Künstliche Intelligenz in der Finanzbranche
„Institute müssen unglaublich Gas geben“
 

Künstliche Intelligenz ist mehr als nur ein Trend und längst über das „Hype“-Stadium hinausgewachsen. Sie dringt zunehmend in den realen Alltag ein, sie lässt sich immer einfacher einsetzen und wird kostengünstiger. Natürlich setzt auch die Finanzindustrie auf Künstliche Intelligenz und ihre disruptive Kraft. „die bank“ sprach mit dem Deutschland-Chef von GFT, Karl-Heinz Kern, über denkbare und bereits realisierte Verwendungsmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz (KI).

die bank: Herr Kern, welche sinnvollen Use-Cases gibt es bereits aktuell für den Einsatz von KI in der Finanzwirtschaft? Können Sie ein paar Beispiele nennen, wo diese von Banken oder FinTechs bereits in die Praxis umgesetzt wurden? 

Karl-Heinz Kern: KI im Bankenumfeld sehen wir nicht mehr als Trend oder Hype an, sondern viel mehr als im Entstehen befindliche Wirklichkeit. Institute, die sich noch nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigen, müssen unglaublich Gas geben, um die gestiegenen Kundenbedürfnisse erfüllen zu können und sich gegen Wettbewerber weiterhin zu behaupten.

Viele Global Player setzen bereits künstliche Intelligenzen in ihren Unternehmen ein, um Prozesse zu optimieren, Arbeitskräfte zu entlasten und um näher am Kunden zu sein – so zum Beispiel im Bereich der Kundenberatung oder Kreditentscheidung, wie Robo Advisory, also eine KI-unterstützte Anlagenberatung. Denkbar ist hier auch die Zusammenstellung komplexer Darlehensgeschäfte oder der Aufbau umfassender Finanzlösungen für Privatkunden und kleinere Unternehmenskunden. 

Im Bereich Customer Experience bietet sich Kunden außerdem eine individuellere Interaktion an, in Verbindung mit Elementen von Enhanced bzw. Virtual Reality, etwa durch die Bereitstellung von Chatbots und virtuellen Assistenten, sogenannten Virtual Customer Assistants. Das ermöglicht es den Banken, stärker individuelle Angebote für Kunden auf der Basis von Auswertungen der Verhaltensparameter und Kundenprofile anzubieten Darüber hinaus eröffnet KI die Chance, sich schlankere sowie einfachere Prozesse zunutze zu machen, die dem Kunden wiederum ein alltagsbegleitendes und deutlich stärker kontextbezogenes Banking bieten. 

In naher Zukunft wird die Nutzung von KI im Bankensektor aber noch viel weitergehen: Wir sehen hier Lösungen, die für einen deutlich breiteren Anwendungsbereich entwickelt werden, wie zum Beispiel echtes „Cognitive Banking“ – also selbstlernende, alle Umweltfaktoren berücksichtigende und humansprachliche Plattformen, die in Echtzeit optimale Angebots- bzw. Produkt-Szenarien für Kunden und Banken entwickeln. 

die bank: Welche Treiber stehen hinter dem zunehmenden Einsatz von KI? Was sind die Vorteile, was verspricht sich die Finanzwirtschaft davon?

Karl-Heinz Kern: Als Trendsetter hinter dem KI-Boom fallen immer wieder die großen Namen aus dem Silicon Valley, wie Google, Facebook, Amazon oder IBM. Aber es gibt auch noch einige Unternehmen aus Asien und Europa, die Forschung und Einsatz nachhaltig voranbringen. Vor allem Teile des asiatischen Markts scheinen dem Einsatz von KI gegenüber deutlich offener – oder auch unkritischer – gegenüber zu stehen. Nutznießer dieser Bewegung sind Unternehmen, die ihre Prozesse durch Digitalisierung voranbringen wollen oder müssen. Ich denke hier vor allem an etablierte, traditionelle Banken und Versicherungen. Sie sind darauf angewiesen, ihre Prozesse durch Big Data und KI vorhersagbarer und intelligenter zu gestalten, damit sie nicht von der „New Economy“ abgehängt werden. So rät auch das Analysten-Haus Forrester IT-Entscheidern, sich frühzeitig mit den Einsatzmöglichkeiten von KI auseinanderzusetzen, damit sie gegenüber Konkurrenten nicht zurückzufallen.

Ein zentraler, wenn nicht sogar der wesentliche Treiber von KI sind Kosteneinsparungen. Die Vorteile für solche Unternehmen sind vielfältig und treten nach der Implementierung sehr schnell in Kraft. Darüber hinaus lassen sich KI-gestützte Analysefertigkeiten, wie zum Beispiel kundenorientierte Prozesse, hervorragend optimieren; so etwa für Churn-Analysen (Kundenabwanderung), individuelle Absatzprognosen oder personalisierte Preise.

Ein weiteres Beispiel ist die KI-gestützte Betrugserkennung bei Schadensmeldungen im Versicherungswesen. Hierdurch können Betrugsversuche aufgedeckt werden, die mit herkömmlichen regelbasierten Verfahren nicht erkannt werden. Versicherer und letztlich auch die Versicherten profitieren von den Kosteneinsparungen.

Weiterhin lassen sich durch Robotic Process Automation (RPA) sogenannte administrative Tätigkeiten drastisch reduzieren. Diese werden mittels RPA „maschinell“ automatisiert, ohne dabei auf die Hilfe eines menschlichen Kollegen angewiesen zu sein. Anwendungsbeispiele hierfür wären die Zusammenführung von strukturierten und unstrukturierten Daten, die Identifikation von fehlenden Informationen und Dokumenten in Zahlungsprozessen sowie das eigenständige Dirigieren von kompletten Zahlungsvorgängen.

die bank: Welche Hürden gibt es für Finanzinstitute, KI in größerem Umfang bereits jetzt einzusetzen und wo liegen die größten Risiken?

Karl-Heinz Kern: Risiken für Finanzinstitute sehe ich in administrativen und vertrieblich orientierten Einsatzszenarien nur sehr wenige. Im Grunde gibt es sogar eine Win-Win-Situation. Viele Tätigkeiten können relativ einfach automatisiert werden, wie beispielsweise das Verwalten der IT-Infrastruktur, Call-Center-Services oder Backoffice-Prozesse. So können sich menschliche Kollegen wieder strategischen und weiterführenden Maßnahmen widmen. Dadurch erhält die „Komponente“ Mensch wieder eine ganz neue Bedeutung, wobei manche administrativen Aufgaben und der damit verbundene Arbeitsplatz sicherlich auch entfallen werden. Beim Einsatz von KI in anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem automatisierten Handel sind die möglichen Risiken sicherlich gesondert zu bewerten.

Bezüglich Einstiegshürden: Hier ist vor allem die korrekte Vorbereitung zentral, also das Erfassen des Ist-Zustands, der relevanten Daten und das Herausarbeiten eines realistischen Umsetzungsplans. Ein Blick von außen kann oft sehr hilfreich sein, um zu erkennen, welche Prozesse von einer KI übernommen werde können und sollten – und welche nicht. Außerdem sehen viele Banken eine Herausforderung darin, ihre bestehende Legacy-Systeme zu integrieren bzw. den gestiegenen Sicherheitsbedürfnissen gerecht zu werden. 

die bank: Wie steht die deutsche Finanzwirtschaft im internationalen Vergleich in Sachen KI da?

Karl-Heinz Kern: Unsere Stellung ist noch ausbaufähig. Eine Banking-Umfrage der GFT aus dem letzten Jahr hat gezeigt, dass Finanzinstitute in Ländern wie Brasilien dem KI-Einsatz außergewöhnliche Wichtigkeit bescheinigen – während deutsche und Schweizer Institute noch sehr zurückhaltend sind. Aber wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels. Einzelne Banken warten nicht, sondern treiben die Digitalisierung ihres Geschäfts mit Innovation Labs in Berlin, London und im Silicon Valley voran. Im Hintergrund läuft dabei parallel die mühevolle Renovierung und Öffnung der bestehenden Systeme – weniger glamourös, aber genauso wichtig. Zusätzlich sehen wir verstärkt den Trend, dass viele traditionsreiche Großunternehmen mit FinTech-Unternehmen zusammenarbeiten, um selbst disruptive Banking-Lösungen auf den Markt zu bringen und folglich signifikant in KI-basiertes Banking investieren.

die bank: Herr Kern, vielen Dank für das Gespräch.  

Bildquelle: ©brat82 / fotolia.com

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Artikel veröffentlicht am:
18.07.2018
Erschienen in Ausgabe:

Autor/in 
Redaktion die bank
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