Interview
„Frankfurt wird im Herzen einer europäischen Finanzarchitektur stehen“
 

Im Zuge der Brexit-Diskussion sei es gelungen, die Stärken des Finanzplatzes Frankfurt herauszustellen, betont Hubertus Väth, Chef der hiesigen Finanzplatzinitiative im Interview mit „die bank“. Doch nicht alle Hoffnungen hätten sich erfüllt.

die bank: Sind die Banken in Frankfurt ausreichend auf einen harten Brexit vorbereitet?

Hubertus Väth: Ja. Die Banken, aber auch die Aufsicht und der Gesetzgeber haben die Zeit genutzt, sich auf den harten Brexit vorzubereiten. Das ist insofern wichtig, als dass es fahrlässig wäre zu glauben, ein solch radikaler Einschnitt in über Jahrzehnte gewachsene Strukturen sei in all seinen direkten Auswirkungen und mittelbaren Folgen genau vorherzusagen. Dafür hat der Gesetzgeber im Brexitübergangsgesetz vom 19. Dezember 2018 der Aufsicht sehr weitreichende Möglichkeiten eingeräumt, mit Übergangsfristen flexibel zu reagieren, falls es knirschen sollte.

die bank: Was hat die Brexit-bedingte Aufmerksamkeit dem Finanzplatz Frankfurt gebracht?

Väth: Sehr viel und überwiegend Positives. Im Bewusstsein ist nun klar verankert, dass Frankfurt nach London der führende Finanzplatz der EU ist – noch vor Paris, wenngleich der Vorsprung zuletzt schrumpfte. Zudem bleibt festzuhalten: Weltweit hat Frankfurt durch den Brexit so viel Aufmerksamkeit erhalten wie selten zuvor – vergleichbar allenfalls noch mit der Ansiedlung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Jedenfalls haben mehr als 2.000 Medien aus mehr als 91 Ländern überwiegend positiv über den Finanzplatz Frankfurt berichtet. Zusammengenommen entspricht das einem Werbewert von deutlich mehr als 100 Mio. Euro.

So gelang es, sowohl die offenkundigen als auch die eher unbekannten Stärken des Finanzplatzes und der Region Rhein-Main herauszustellen. Offensichtlich waren: Das Rating, die Rechtssicherheit, die Qualität und Verlässlichkeit der Aufsicht sowie die Wirtschaftskraft Deutschlands, ebenso wie die digitale und physische Infrastruktur der Region. Mehr erklären mussten wir bei Schulen, Forschungseinrichtungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften, der Internationalität und Lebensqualität der Region. Heute ist jedem Entscheider klar: Der Finanzplatz Frankfurt wird im Herzen einer europäischen Finanzarchitektur post-Brexit stehen.

die bank: Frankfurt wollte nach dem Referendum im Juni 2016 viele Banken an den Main locken. Wo steht der Finanzstandort diesbezüglich heute im Vergleich zu Finanzplätzen wie Paris, Luxemburg oder Dublin, wenn man die Entwicklung der letzten drei Jahre betrachtet?

Väth: Es gibt verschiedene Formen, das zu messen. Am konservativsten geht sicher die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). vor. Sie zählt nur öffentlich dokumentierte Bekundungen. Hier führt Frankfurt mit 31 Banken vor Paris mit 11, Dublin mit 9 und Luxemburg mit 8. Wir gehen einen Schritt weiter und schauen uns die Anträge an. Mehr als 50 Institute haben fast 60 Anträge auf Aus- oder Aufbau in Frankfurt gestellt. Über 30 davon verlegen im Fall der Fälle ihre Zentrale an den Main. Damit brauchen wir uns nicht zu verstecken. Wir sind damit noch immer in der Poleposition, zum führenden Finanzplatz in der verkleinerten EU zu werden, wenngleich Paris erheblich aufgeholt hat.

Es ist mehr und mehr zum knappen Rennen mit Paris geworden. Zwar könnten wir mit dem Erreichten zufrieden sein, ich bin es aber nicht, weil wir unter unseren Möglichkeiten geblieben sind. Der Hauptgrund dafür liegt zweifelsohne im Verlust der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA). Aber auch unser Ressourceneinsatz war sehr überschaubar. In der Vermarktung ist es wie im Fußball: Geld ist zwar nicht alles, wenn aber der Unterschied zu groß ist, setzt sich die stärkere Seite über eine lange Strecke durch.

die bank: Hat die Bundesregierung aus ihrer Sicht genug getan, damit Frankfurt vom Brexit-Sog profitiert?

Väth: Als Werber wünscht man sich selbstverständlich immer noch mehr Unterstützung, aber ich habe keinen Grund zur Klage. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir ein föderativer Staat sind, und es ist die hessische Landesregierung, die zuerst Verantwortung trägt. Bis zum Ministerpräsidenten hoch wurden wir verlässlich unterstützt, und viele Bundesinitiativen nahmen in Hessen Ihren Ausgang. Ein deutliches Zeichen setzte auch der Besuch der Kanzlerin in Frankfurt auf Einladung des Ministerpräsidenten. Wichtig ist dabei, dass wir auch halten, was wir versprechen – wie im Falle der Lockerung des Kündigungsschutzes, den Hessen auf den Weg gebracht und durchgesetzt hat. Versprechen zu halten war uns immer wichtig.

Ohnehin hat das bereits erwähnte Brexitvorbereitungsgesetz des Bundesfinanzministeriums (BMF), das auch die Änderung des Kündigungsschutzes regelt, die deutsche Verlässlichkeit unter Beweis gestellt. Die Bundesregierung hat in diesem und auch in vielen anderen Fällen immer wieder dafür gesorgt, dass der mögliche Schaden eines Brexits so gering wie möglich ausfällt.

Und damit nicht genug: So laden wir beispielsweise Mitte Oktober in enger Kooperation mit dem Auswärtigen Amt (AA) mehr als 20 Botschafter der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) in den internationalen Club des AA ein. Unmittelbar danach werden wir viele dieser Länder besuchen, um vor Ort in den deutschen Botschaften für den Finanzplatz zu werben. Das ist eins von vielen Beispielen für eine besondere Unterstützung.

die bank: Sie hatten früh geschätzt, dass der Brexit dem Finanzplatz Frankfurt 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze bescheren könnte. Bleiben Sie bei dieser Prognose?

Väth: Ich hatte die Prognose von 10.000 Arbeitsplätzen schon damals an drei Bedingungen geknüpft. Zum einen sollte das Passporting für Finanzprodukte verloren gehen, was sich klar abzeichnet. Zum anderen war die Zahl an die Hoffnung geknüpft, dass die EBA nach Frankfurt kommt. Stattdessen zog sie nach Paris, und das hat gerade auch der französischen Hauptstadt als stärkstem Wettbewerber Rückenwind verschafft. Außerdem müsste das Euro-Clearing noch an den Main ziehen. Dafür gibt es zwar Indizien, aber die Messe ist noch nicht gelesen. Zudem sollte die Zahl 10.000 binnen fünf Jahren erreicht werden. Eine Verzögerung des Austritts über den März 2019 hinaus war zu der Zeit, als ich die Prognose abgab, noch nicht absehbar – geschweige denn eine nun nicht auszuschließende weitere Verlängerung über den 31. Oktober hinaus.

Wir stehen aktuell alleine bei den Auslandsbanken unter 1.500 nach Frankfurt verlagerten Arbeitsplätzen. Zudem haben rund 2.000 Mitarbeiter von Finanzinstituten Klauseln in Ihren Verträgen, die regeln, dass sie jederzeit nach dem erfolgten Brexit an den Main geschickt werden können. Das sind zwar in der Summe noch keine 10.000 Jobs, aber wenn der Brexit denn kommt, ist das schon eine gute Zahl. Doch selbst das ist dann noch nicht das Endergebnis, dieses kann nach oben oder unten noch erheblich abweichen, insbesondere dann, wenn sich die Clearingfrage geklärt hat. Was wir zudem heute sehen, ist eine neuerliche Fragmentierung in Europa – oft bedingt durch Steueranreize, wie sie in Italien und Frankreich eingesetzt wurden. Sobald diese Anreize auslaufen, wird es zeitversetzt wieder zu einer Konsolidierung kommen, die es nicht ohne Grund in London gab.

die bank: In einem Interview sagten Sie kürzlich, dass die meisten Banken so wenig Personal wie möglich aus London abziehen wollen und sie ihre Niederlassungen in Frankfurt oder Paris nur als Absicherung betrachten. Woher kommt diese Zurückhaltung?

Väth: Der Finanzplatz in London ist das Ergebnis einer Jahrzehnte langen Konzentrationsbewegung an der Themse. Die Skaleneffekte sind enorm, die Abhängigkeit vom Common Law erheblich und die Bündelung von Know-how in der britischen Hauptstadt nicht zu unterschätzen. Insofern geht die Verlagerung und die damit einhergehende Fragmentierung von Geschäft und Personen gegen den inhärenten Trend. Wer nicht verlagern muss, der verlagert nicht. Daher bereiten sich die Finanzinstitute eben nur auf die regulatorischen Mindestanforderungen vor.

Versäumt wurde leider, die Verlagerung als Chance für mehr Digitalisierung zu begreifen, um effizientere Strukturen auf dem Kontinent zu schaffen. Deren Potenziale sind sicher noch nicht ausgeschöpft. Stattdessen waren diese Strukturen oft nur reine Kopien der Systeme auf der Insel mit den gleichen Arbeitsabläufen, der gleichen Personalstruktur und mit dem gleichen Grad der Digitalisierung und Effizienz wie in London. Hier wurde in den allermeisten Fällen versäumt, die möglichen Effizienzsteigerungen durch einen hören Grad an Digitalisierung auszunutzen.

Das birgt erhebliche Risiken, denn solche Doppelungen wird man bei jeder sich bietenden Möglichkeit wieder abbauen wollen. Dauerhafte Verlagerungen werden wir dagegen erst erleben, sobald der Brexit vollzogen ist und wir wissen, was er konkret für Folgen hat. Bis heute sehen wir lediglich die Spitze des Eisbergs, den man gemeinhin in seinem Umfang unterschätzt, wenn man sich nur an das unmittelbar Sichtbare hält.

die bank: Die Bankchefs in London fürchten sich mittlerweile offenbar mehr vor einer Regierungsübernahme durch Labour-Parteichef Jeremy Corbyn als vor einem harten Brexit. Woher rührt die Angst vor Corbyn?

Väth: Das müssen Sie diese Bankenchefs fragen.

die bank: Mit welchem Ausgang des Brexit-Dramas rechnen Sie vor dem Hintergrund der Entwicklungen in Großbritannien in den letzten Wochen?

Väth: Auf diese Frage können Sie nur mit Szenarien und Wahrscheinlichkeiten antworten. Wir erwarten seit vielen Monaten eine neuerliche Verschiebung auf Ende Januar 2020, zuvor dann noch eine Neuwahl, mit ungewissem Ausgang, und dann, abhängig vom Wahlergebnis, eine Einigung. Dass Europa sich ein zweites Referendum wünscht, ist zwar nachvollziehbar und auch nicht ausgeschlossen, aber weit weniger wahrscheinlich, als man den hiesigen Medienberichten entnehmen kann.

Die Fragen stellte Dogan Michael Ulusoy.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
07.10.2019
Quelle(n):
Bildquelle: iStock.com/MarkusBeck
Autor/in 
Redaktion die bank


Hubertus Väth ist Geschäftsführer bei der Frankfurt Main Finance e.V., einem Zusammenschluss von Akteuren auf dem Finanzplatz Frankfurt, der sich für die Anliegen der Beteiligten einsetzt.
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