die bank. das netzwerk
Geschäftsmodelle unter Druck

Die Vielzahl von Regulierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre hat die Kreditwirtschaft in Summe stabiler gemacht. Die Banken haben ihr Eigenkapital gestärkt, den Verschuldungsgrad gesenkt sowie die Widerstandsfähigkeit erhöht. Im Rahmen einer Veranstaltung von „die bank. das netzwerk“ bei der WGZ Bank AG in Düsseldorf waren sich Bankenvertreter aus allen kreditwirtschaftlichen Sektoren über dieses Ergebnis einig. Gemäß aktueller Erhebungen der Deutschen Bundesbank ist die Kernkapitalquote des gesamten deutschen Bankensystems von Juni 2014 bis Juni 2015 um 0,6 Prozentpunkte gestiegen und liegt mittlerweile bei 15,6 Prozent. Um bankaufsichtlichen Vorgaben zur Verschuldungsquote zu erfüllen, müssten acht der großen deutschen Banken inzwischen zusammen weniger als 1 Mrd. € zusätzlichen Kernkapitals aufnehmen. Ende 2013 waren es noch rund 18,5 Mrd. €. Dennoch mahnen viele Marktteilnehmer, es mit der Regulierung nicht zu übertreiben.

Vor allem kleinere Institute gehen schon jetzt ob der Vielzahl regulatorischer Anforderungen in die Knie. Nicht nur im genossenschaftlichen Lager werden einzelne Ortsbanken mit der Regulierungsintensität kaum mehr fertig, sodass ein Zusammenschluss kleinerer Institute nicht selten als einziger Ausweg gesehen wird, weiß Dr. Roland Gödde (Foto) von der WGZ Bank. Zumindest indirekt befördern bankaufsichtliche Aktivitäten somit einen Konsolidierungsprozess innerhalb des Kreditwesens. Und mehr noch: Hinsichtlich der Abarbeitung der Regularien ist die Branche noch lange nicht am Ende. Unter Berücksichtigung der Arbeitsprogramme der europäischen Finanzaufsichtsbehörden (EBA, ESMA und EIOPA), der Europäischen Zentralbank als auch der nationalen Regulierungsbehörden ist davon auszugehen, dass die Flut regulatorischer  Neuerungen auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Aktuellen Prognosen zufolge ist bis zum Jahr 2020 jährlich mit bis zu 1.000 neuen Normen zu rechnen. „Die Institute haben kaum Zeit, um die regulatorischen Umsetzungen zu Ende zu bringen“, sagt Bankberater Dr. Andreas Bohn von der Boston Consulting Group. Parallel stehen die klassischen Geschäftsmodelle massiv auf dem Prüfstand.

Durch den aufsichtlichen Überprüfungsprozesses (SREP) wächst der Druck, bestehende Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Zwar ist noch keineswegs sicher, ob die SREP-Geschäftsmodellanalyse grundsätzlich zu mehr Eigenkapitalzuschlägen führen wird, der Aufbau von mehr bilanziellem Eigenkapital dürfte aber mit Sicherheit im Interesse der Regulatoren liegen. „Ein tragfähiges Geschäftsmodell muss die Rendite der Bank sichern“, meint Carsten Kollath von der National-Bank AG. Vor dem Hintergrund eines andauernden Niedrigzinsumfelds wird das Erwirtschaften auskömmlicher Margen allerdings zunehmend schwieriger. Die Verringerung der Abhängigkeit vom Zinsgeschäft sowie die Reduzierung der Kosten scheinen derzeit die einzigen Stellschrauben.

Ein dauerhaftes Niedrigzinsniveau birgt jedoch auch ein systemisches Risiko. „Je länger niedrige Zinsen andauern, umso mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen“, sagt Prof. Dr. Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank. Wenn Risikoprämien auf ein außergewöhnlich niedriges Niveau sänken, könnten sich Risiken für die Finanzstabilität aufbauen. Nach Ansicht von Prof. Dr. Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance and Management, können die Finanzmärkte durch Schaffung neuer regulatorischer Rahmenbedingungen allein nicht sicherer und effektiver gemacht werden. Schon in der Vergangenheit hätten starke globale Ungleichgewichte in den Geschäftsmodellen von Banken zu einer für die Stabilität des Finanzsystems sehr nachteiligen Risikoallokation geführt. Als Beispiel führt Hellmich in einer aktuellen Studie die langjährige Renditeschwäche und die fehlenden profitablen Geschäftsmodelle im deutschen Bankensektor an, die zahlreiche Banken in Deutschland über ihr Kreditersatzgeschäft zu semiprofessionellen Risikoinvestoren im Bereich der strukturierten Kreditprodukte werden ließen. Auch heute noch konstatiert der Risikoexperte, dass in Deutschland und Europa zahlreiche Institute zu finden seien, die kein hinreichendes Geschäftsmodell hätten. Neben Overbanking und Nullzinsumfeld würden darüber hinaus die durch Digitalisierung bedingten Änderungen von Informationsflüssen und Distributionskanälen große Teile des klassischen Bankgeschäftes überflüssig machen, so Hellmich.

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
30.11.2015
Quelle(n):
Fotos: Bernd Schaller (Bank-Verlag)
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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