Forderungshandel
In den NPL-Markt kommt Bewegung

Auf dem Markt der Servicer und Inkassounternehmen finden momentan Konsolidierungs- und Übernahmeprozesse statt, da das organische Wachstum der Unternehmen an seine Grenzen stößt. Anfang letzten Jahres konnte man den Verkauf der GFKL-Gruppe des PE-Investors Advent an Permira beobachten. Wenige Monate später folgte der Zusammenschluss von GFKL und Lowell aus Großbritannien. Im Februar dieses Jahres übernahm die Tesch Unternehmensgruppe die Mediafinanz AG. Ebenfalls im Februar verkaufte die GFKL Lowell-Gruppe Proceed Portfolio Services an Loancos. Im April zeichnete der britische PE-Investor ESO Capital die Mehrheit an Loancos (vormals Immofori und Servicing Advisors). Im selben Monat kündigte die neue Gruppe GFKL Lowell die Übernahme von IS-Inkasso aus Österreich an. Der Markt ist erkennbar in Bewegung.

Die EZB pumpt mit ihrer Zinspolitik enorm viel Liquidität in den Markt, die auch die PE-Investoren und Inkassounternehmen erreicht. Auf der anderen Seite müssen viele EU-Banken ihre problembehafteten Kreditportfolien weiter reduzieren. Zwar sieht die europäische Bankaufsicht EBA Europas Institute inzwischen besser mit Kapital ausgestattet, die notleidenden Kredite (NPL) bieten aber weiter Anlass zur Sorge, wie die EBA nach einer EU-weiten Untersuchung bei 105 Banken in 21 Ländern schreibt. Das NPL-Ausmaß, rund 5,6 Prozent der Gesamtdarlehen, könnte weiteres Kreditwachstum sowie die Profitabilität behindern. Insgesamt müssen die europäischen Banken einen Berg fauler Kredite in Höhe von 1 Bio. € verkraften. Die stärkere Nutzung externer Serviceanbieter ermöglicht es Banken, die Wertschöpfung ihrer Portfolios zu steigern – insbesondere in ausfallgefährdeten Märkten.

Wer allerdings bei einem Verkauf eines Forderungsportfolios nur mit einem einzigen Dienstleister verhandelt, läuft Gefahr, einen zu geringen Erlös zu erhalten. „Auf dem Kapitalmarkt sind momentan viele Finanzmittel für alternative Investments wie offene Forderungen vorhanden. Es ist viel mehr Geld verfügbar, als die möglichen Investitionsobjekte hergeben“, meint Timur Peters, Gründer und Geschäftsführer der Forderungsplattform Debitos. Wer jetzt verkaufe, habe die Möglichkeit, für seine Non-Performing Loans einen sehr hohen Preis zu erhalten. Peters sieht in seiner Handelsbörse zum Forderungsverkauf ein gutes Instrument für potenzielle Verkäufer, um mit mehreren Investoren zu verhandeln. Derzeit seien rund 390 Investoren angemeldet, die auf die zum Verkauf stehenden NPLs bieten – der Käufer mit dem höchsten Angebot erhält den Zuschlag. Bisher wurden über den Online-Marktplatz offene Forderungen mit einem Nominalwert von mehr als 1,4 Mrd. € verkauft.

Gemessen am Gesamtvolumen der gehandelten NPL-Forderungen spielt Debitos allerdings noch nicht im Konzert der ganz Großen mit. Laut einer Untersuchung von Intrum Justitia und Oliver Wyman wird das gesamte NPL-Volumen für Kredite an Privatpersonen und kleine und mittlere Unternehmen allein in Deutschland bis Ende des Jahres 2016 auf 53 Mrd. € anwachsen. Die größten Früchte für die globalen Servicer hängen derzeit allerdings in Italien. Gemäß der Berechnungen von Scope Ratings wächst dort der NPL-Markt jährlich um 16 Prozent und steht mittlerweile bei 187 Mrd. €. Die Banken- und Staatsschuldenkrise hat die Kreditmärkte europaweit schwer getroffen. „Ein wichtiges Thema sind deshalb notleidende Kredite, vor allem in den südeuropäischen Märkten“, sagt Dr. Udo Bröskamp, Partner bei Oliver Wyman in Frankfurt. Deutschland gehört, was die makroökonomische Risikokategorie betrifft, eher zu den volatilen Märkten. Der Wettbewerb um gute Bonitäten dürfte hier tendenziell weiter zunehmen. Maßgeblicher Treiber dieses Anstiegs sind die Hypothekenfinanzierungen, deren Anteil von 56 Prozent im Jahr 2013 auf rund 73 Prozent Ende 2016 anwachsen könnte. Die Niedrigzinsphase hat viele Verbraucher in Hypothekenkredite gelockt, die sie bei steigenden Zinsen in Schwierigkeiten bringen könnten. Jüngst hat die Publity AG in Deutschland einen Servicing-Auftrag für ein NPL-Portfolio mit einem Volumen von 1,1 Mrd. € erhalten, das aus mehr als 1.100 Immobilienkrediten  deutscher Großbanken mit einer durchschnittlichen Forderungshöhe von knapp 1 Mio. € besteht. Der auf Büroimmobilien in Deutschland spezialisierte Asset Manager hat zudem mehrere eigene Fonds für Investments in NPLs aufgelegt. Dieser Bereich soll weiter gestärkt werden.

Die Eigenschaften, die einen Kreditgeber erfolgreich machen, sind vom jeweiligen Markt abhängig, in dem er agiert. „Gerade in den ausfallgefährdeten Märkten werden die Kreditgeber zu den Gewinnern zählen, die erfolgreich Mehrwert aus ihren notleidenden Portfolios ziehen“, meint NPL-Experte Bröskamp. In allen Märkten wird es wichtig sein, dass Kreditgeber schnell neue Regulierungen implementieren sowie die Produktstruktur, das Risikodatenmanagement und die Kundenkommunikation anpassen können, um ihre Rentabilität zu gewährleisten. Dass notleidende Kredite gehandelt werden, ist keineswegs ein neues Phänomen. Schon vor fast 15 Jahren hat ein entsprechender Markt herausgebildet. „Zwar hatte die globale Finanz- und Wirtschaftskrise den Durst nach Krediten in Schieflage vorübergehend gestillt“, weiß Daniel Mair, Partner und Bankenexperte bei EY. Spätestens seit 2011 sei das Interesse der Investoren in Deutschland aber wieder spürbar gewachsen. Oft blieb das reale Transaktionsgeschehen noch hinter den Erwartungen zurück, da unterschiedliche Kaufpreisvorstellungen die Transaktionen scheitern ließen. Nun scheint der Markt aber stark gereift.

 

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Artikel veröffentlicht am:
18.05.2016
Quelle(n):
Bild: Fotolia
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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