einem vorgeschlagenen Steuersatz von 10 Prozent versteuern müssten, könnte bedeuten, dass hohe Beträge in die USA zurückfließen. Dort können sie investiert oder für Fusionen und Übernahmen verwendet werden. Unserer Auffassung nach sollte die Umsetzung dieser Reform möglich sein, da für eine entsprechende Änderung der Gesetzgebung keine einschneidenden Budgetkürzungen an anderen Stellen nötig sind. Nach Trumps Motto „America First“ wäre die Regelung somit für alle Beteiligten vorteilhaft.

Andere Steuerreformen, darunter die Senkung der Unternehmenssteuer auf 15 Prozent, sind vermutlich weit schwieriger umsetzbar. Solche Steuersenkungen müssten durch problematische Budgetkürzungen an anderen Stellen aufgefangen werden. Doch wird sich die Unterstützung für solche Reformen angesichts des Schuldenhaushalts in Höhe von bereits 19 Billionen voraussichtlich im Rahmen halten. Denn es existiert eine einflussreiche parteiübergreifende Bewegung, um die bereits hohe Verschuldung der USA einzuschränken, anstatt sie zu vertiefen. Investitionen in die Infrastruktur: In diesem Hinblick ist Trumps größter Widersacher die Zeit. Es dauert mindestens fünf Jahre, um große Infrastrukturprojekte wie neue Schnellstraßen, Transportsysteme, Brücken und Flughäfen in Gang zu setzen. Auf diesem Gebiet mag Trump zwar Ankündigungen machen, doch positive Auswirkungen auf die US-Wirtschaft nehmen wahrscheinlich erst lange nach Trumps erster (und möglicherweise letzter) Amtszeit Form an.

Deregulierung: Was den Abbau der Bürokratie betrifft, wurden zahlreiche Vorschriften und unternehmerische Regelungen von Regulierungsbehörden eingeführt, deren wichtigste Führungsmitglieder direkt von Trump ernannt werden können. Vorbehaltlich ist lediglich festzustellen, dass Trumps Regierung bei der Ernennung dieser leitenden Positionen bisher weniger Eile an den Tag legte als die meisten Vorgängerregierungen. Auf Ebene der Gesetzgebung konnte Trump während seiner ersten 100 Amtstage einige geringfügige Erfolge verzeichnen. So gelang es ihm etwa, ein Gesetz über den Datenschutz im Internet durchzusetzen. Diese Regelung erlaubt es einigen Unternehmen, Informationen über die Internetgewohnheiten der Verbraucher an andere Firmen weiterzuverkaufen, die diese Daten dann zur Vermarktung ihrer Güter und Dienstleistungen an die Verbraucher nutzen können. Im Gegensatz zur gescheiterten Verabschiedung der Gesundheitsreform wird Trump voraussichtlich feststellen, dass ein mehrheitlich republikanischer Kongress einer weiteren Lockerung der behördlichen Auflagen für US-Unternehmen, insbesondere im Finanzbereich, positiv gegenübersteht.

Alle Mann an die Arbeit
Während seiner ersten 100 Amtstage konnte Trump einige kleine Erfolge verbuchen, doch um die Erwartungen zu erfüllen, bleibt noch viel zu tun. Während er bei Amtsantritt noch von einigen günstigen Umständen profitieren konnte – das chinesische Anreizpaket, höhere Ölpreise – sieht er sich nun der US-Notenbank gegenüber. Die Fed äußerte sich besorgt aufgrund des zunehmend angespannten Arbeitsmarktes und steigender Vermögenspreise in den USA. Sie scheint deswegen fest entschlossen, ihre Politik zugunsten eines neutralen Zinssatzes im Jahr 2017 beizubehalten. Höhere Zinssätze bedeuten, dass der US-Durchschnittsverbraucher einen höheren Anteil seines Einkommens für die Tilgung von Schulden aufwenden muss und ihm somit weniger Geld für Konsum übrig bleibt. Als global agierender Aktienmanager wäre ein Rückgang der US-Konjunktur für mich kein gutes Signal. Dies würde nämlich beinahe unvermeidlich zum Einbruch der US-Nachfrage nach globalen Gütern und Dienstleistungen führen.

Der politische Kalender könnte sich als weitere Hürde herausstellen. Womöglich bleiben Trump nur 18 Monate Zeit, um wichtige Steuer- und ordnungspolitischen Reformen umzusetzen, bevor bei den im November 2018 anstehenden Zwischenwahlen ein neuer Kongress gewählt wird. Dieser könnte der politischen Agenda des Präsidenten möglicherweise weniger geneigt sein. Obwohl solch ein enger Zeitkorridor einschüchternd wirken mag, hat Trump es bisher verstanden, sich schnell an neue Situationen anzupassen. Trumps erste 100 Amtstage mögen kein voller Erfolg gewesen sein. Sie haben aber gezeigt, dass sein unkonventioneller Stil nicht automatisch bedeutet, keine Politik durchzusetzen. Sein flexibler Umgang mit schwierigen Rahmenbedingungen könnte sich letztlich als Vorteil erweisen.

Kurzum …
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Trump Erwartungen und Vertrauen in ungewöhnlich hohem Maße wecken konnte und sich dies tatsächlich auf die Anstellungs- und Investitionsabsichten von Unternehmen auswirkte. Einige Deregulierungsmaßnahmen wurden beispielsweise schon verabschiedet. Trump sollte sich jetzt darauf konzentrieren, den politischen Apparat in Washington effektiver aufzustellen, um wenigstens einen Teil seiner Pläne für eine Steuerreform zu verwirklichen. Der Großteil der US-Firmen reagierte auf ein potentielles neues Steuerkonzept eher abwartend. Sollten die Hoffnungen der Unternehmen diesbezüglich enttäuscht werden, wäre dies für die spätzyklische US-Wirtschaft sicher nicht hilfreich. Sollte Trump erfolgreich sein und sich auf Innen- statt Geopolitik konzentrieren, könnte er den Wirtschaftskreislauf allerdings ggf. verlängern.

Wie nach jeder Wahl und der darauffolgenden Amtseinführung eines neuen Präsidenten wurden auch dieses Mal die euphorischen Anleger auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In den Vermögenspreisen und insbesondere den Renditen auf US-Staatsanleihen spiegelt sich mittlerweile eine äußerst skeptische Haltung wider – vor allem gegenüber der Steuerreform. Hinzu kommen Ängste bezüglich der wirtschaftlichen Auswirkungen einer kontinuierlichen Leitzinserhöhung der Fed. Für Trump fängt die harte Arbeit nun erst richtig an und er muss seine nächsten Schritte sorgfältig planen. Als guter Anfang könnte es sich erweisen, in Übersee eingefrorenes Kapital zurückzuführen. Er sollte dies als Einzelmaßnahme getrennt von den weiteren Steuerreformen vorantreiben, um hier Fortschritte zu erzielen. Aktuell herrscht Einigkeit, dass dies nicht so einfach sein wird. Einer der ersten Schlüsse, die aus den ersten 100 Tagen der Trump-Regierung eindeutig gezogen werden können, ist die Tatsache, dass das berühmte, in der US-Verfassung verankerte System der Checks & Balances funktioniert. Trump muss von nun an die politischen Hebel effektiver betätigen, um seine Ziele in einem gespaltenen politischen Umfeld zu verwirklichen.

 

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
28.04.2017
Quelle(n):
Bildquelle: 36clicks / iStockphoto
Autor/in 
Stephen Mitchell
Head of Strategy, Global Equities bei Jupiter Asset Management
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