Geschäftsmodelle
FinTech Wikifolio an der Gewinnschwelle

FinTechs in Deutschland gibt es mittlerweile in großer Zahl, aber nur wenige Start-ups haben bislang den Nachweis erbracht, dass ihr Geschäftsmodell langfristig tragend ist und die angebotenen Dienstleistungen oder Produkte auch ohne starken Partner aus der Kreditwirtschaft eine breite Akzeptanz finden. Dennoch ist der deutsche FinTech-Markt für Investoren ganz offensichtlich interessanter geworden: Im ersten Quartal des laufenden Jahres haben deutsche FinTechs von Wagniskapitalgebern 134 Mio. € erhalten, was einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dies geht aus der "FinTech Money Map" von Barkow-Consulting hervor, die die Venture Capital-Highlights analysiert hat. Gründe für den Anstieg sind nicht nur in Neugründungen, sondern insbesondere im Wachstum der bereits bestehenden Unternehmen zu finden. Ein gutes Beispiel hierfür ist Wikifolio.com, eine Social Trading-Plattform für Anlagestrategien von privaten Tradern und professionellen Vermögensverwaltern. Das FinTech wurde 2012 in Wien gegründet und Ende 2014 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Rund 15 Gesellschafter des Unternehmens, darunter die Verlagsgruppe Handelsblatt, das Emissionshaus Lang & Schwarz sowie das Venture Capital-Unternehmen Speed Invest, haben das rasante Wachstum und Investitionen von rund 8 Mio. € in die technische Entwicklung mitgetragen. Vermutlich werden die Eigner noch einige Freude an ihrem Investment haben, denn Wikifolio gilt als eine der absolut angesagten Adressen der Finanzindustrie. Die Belegschaft von derzeit 30 Mitarbeitern soll zeitnah auf 60 wachsen. Operativ erzielt das Jungunternehmen schon jetzt einen knapp siebenstelligen Gewinn, wie Wikifolio-Gründer und CEO Andreas Kern vor Mitgliedern des Düsseldorfer Finanz Forums (DFF) berichtet. Prinzipiell könnte zwar schon jetzt auf Gewinn ausgesteuert werden, doch sollen zuvor die Partnerschaften ausgebaut und Markteintritte in weitere europäische Länder realisiert werden. Zudem steht die Entwicklung von Schnittstellen für die Anwendungsprogrammierung (API), ein schnell reagierendes Risiko-Klassifizierungssystem sowie die die Öffnung des Innovationsprozesses für Dritte (Open Innovation) auf der Agenda. Diese Vorhaben dürften zunächst eine weitere Kapitalerhöhung unumgänglich machen. Doch Unternehmensgründer Kern ist von dem Geschäftsmodell überzeugt.
„Einfachheit, Transparenz und geringe Kosten müssen bei der Kapitalanlage im Vordergrund stehen“, so Kern. Er sieht sein Unternehmen, das alle Handelsaktionen der Social Trader in Echtzeit zeigt, hier in einer Vorreiterrolle. Käufe und Verkäufe in den Wikifolios sind – anders als bei Investmentfonds – komplett gebührenfrei. Ein anderes Erfolgsgeheimnis ist die Kompatibilität zu klassischen Kreditinstituten. „Wir treten nicht als Feind der Banken auf, sondern als Partner“, sagt Kern. Vermögensverwalter, Online Broker und institutionelle Investoren könnten über eine Kooperation neue Kundengruppen erschließen, wenngleich rund 96 Prozent der Social Trader bei Wikifolio männlich sind. In Deutschland arbeitet Wikifolio u.a. mit der Börse Stuttgart, dem Sparkassen Broker, der Comdirect Bank, der Consorsbank sowie mit HSBC und der UBS zusammen. Interessant ist für die Institute auch die Nutzung des Contents (300.000 Kommentare), den die Trader selbst geschaffen haben, und für die Partner einen hohen Nutzen stiftet. Zuletzt konnte das Anlageuniversum durch eine 2015 verkündete Zusammenarbeit mit der Société Générale um weitere 35.000 Produkte erweitert werden. Die französische Großbank steuert u.a. exotische Optionsscheine – eine Weiterentwicklung klassischer Call- und Put-Optionsscheine – bei, die Tradern mehr Möglichkeiten zur Absicherung von Positionen eröffnet, insbesondere in Seitwärtsmärkten oder Perioden fallender Volatilitäten. Demnächst soll die gesamte in Deutschland gehandelte Produktpalette der Société Générale auf der Social Trading-Plattform aufgenommen werden. Geplant ist darüber hinaus die Erweiterung von User Groups und die Einrichtung von Robo Advisory-Funktionen im Laufe des Jahres 2016.

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Artikel veröffentlicht am:
12.04.2016
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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