Marktanalyse
Es könnte schwierig werden

Seit den US-Wahlen im letzten Herbst waren die Anleger wie elektrisiert, doch haben Präsidentenwechsel einem in die Jahre gekommenen Konjunkturzyklus noch nie neues Leben eingehaucht. Der derzeitige Aufschwung wird jetzt acht Jahre alt. Zum Vergleich: Im Schnitt dauerten Konjunkturzyklen in den USA fünf Jahre, und der längste Zyklus aller Zeiten gerade einmal zehn. In den letzten Monaten hat sich das Weltwirtschaftswachstum etwas beschleunigt. Es gibt aber wenig Anzeichen dafür, dass dies mehr ist als ein kurzfristiges Zwischenhoch, in einem Zyklus mit viel Auf und Ab. In den USA steigen die Realeinkommen weniger stark und die Gewinnmargen gehen zurück. Hinzu kommen einige schwache Frühindikatoren. Investoren sollten deshalb über den Schutz ihres Kapitals nachdenken – für den Fall, dass der Konjunkturzyklus plötzlich endet.

Ist der fast achtjährige Anstieg der Aktienkurse und der Bewertungen gerechtfertigt? Eindeutig ja. Seit März 2009 verzeichnete der S&P 500 Index etwa 250 Prozent Gesamtertrag, vor allem aus zwei Gründen: erstens wegen der weltweit extrem lockeren Geldpolitik nach der Bankenkrise, durch die die Erträge sicherer Anlagen so niedrig wurden, dass risikoreichere Titel plötzlich wesentlich attraktiver schienen als sonst. Und zweitens wegen der gestiegenen Gewinnmargen -- die in diesem Konjunkturzyklus etwa 80 bis 90 Prozent höher waren als im Langfristdurchschnitt -- und der höheren Cashflows.

Aber beides könnte schon bald zu Ende gehen. Die Notenbanken werden weniger expansiv. Die Fed befindet sich in einem Zinserhöhungszyklus, und es steigt der Druck auf die europäische Zentralbank und andere, ihr Quantitative Easing zu verringern. Die Gewinnmargen gehen zurück, weil internationale Unternehmen aufgrund der zurzeit wenig globalisierungsfreundlichen Politik weniger stark auf billige ausländische Arbeitskräfte zurückgreifen. Hinzu kommen steigende Kapitalkosten, da die Zinsen steigen. Wegen niedriger Investitionen haben sich die Gewinnmargen zwar einigermaßen gehalten, doch schwächt dies auch den zukünftigen Produktivitätsanstieg. Die Bilanzen grundsolider Unternehmen haben sich zuletzt verschlechtert, da Fremdkapitalquote und Schuldendienstdeckungsgrad auf ein Niveau gestiegen sind, wie es letztmals vor dem Höhepunkt des US-Immobilienzyklus im Jahr 2007 zu sehen war. All dies lässt Zweifel aufkommen, ob die Unternehmen ihre Gewinne tatsächlich so stark steigern können, dass die derzeit sehr hohen Bewertungen gerechtfertigt sind.


Der Markt setzte in diesem Herbst zu einem Aufschwung an, als sich der Weltwirtschaftsausblick verbesserte. Als dann ein neuer US-Präsident gewählt wurde, der eine Reflationspolitik mit Steuersenkungen, Infrastrukturausgaben und aufsichtsrechtlichen Reformen ankündigte, beschleunigte sich die Kursrallye weiter. Eine der größten Sorgen ist aber, dass die Marktteilnehmer zurzeit vom besten aller denkbaren Szenarien ausgehen und die vielen Risiken ausblenden, während sie die Reflationsgeschichte nur zu gerne glauben. Auch Präsident Trump muss sich damit abfinden, dass in Washington die Mühlen bestenfalls langsam und schlechtestenfalls überhaupt nicht mahlen. Selbst wenn ein Gesetz verabschiedet ist, kann es Monate oder Jahre dauern, bis die Infrastrukturprojekte tatsächlich in Gang kommen, denn sie erfordern langwierige Genehmigungsverfahren und Umweltverträglichkeitsprüfungen. Das schwächt die Stärkung der Konjunktur. Da der Kongress alle zwei Jahre neu gewählt wird, hat der neue Präsident realistisch gesehen nur etwa 18 Monate Zeit, um seine wichtigsten Gesetzesvorhaben durchs Parlament zu bringen. Danach beschäftigen sich die Mitglieder des Repräsentantenhauses mit ihrer Wiederwahl, was das politische System weiter bremst. An den Märkten scheint man aber damit zu rechnen, dass große Konjunkturprogramme bereits in diesem Jahr wirken.

Es ist nicht einfach, zu prognostizieren, ob der Markt 2017 steigt oder fällt. Angesichts der äußerst hohen Bewertungen sollten sich Investoren aber vielleicht mit dem Thema Kapitalschutz befassen. In diesem außergewöhnlichen Konjunkturzyklus wurde viel verdient. Kurzfristig noch mehr zu verdienen, könnte aber schwierig werden.

 

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
14.02.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com
Autor/in 
James Swanson
ist Chief Investment Strategist bei MFS Investment Management.
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