Unsicherheiten nehmen zu
Exit vom Brexit?

Bei der vorgezogenen britischen Parlamentswahl hat die Konservative Partei mit der Premierministerin Theresa May die absolute Mehrheit im Unterhaus verloren. Für Großbritannien aufgrund des Mehrheitswahlrechts ungewöhnlich, muss es in den nächsten Wochen Koalitionsverhandlungen geben. Politische Unsicherheiten sind für die Finanzmärkte kurzfristig Gift. In ersten Reaktionen verliert das britische Pfund gegenüber dem Euro und dem Dollar an Wert. „Großbritannien hat ein hohes Außenhandelsdefizit und ist damit von einem stabilen Pfund abhängig, um die britische Konjunktur zu stützen. Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Märkte längerfristig mit Unruhe auf die Wahl reagieren“, so Dr. Sebastian Klein, Vorsitzender des Vorstandes der Fürstlich Castell´schen Bank.

Im Gegensatz zum Brexit-Votum scheinen bei der Parlamentswahl die jungen Wähler vom Herausforderer Jeremy Corbyn (Labour) mobilisiert worden zu sein. Auch das Erstarken der Liberal Democrats, die sich klar gegen einen Brexit positioniert haben, zeigt dies. „Wir sehen uns durch diese Wahl in unserer Annahme bestärkt, dass es voraussichtlich zu keinem harten Brexit kommen wird. Entweder wird es zu einem sogenannten weichen Brexit kommen oder es erscheint auch noch möglich, dass das Thema Brexit unter den Tisch fällt“, sagt Bankchef Klein. Ein solcher Exit vom Brexit ist mit Blick auf die Beteiligung der jungen Wähler und die Zugewinne der Liberal Democrats in der Parlamentswahl wahrscheinlicher geworden. Re-Europäisierung statt Re-Nationalisierung könnte die wirtschaftliche Erholung in Europa weiter beflügeln.

Die Marktteilnehmer waren auf dieses überraschende Wahlergebnis im Vereinigten Königreich mal wieder kaum vorbereitet. „Zwar waren leichte Zweifel aufgekommen, nachdem sich die Umfragewerte der Konservativen und die der Labour Partei dramatisch annäherten, doch ein Wahlsieg der Konservativen war weiterhin das Basisszenario der meisten Marktteilnehmer“, sagt Michael Metcalfe, Leiter der Abteilung Macro Strategy von State Street. „Der einzigen Sache, der wir uns jetzt sicher sein können, ist, dass die politischen Unsicherheiten erheblich zunehmen werden, und damit auch die für britische Vermögenswerte verlangte Risikoprämie. Parteigrenzen und -spaltungen sind heute ganz anders gelagert als 2010, als keine Partei im Parlament die absolute Mehrheit hatte, weshalb es heute deutlich schwieriger ist, arbeitsfähige Koalitionen zu bilden“, so Metcalfe. Dagegen stehen die Chancen für eine Minderheitsregierung oder eine erneute Wahl innerhalb des nächsten Jahres deutlich höher. Die Regierung ist bereits an ihrer ersten Wahlhürde gestürzt. Das geplante Vorgehen zur Überwindung der wahrscheinlich höheren und gefährlicheren Hürde in Form des Brexits wird nun sicherlich verschoben werden. „Dies ist ein Schock, auf den die Marktteilnehmer nicht gut vorbereitet waren, weshalb das Pfund Sterling voraussichtlich weiter unter Druck bleiben wird“, glaubt Metcalfe.

"Wer auch immer jetzt die Regierungsverantwortung im Vereinigten Königreich übernehmen wird, ihr oder ihm muss klar sein, dass der Kurs 'Alles oder Nichts' bei der britischen Bevölkerung keine Unterstützung gefunden hat. Meine Hoffnung ist, dass die Austrittsverhandlungen nun mit mehr Vernunft und Sachlichkeit geführt werden können. Aber: Die Zeit läuft, daher sind Übergangsregeln auf der Basis des Status quo unverzichtbar, um Verwerfungen für ganz Europa zu verhindern", so Michael Kemmer, Chef des Bankenverbands, in einer ersten Stellungnahme zum Ausgang der Wahlen im Vereinigten Königreich.

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Artikel veröffentlicht am:
09.06.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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