Von Dr. Ricardo Adrogué
Gute Aussichten für Schwellenländeranleihen

Während die Notenbanker in den USA den größten Teil des Jahres 2018 damit verbrachten, die Zinssätze in die Höhe zu schrauben und ihre Kollegen in Europa begannen, die Lockerungsmaßnahmen zu reduzieren, zeigt sich 2019 ein ganz anderes Bild. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) haben den Pausenknopf gedrückt – und verhalten sich nun wesentlich vorsichtiger. China, ohnehin eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften, hat ebenfalls Maßnahmen ergriffen, um die monetären Bedingungen zu lockern und das Wachstum voranzutreiben.

Dies sollte eigentlich eine gute Nachricht für Anleger in Schwellenländeranleihen
sein, oder nicht? Die Antwort lautet: Ja und nein. Vor einem Jahr beschäftigten wir uns mit der Frage, ob die monetären Bedingungen wirklich so entspannt waren, wie die Anleger dachten, und wiesen darauf hin, dass sich zwar die Zentralbanken durchaus im Lockerungsmodus befanden, bei den Geschäftsbanken jedoch genau das Gegenteil der Fall war: Sie hatten strengere Kreditstandards eingeführt und tatsächlich liquide Mittel aus dem System abgezogen.

Als sich daher die Anleger Sorgen zu machen begannen, dass die Beseitigung der geldpolitischen Bowle in den kommenden Jahren einen erheblichen Gegenwind für die Anleihen der Schwellenländer darstellen würde, stellten wir zum einen die Hypothese auf, dass die geldpolitischen Bedingungen tatsächlich zu keinem Zeitpunkt so entspannt waren, wie die meisten angenommen hatten. Zum anderen gingen wir davon aus, dass die Geschäftsbanken wahrscheinlich nach den zehn Jahren, in denen sie ihre in der Finanzkrise geschlagenen Wunden geleckt hatten, ihre Vitalität wiederentdecken.

Geschäftsbanken verhielten sich weniger aggressiv

Tatsächlich ist in gewisser Hinsicht genau das Gegenteil eingetreten. Als die Zentralbanken dieses Jahr wieder in den Lockerungsmodus zurückfielen, verhielten sich die Geschäftsbanken wesentlich weniger aggressiv als erwartet. Tatsächlich stiegen die globalen grenzüberschreitenden Bankforderungen weltweit im dritten Quartal 2018 kaum an. Das Wachstum dieser Forderungen erreichte Ende 2017 einen Stand von zehn Prozent, sank jedoch abrupt im Laufe des Jahres 2018. Ironischerweise hat dies praktisch zu den gleichen Liquiditätsbedingungen geführt, die wir vor einem Jahr prognostiziert hatten.

Die sich allmählich ausbreitenden Auswirkungen dieser Geldpolitik sind überall in den Schwellenländern spürbar. Doch was bedeutet das für die dortigen Märkte? Generell haben sich die Schwellenländer in Zeiten höheren globalen Wachstums und niedrigerer Zinsen gut entwickelt. Da der Internationale Währungsfonds (IWF) für die nächsten zwei Jahre ein positives Wirtschaftswachstum in der Welt prognostiziert – für das Jahr 2019 zwei Prozent in den Industrieländern und 4,5 Prozent in den Schwellenländern – scheint es, als würde das wirtschaftliche Umfeld der Märkte in den Schwellenländern die Hausse unterstützen.

Nicht alle EM-Assets sind gleich

Doch trotz des positiven Umfelds gibt es Bereiche in Schwellenländern, die weiterhin Anlass zu Besorgnis geben. So erscheinen derzeit zum Beispiel auf lokale Währungen lautende Anlagen im Vergleich zu den auf Hartwährungen lautenden Unternehmens- und Staatsanleihen nur mäßig attraktiv. Das liegt zum Teil daran, dass die aufstrebenden Märkte oder zumindest ihre Zentralbanker Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden sind. In den letzten zehn Jahren haben die Entscheidungsträger aus den Schwellenländern immer mehr gelernt, ihre lokalen Währungen als Stoßdämpfer zu verwenden, indem sie sie absichtlich schwächten oder ihnen zumindest auf dem offenen Markt keine Unterstützung zukommen ließen.

Darüber hinaus haben sich die Inflationsraten in den Schwellenmärkten allmählich von der Währungsabwertung losgelöst und sind in Märkten wie Indonesien, Malaysia und Chile niedrig geblieben. Ohne diese Korrelation und ohne rasante Inflation besteht für die Zentralbanken weniger Bedarf, die lokalen Währungen zu stützen. Dies führt dazu, dass die Exporte des Landes auf dem Weltmarkt zu attraktiveren Preisen angeboten werden können und somit das Wirtschaftswachstum stärken. Es bedeutet aber auch, dass Investoren in Lokalwährungsanleihen sich nicht den Rückenwind einer möglichen Währungsaufwertung zunutze machen können.

Anleger sollten auf Laufzeitrisiko achten

Umgekehrt halten wir Hartwährungsanleihen im aktuellen Umfeld für attraktiv, da sie von den niedrigeren Zinserwartungen und einem nach wie vor starken Wirtschaftswachstum profitieren, jedoch ein geringeres Währungsrisiko mit sich bringen. Allerdings müssen Anleger auch bei harten Devisenanleihen selektiv vorgehen und vor allem auf das Laufzeitrisiko achten. Während sich die Marktstimmung in diesem Jahr hinsichtlich der Zinserwartungen deutlich verschlechtert hat, glauben wir, dass ein Wendepunkt möglicherweise bevorsteht. Wenn die Anleger beginnen, ihren Berechnungen auch nur geringfügig höhere Zinssätze zugrunde zu legen, könnten Anlagen mit einer kürzeren Laufzeit 2019 tatsächlich die attraktivste Möglichkeit in den Schwellenländern darstellen.

Zusammenfassend kann daher gesagt werden, dass es angesichts der derzeitigen Situation für die Märkte in den Schwellenländern, die sich seit 2018 deutlich verbessert hat, viel Grund zu Optimismus gibt. Allerdings bleiben eine sorgfältige Auswahl der Wertpapiere, ein aktives Management und die Risikominderung von größter Bedeutung.

Ein Marktkommentar von Dr. Ricardo Adrogué, Leiter des Emerging Markets Debt Teams der Barings Bank.

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
27.03.2019
Autor/in 
Ricardo Adrogué


Leiter des Emerging Markets Debt Teams der Barings Bank.
Weitere Artikel 
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 08/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv